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Betriebsführung

Welche Größe ist denn groß genug?

von , am
06.11.2013

Die moderne Landwirtschaft steht weiter im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und wirtschaftlichen Zwängen, für die Landwirte ist das ein ständiger Spagat.

Rekord: 1.200 Besucher kamen vorige Woche zum 14. Unternehmertag nach Oldenburg. © LWK
Für Arendt Meyer zu Wehdel, Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, ist klar: "Viele junge Betriebsleiter stehen vor der Entscheidung, den Familienbetrieb weiterzuführen oder der Landwirtschaft den Rücken zuzukehren".

Zwischen den Verbrauchern mit ihren steigenden Anforderungen an die Landwirte und der Akzeptanz der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit klafft für ihn ein großes Loch. In den Köpfen der Menschen herrsche heutzutage leider zu häufig ein falsches Bild von der Landwirtschaft vor.

Vorteile für die Großen

"Unsere landwirtschaftlichen Betriebe sind nicht nur Produzenten qualitativ hochwertiger Lebensmittel. Für sie stehen auch Nachhaltigkeit, Energieerzeugung, Erhalt von Kulturlandschaften und Umweltschutz im Fokus". Forderungen nach vermehrter Transparenz, Rückverfolgbarkeit und steigendem Tierwohl seien nachvollziehbar; die Kosten für immer höhere Auflagen müssten aber auch wieder "reinkommen". Das stetige Wachstum ist für Meyer zu Wehdel kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit, um den Betrieb zukunftsfähig zu halten.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) will die Agrarwende vor-antreiben und ein Wachstum an Qualität, dabei aber die Landwirte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Qualitätserzeugung mitnehmen. "Ziel ist es, die Vielfalt der bäuerlichen Betriebe in Niedersachsen zu stärken", sagte der Minister vorige Woche vor 1.200 Besuchern beim Unternehmertag in Oldenburg, der zum 14. Mal von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, der Arbeitsgemeinschaft der Volks- und Raiffeisenbanken Weser-Ems sowie dem Landvolk Niedersachsen initiiert wurde.

Mit Blick auf die anstehenden Verhandlungen zur nationalen Umsetzung der EU-Agrarreform kritisierte Meyer die Pläne des Bundeslandwirtschaftsministeriums, die für Niedersachsens Bauern besonders große Einschnitte bedeuten würden. "Niedersachsen darf am Ende nicht als der große Verlierer dastehen", sagte er. Nötig sei eine Umverteilung der Subventionen von ganz großen zu kleinen und mittleren Betrieben. "Wir müssen weg von der Einheitsprämie", so der Minister.

Maßgeblich sei für ihn die kürzlich in Kraft getretene Novelle des Baugesetzbuches, die einen Rahmen von 30.000 Masthähnchen, 1.500 Schweinemastplätzen und 600 Kühen vorsieht. Größere Einheiten will der Minister nicht mehr fördern, wobei er den Wert von 600 Milchkühen als zu hoch ansieht und sich für 200 bis 300 Tiere aussprach. Meyer möchte die Bauern auf dem Weg zu einer nachhaltigen Qualitätserzeugung mitnehmen und dabei die Stärken der Land- und Ernährungswirtschaft fördern. Gleichzeitig möchte er vorhandene Schwächen angehen. Dazu gehören vor allen Dingen die Nährstoffüberschüsse in Veredlungshochburgen, die negative Klimabilanz und der zu hohe Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung.

Vorteile für die Großen

Unter dem Motto "Zukunftssicherung - ist größer immer effizienter?" spannte Professor Dr. Enno Bahrs von der Universität Hohenheim den Bogen von der individuellen zur kollektiven Zukunftssicherung. Zu Letzterer zähle aus nationaler und internationaler Perspektive neben dem Umwelt-, Natur- und Klimaschutz auch die ausreichende Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln und Energie.

Ausführlich setzte sich der Referent mit der Effizienz auseinander, also mit möglichst wenig Einsatz von Ressourcen möglichst viel zu produzieren.  Aus betriebswirtschaftlicher Sicht seien im Durchschnitt die größeren Betriebe effizienter. Bei der ökologischen Effizienz gehe es nicht so sehr um die Menge, sondern z. B. um die Emission von klimarelevanten Treibhausgasen, die je Produkteinheit möglichst gering sein sollten.

In der Agrarpolitik lässt sich z. B. die (wirtschaftliche) Betriebsgröße in Form des Standardoutputs definieren, der einen Größenvergleich landwirtschaftlicher Betriebe mit verschiedenen Produktbereichen ermöglicht. Der Standardoutput ergibt sich je Flächeneinheit einer Pflanzenart (in ha oder m²) bzw. je Stück Vieh einer Tierart aus der Multiplikation der erzeugten Menge mit dem zugehörigen Ab-Hof-Preis auf der Basis von Durchschnittswerten. Die Summe ergibt die Marktleistung des Betriebse, die in Größenklassen eingeteilt wird.

