Login
Betriebsführung

Weniger regulieren

von , am
11.09.2013

Die Eigenverantwortung der Landwirte muss gestärkt werden. Dazu gehört ausreichend Spielraum für unternehmerische Entscheidungen im Agrarsektor. Eine Voraussetzung dafür sind sichere Rahmenbedingungen.

Reger Zuspruch: Rund 500 Besucher kamen vorige Woche zu den Unternehmertagen der DLG nach Magdeburg. © DLG
Wesentliche Aufgabe der Politik müsse es sein, Kreativität, Innovationskraft und die Bereitschaft der Landwirte zur Übernahme von Verantwortung zu fördern, sagte Präsident Carl-Albrecht Bartmer auf den Unternehmertagen  der DLG vorige Woche  in Magdeburg. Er beklagte vor 500 Teilnehmern eine "immer kürzere Halbwertszeit politischer Zusagen". Dieses Verhalten stelle für die Landwirtschaft ein großes Risiko dar. Mit Nachdruck warnte Bartmer davor, den ländlichen Raum immer stärker zum Gegenstand eines detaillierten gestalterischen Willens der Politik zu machen.  "Wenn staatliches Handeln über ein vernünftiges Maß hinausgeht, hemmt das die Kräfte von Menschen, die in ländlichen Räumen leben, diese detailliert kennen und entwickeln wollen", erklärte der Präsident. Derzeit erlebe man eine "neue Konjunktur von Eingriffen des Staates in den Einzelbetrieb".

Bartmer wies darauf hin, dass sich politische Vorgaben für die Landwirtschaft immer stärker aus dem Erfahrungshorizont der Städte speisten. Staatliches Handeln sollte aber nicht "über einen vernünftigen ordnungspolitische Rahmen hinaus" gehen. Gleichwohl müssten diese Rahmenbedingungen verlässlich sein und dürften sich je nach Großwetterlage nicht übermäßig ändern. Der Präsident wünscht sich zudem "die Unbestechlichkeit des Staates bei dessen Rolle als Grundbesitzer, wenn er in Ausschreibungen von Verpachtungen über wenige Jahre hinweg Höchstpreise durchsetzt". Wie sich diese Art zu verpachten mit der Forderung nach nachhaltigen Bewirtschaftungssystemen verbinden lasse, bleibe ein Rätsel.  
Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik vom Bundeslandwirtschaftsministerium, Prof. Harald  Grethe, plädierte für eine differenzierte Beurteilung von staatlicher Regulierung. Rahmenbedingungen seien wichtig für das effiziente Funktionieren von Märkten. Negative Effekte auf Dritte würden begrenzt, positive gefördert. Hohe nationale Standards könnten allerdings erhebliche Kosten verursachen.Grethe berichtete von einer "deutlichen Lücke zwischen der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Landwirtschaft und dem Anspruch an die Landwirtschaft". Zum einen habe sich die Gesellschaft von der Landwirtschaft entfernt und habe keine Vorstellungen mehr über die Betriebsabläufe. Zum anderen entfremde sich die Landwirtschaft von der Gesellschaft und passe nicht mehr zu ihren Ansprüchen. Die steigenden gesellschaftlichen Anliegen an Tier- und Umweltschutz seien aber ein natürlicher Prozess im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung.

Um die Lücke vollständig schließen zu können, sei eine zunehmende Regulierung wichtig. Sonst komme der Sektor aus der Diskussion nicht heraus. Die dadurch entstehenden höheren Standards und Produktionskosten könnten zu einer Verlagerung der Produktion führen. Damit werde das eigentliche Politikziel zumindest teilweise verfehlt. Staatliche und private Lösungen müssten das verhindern. Zudem glaubt Grethe, dass eine wachsende Mittelschicht in Entwicklungs- und Schwellenländern die Standards weltweit nach oben treiben werde.

Auf mögliche Neubewertungen einzelner Ackerbaukulturen durch die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ging Cort Brinkmann von der Ländlichen Betriebsgründungs- und Beratungsgesellschaft (LBB) ein. Anpassungen in der Fruchtfolge müssten vor allem die Betriebe vornehmen, die bisher "Maismonokulturen für Biogasanlagen" gehabt hätten. Aber auch die spezialisierten Ackerbaubetriebe  mit klassischer Raps-Weizen-Weizen-Fruchtfolge sollten neu planen. Bei Raps geht Brinkmann von einer sinkenden Nachfrage aus. Zuckerrüben würden auch nach Ende der Zuckermarktordnung ab 2017 in Deutschland angebaut.

