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Kommentar

Nach Verbalattacke auf Landwirt: Hut ab vor so viel Großmut

Dieser Artikel ist zuerst in der LAND & Forst erschienen.

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Vienna Gerstenkorn im Portrait
Vienna Gerstenkorn, LAND & Forst-Redakteurin, ist selbst auf dem Hof aufgewachsen, auf dem sie derzeit mit Mann und Kind lebt. Außerdem züchtet sie Angus-Rinder. © privat
von , am
28.04.2017

Landwirte werden öffentlich rüde angepöbelt, und reagieren mit stoischer Ruhe. Unsere Redakteurin Vienna Gerstenkorn, selbst Tierhalterin, bewundert sie dafür.

Das Video sorgt für Furore im Netz: Eine Spaziergängerin beschimpft einen Landwirt – nein, eigentlich seinen ganzen Berufsstand - als „Drecksbande“, deren Produkte kein Mensch brauche.

Und der Landwirt selbst? Ist erschüttert, wie schnell sich sein Handyfilm verbreitete. Nun fürchtet er, dass das Spektakel negative Auswirkungen für seine Familie haben könnte.

Bewunderung für Landwirt nach Verbal-Attacke

Fast wortgleich habe ich diese Befürchtung von einem Schäfer gehört. Er musste vom Wolf gerissene Tiere am Deich zusammensuchen. Muttertiere haben verlammt, andere Lämmer kommen zu früh auf die Welt. Er holt sie in den Stall, wo er sie aufpäppelt und vor weiteren Angriffen schützt. Bei einem Pressetermin wurde er von der Seite angemotzt, dass die Schafe ja ohnehin „geschächtet“ werden würden.

Bei aller Ohnmacht machte sich bei mir Bewunderung breit. Bewunderung für den Großmut und die Ausdauer, die diese Landwirte beweisen. Wie jeder, der Tiere hält, kann ich nachvollziehen, wie sehr eine solche Situation an den Nerven zerrt. Trotzdem hat der Schafhalter dem kritischen Zuschauer seine Lage ruhig erklärt und falsche Zusammenhänge richtig gestellt.

Auch dem Schlepperfahrer zollen viele Respekt, weil er so ruhig geblieben ist. Manche Kommentatoren in den Netzwerken hätten der Pöblerin eine „heilsame Gülledusche“ gewünscht. Das würde vielleicht für den Moment Genugtuung bringen, aber Wutausbrüche bringen uns am Ende nicht weiter.

Landwirte sollte großzügig bleiben

So schwer es auch fallen mag, die Hände vom Gülleschieber zu lassen: Wir Landwirte sollten großmütig bleiben. Alles andere würde auch uns selbst in den Wahnsinn treiben. Liest man, wie stolz Minister Christian Meyer ein neues Weidelabel präsentiert, dann kommt einem schnell in den Sinn: Ja klar, Weidemilch wollen, aber den Wolf auf die Weidetiere loslassen.

Man kann nun auf den Minister schimpfen, weil viele kleine Förderprogramme und freiwillige Entschädigungen nicht angemessene Preise, Wertschätzung und pragmatische Problemlösungen ersetzen.

Beachtliche Leistung beteiligter Landwirte

Man kann aber auch den Minister mit einem Lächeln an der Seite stehen lassen und auf die beachtliche Leistung der beteiligten Landwirte schauen. Über Jahre haben sie mit unendlicher Geduld, sachlichen Argumenten und Hand in Hand eine Weidemilch-Charta auf die Beine gestellt, welche die Halbwertszeit politischer Entscheidungen lange überleben dürfte. 200 Menschen kamen zum Weideauftrieb auf den Hof Hanken. Das ist eine Zustimmung mit den Füßen.

Landwirte grillen, machen „durch Rücksicht Wege breit“, legen Blühstreifen an, erzählen ihre Geschichten auf Facebook, laden Schüler zum Zukunftstag auf ihre Höfe ein und demonstrieren friedlich – nicht gegen den Wolf an sich, sondern gegen das System, das sie und ihre Tiere nicht ernsthaft vor seinen Angriffen schützt. Damit stehen sie nicht allein: Beim Wolfsmahnfeuer in Grethem zeigten sich viele Menschen aus dem Dorf mit den Tierhaltern solidarisch.

Dialog - ehrlich und konstruktiv

Leider sind die Pöbler laut und übertönen oft die breite Mehrheit, die gegenüber Landwirten positiv gestimmt ist. Die und die „Neutralen“ können wir mit originellen Aktionen für einen ehrlichen und konstruktiven Dialog über die Zukunft der Landwirtschaft gewinnen. Der ist richtig und wichtig, auch für uns Landwirte. Denn unser Berufsstand hat gute Argumente. Glaubwürdig ist er aber nur, wenn er Einheit beweist und auch andere Wirtschaftsweisen wertschätzt.

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