Für Hubertus Berges, Landwirt mit Schwerpunkt Ackerbau und Schweinemast aus dem Kreis Cloppenburg, ist wichtig, dass sich „die Struktur der Landwirtschaft parallel zur Struktur der Gesellschaft weiterentwickelt“. Er prognostizierte, dass das Wachstum künftig eher qualitativ ausfallen werde, da quantitatives Wachstum sowohl gesellschaftlich als auch gesamtbetriebswirtschaftlich an Grenzen stoße. Gegenwärtig könnten die Produktionskosten durch eine Erweiterung nicht automatisch gesenkt werden, sondern klettern teilweise.  
So würden 2.000 Schweinemastplätze, gewerblich betrieben mit Gülleabfuhr und Abluftwäscher, pro verkauftes Schwein zusätzlich mit mindestens 10 € zu Buche schlagen. Neben dem intensiven Wachstum gebe es auch noch ein verhaltenes betriebliches Wachstum, ein abwartenden Verhalten und schließlich auch den Ausstieg aus der landwirtschaftlichen Produktion.

Durch den Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte ist bei den verbliebenen Betrieben der einzelbetriebliche Spezialisierungsgrad deutlich gestiegen. Gleichzeitig sind diese Betriebe stark gewachsen. Einzelbetriebliches Wachstum ist für Berges kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit, um speziell bei Haupterwerbsbetrieben die Basis zu halten und Landwirtschaft auch im Vollerwerb weiter betreiben zu können.

Starkes einzelbetriebliches Wachstum wird in der gesellschaftlichen Wahrnehmung besonders in den letzten Jahren immer kritischer gesehen. „Irgendwann muss das doch mal ein Ende haben“ heißt es dann lapidar. "Die Frage ist, in wieweit wir uns eine Strukturkonservierung leisten können, ohne die Basis unseres Wirtschaftens zu gefährden. Dabei sind die zum Teil stark kritisierten Wachstumsbetriebe noch am besten in der Lage, einen gewissen Wachstumsstillstand hinzunehmen, eben weil sie schon eine gewisse Größe haben", so der Schweinehalter.

Gut vernetzt zeigte sich Annegret Dallmann, stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung der Norddeutschen Direktvermarkter. Ihre Milchquote ist aufgeteilt in Molkerei- und Direktvermarkterquote; 350.000 l Vorzugsmilch werden direkt verarbeitet und vermarktet. Die Produkte ihrer Hofmolkerei in der Nähe von Hamburg liefert sie an 1.000 Haushalte sowie 100 Schulen und Kindergärten.

Dallmann schilderte, dass sich die Anforderungen der Gesellschaft in der Vergangenheit stark verändert hätten, das Interesse an regionalen Produkten sei stetig gestiegen. Immer mehr Kunden fühlten sich dem Betrieb verbunden; Hof Dallmann sei zur Marke geworden.
Selbst der Einzelhandel reagiere inzwischen auf den Trend  der Regionalität. Selbstverständlich sei man auf dem Hof Ansprechpartner für die Kunden und auch sonst wird eine intensive Öffentlichkeitsarbeit betrieben.

Dallmann nannte auch die immer weiter steigenden wirtschaftlichen Zwänge. Dazu gehören der Anstieg der Pachtpreise seit der Energiewende, gesetzliche Vorgaben der Lebensmittelproduktion, steigende Energiekosten für Logistik und Produktion.
Landvolk-Vizepräsident Heinz Korte setzt weiter auf einen Dialog mit dem neuen Landwirtschaftsminister, um gemeinsam Lösungen für die anstehenden Probleme zu suchen. Dabei sprach er sich deutlich gegen eine Überregulierung durch eine Vielzahl von ordnungsrechtlichen Maßnahmen und für eine wettbewerbsfähige Tierhaltung im starken Agrarland Niedersachsen aus.

Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit für die Familienbetriebe sowie der unterschiedliche Nährstoffanfall und die Verteilung in der gesamten Region spielten in der sehr sachlichen Diskussionsrunde mit den Referenten und Kammerdirektor Hans-Joachim Harms als Moderator eine zentrale Rolle.  

Zuvor hatte Peter Kuhlmann-Warning von den Volks- und Raiffeisenbanken die Leistungsfähigkeit der hiesigen Landwirte gelobt, obwohl deren Image derzeit "etwas angekratzt" sei.
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