Es werde aber stärkere Preisschwankungen geben; die alternative Verwendung der Rüben in Biogasanlagen werde steigen. Aufgrund des aktuellen Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) werde wohl die Anbaufläche für Silomais nicht weiter ausgeweitet. Somit stelle Körnermais für Weizen eine höhere Konkurrenz als Silomais da.
Der Geschäftsführer der AGRO-Produkt GmbH im sächsischen Leubsdorf, Gerhard Opitz, erklärte mit Blick auf das Milchquotenende 2015, die Anforderungen an das Management im Betrieb und in der Erzeugergemeinschaft stiegen, insbesondere beim Vertrags-, Preis- und Mengenmanagement. Die nach dem Quotenende angenommene deutlich wachsende Milcherzeugung werde zu vermarkten sein, wenngleich regional unterschiedlich. Eine enge Zusammenarbeit der Milcherzeugergemeinschaften in der Region und darüber hinaus sei dabei wichtig.

Für die schweinehaltenden Betriebe werden die rein quantitativen Wachstumschancen abnehmen, prognostizierte Stefan Leuer.  Nach Ansicht des Veredlungsreferenten der Landwirtschaftskammer (LWK) Nordrhein-Westfalen galt für die Schweinehalter in Nordwestdeutschland bislang die Regel: "Entwicklung ist, wenn der Betonmischer läuft."
Der damit beschriebene umfangreiche Stallneubau wird laut Leuer künftig aufgrund steigender Auflagen und damit verbundener Mehrkosten nicht mehr der wichtigste Weg der Betriebsentwicklung in der Schweinehaltung sein. Fortschritte in der Produktionstechnik bezeichnete Leier dagegen als "mühsam, aber lohnenswert".

Die gesamten Produktionskosten (Direkt- und Festkosten) dürften nach den Untersuchungen der LWK Westfalen von derzeit rund 154 €/Mastplatz auf mehr als 180 € steigen. Als wichtigste Treiber für diesen Trend nannte Leier neben höheren Ferkelkosten einen auflagenbedingten deutlichen Zuwachs der Energie-, Arbeits- und Gebäudekosten.
Gesetzliche Regelungen und entsprechende Anpassungen seitens der Veredlung habe es immer schon gegeben, erläuterte Leuer. Neu sei insbesondere das große gesellschaftliche Interesse an der Tierhaltung. Das Thema "Tierwohl" spiele in den Diskussionen eine entscheidende Rolle.

"Unternehmerisches Geschick fängt nach wie vor in der Produktionstechnik an", versicherte Leuer. Die "einfache" Betriebsentwicklung werde in den Veredlungsregionen zunehmend schwieriger. Auch Betriebsübernahmen oder Kooperationen seien durchaus Chancen für eine betriebliche Weiterentwicklung.

Für die Vermarktung von Weizen der diesjährigen Ernte gibt es wenig Impulse. "In diesem Jahr ist ein deutlicher Aufbau der Endbestände möglich", sagte Stefan Vogel während der Abschlussdiskussion.

Der Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung des Agrarhandelshauses Toepfer International erwartet "eine mehr als ausgeglichene Weizenbilanz".
Da auch andere Regionen in Europa - von Spanien bis zum Schwarzen Meer - in diesem Jahr gute Ernte verzeichneten, steige in allen Überschussregionen der Exportdruck. Zugleich sei die mittelfristige Finanzierung der Getreideeinfuhren in Ägypten unklar. Das krisengeschüttelte Land zählt zu den wichtigsten Importeuren weltweit.

Von "einer leichten Hoffnung auf höhere Weizenpreise im späten Herbst", berichtete in Magdeburg Getreidehändler Holger Simons von der DLS-Schmitt GmbH. Für Triticale beobachtet Simons einen sich positiv vom Weizen abhebenden Preistrend. Der Rapspreis dürfte vorerst kaum zu alten Höhenflügen von weit mehr als 400 Euro pro Tonne zurückkehren.

Sönke Baden, Ölsaatenhändler bei Bunge, erwartet für die kommenden Monate ein Niveau von "350 € und sicher nicht viel mehr". Der sinkende Absatz von Rapsöl für Treibstoffe zeige bereits klare Wirkung.

Sorgen bereitet in diesem Jahr der erhöhte Befall mit Mutterkorn, nicht nur beim Roggen. Auch Weizenpartien sind häufiger als zuvor betroffen. Zum gesundheitlichen Risiko kommt der wirtschaftliche Schaden: "Zehn Euro Reinigungskosten pro Tonne und ein Mengenverlust von fünf Prozent über die Ausreinigung sind möglich", erläuterte Jürgen Hittel, ATR Landhandel, während der lebhaften Marktdiskussion.                
Auch interessant