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Bioenergie

BIOGAS Convention: Deutliches Klimaschutzsignal gefordert

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Edith Kahnt-Ralle, LAND & Forst
am
15.12.2017

Die Biogasbranche steht in den Startlöchern, um neben Strom auch Wärme, Biodiversität sowie Mobilität und Klimaschutz zuverlässig zu liefern. Doch die Politik zögert weiterhin, die Weichen entsprechend zu stellen. Ein wesentlicher Hebel ist laut Biogasfachverband die CO-2-Bepreisung, die von der neuen Regierung zügig angepackt werden muss.

Der Gebotshöchstwert von 16,9 Cent/kWh eingespeister Strom, die in der ersten Ausschreibungsrunde für Biogasanlagen in diesem Herbst die Grenze darstellten, sind für die bietenden Biogasbetreiber ein Problem. Wie Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas, anlässlich der Biogas Convention  & Trade Fair in Nürnberg feststellte, sind Biogasstrom und die anderen erneuerbaren Stromlieferanten Wind und Solar – für diese gelten noch niedrigere Gebotsgrenzen – nicht miteinander vergleichbar.

Flexibilität wird nicht honoriert

Horst Seide Fachverbandes Biogas

Seide: „Unser Strom ist ein verlässlicher Strom, kein schwankender“. Biogas lagert seinen Strom im Substratlager oder speichert ihn unter den Gashauben. „Wir können liefern, wenn unser Strom gebraucht wird“, so der Biogaslandwirt aus Niedersachsen.
Viele Berufskollegen sind laut Seide auf den Zug Flexibilität aufgesprungen und bieten Regelenergie zur Netzstabilisierung an. Dafür erhalten sie mittlerweile nur noch im Schnitt 0,7 Cent/kW mehr als für den unflexibel eingespeisten Strom. „Das hilft uns Betreibern nicht weiter, unsere Flexibilität wird nicht honoriert“, so Seide. Vor diesem Hintergrund in den Erhalt der eigenen Anlage zu investieren, ist eine Herausforderung. Etwa 20 % der Biogaserzeuger werden nach Ablauf der 20jährigen EEG-Vergütung ihre Anlage deshalb auslaufen lassen.

Weichen anders stellen

Aber noch ist es nicht zu spät, die Weichen anders zu stellen. Deshalb appellierte Seide in Nürnberg an die Politik, Biogas als wichtigen Bestandteil im Klimaschutz wahrzunehmen: „Es ist die größte Sünde dieser Zeit, die alte Kohle im Markt zu lassen und Biogas rauszudrängen."
Selbst ein Teil der Industrie und Gesellschaft sieht laut Seide mittlerweile ein, dass man mit den kohlebetriebenen „Dreckschleudern“ die Pariser Klimaziele nie erreichen wird. Deshalb wird es höchste Zeit, den CO2-Ausstoß der Energieerzeugung  zu „bepreisen“. Mit einem Preis von 30 €/t erzeugtes CO2 lassen sich die Klimaziele doch noch bis 2020 erreichen, ist Seide überzeugt.

Biogas aus Gülle konkurrenzlos günstig

Die CO2-Bepreisung hält der Fachverband für die ganz zentrale Forderung an die nächste Bundesregierung. In den Jamaika-Sondierungsgesprächen ist man dicht an diesem Thema dran gewesen, deshalb glaubt Seide auch, dass durch einen solchen CO2-Preis die Gebotshöchstpreise bei der Ausschreibung für Biogas in Dimensionen angehoben werden können, bei denen viel mehr Anlagen an der Ausschreibung teilnehmen können. Die CO2-Bepreisung macht einen Vergleich der Energieerzeuger in Bezug auf die CO2-Vermeidungskosten möglich.

Hier schneidet Biogas, vor allem aus Gülle, konkurrenzlos günstig ab, mehr noch, bei der Erzeugung von Strom nur aus Gülle ist die CO2-Bilanz negativ, d.h. die Biogaserzeugung entzieht der Atmosphäre noch CO2. Seide: „Wer kann das sonst noch von sich behaupten“. Deshalb ist das Segment der 75 kW-Gülleanlagen - abgesehen von den anderen klimafreundlichen Biogasanlagen - ein besonders wichtiges für den Klimaschutz. Das muss auch die übrige Landwirtschaft erkennen, die von dieser CO2-Vermeidung indirekt profitiert, machte Seide klar.

Ein „Preisschild“ an jede Tonne CO2

BIOGAS-Convention-2017

Der Fachverband hält deshalb in der Ausschreibung eine Sonderregelung für die kleinen Gülleanlagen für geboten sowie im EEG eine Klasse auch für größere Gülleanlagen. Aus Klimaschutzgründen sollte möglichst viel Wirtschaftsdünger zuerst über die Biogasanlagen verstromt werden. Hier sehen die Biogas-Experten in Deutschland noch große ungenutzte Potenziale, die auch vor dem Hintergrund der neuen Düngeverordnung zunehmend in den Fokus der überregionalen Gülleverbringung geraten.

Biogasanlagen liefern aber auch Wärme, was noch viel zu wenig genutzt wird. Da spielt nicht nur das kleine Wärmenetz vor Ort eine Rolle, das Häuser oder kommunale Gebäude im Dorf warm hält, oder die Biogasanlage, die ihre Wärme direkt an Industrieunternehmen liefert, sondern auch das Biomethan, welches ins Erdgasnetz eingespeist wird und an anderer Stelle entnommen und über ein Blockheizkraftwerk verstromt und mit der Abwärme ein Krankenhaus  beliefert. Leider ist es laut Seide  für den Verbraucher bei 50 Cent/l Öl immer noch legitim, sich eine Ölheizung einbauen zu lassen. Der Biogaspräsident: „Damit kann Biogaswärme nicht konkurrieren“. Auch hier sieht der Landwirt die Lösung in dem „Preisschild“ an jeder Tonne CO2, die durch fossile Wärmelösungen erzeugt wird.

Stiefkinder Mobilität und Anbaudiversifizierung

Ein richtiges Stiefkind ist die Mobilität, so der Verbandspräsident in Nürnberg. „Mit Biomethan haben wir einen Treibstoff, der schon heute 90 % weniger Treibhausgasemissionen verursacht als der herkömmliche Benziner“, so Seide. Zu LNG (liquid natural gas) aufbereitet, lässt sich Biomethan sehr gut im Schwerlastverkehr und bei Schiffen einsetzen. In der aktuellen Diskussion um Diesel-Gate und E-Mobilität kommt Biomethan viel zu kurz, findet Seide, der selber ein Pionier in Sachen Biogastankstellen ist. Letztendlich könnte aus Gülle Treibstoff werden, nur es mangelt an dem politischen Willen dazu.

Das gilt auch in punkto Anbaudiversifizierung. Seide: „Insektensterben, Monokulturen, Glyphosat sind die Diskussionen, die wir nicht mehr wegbekommen“. Dabei kann die Biogasanlage auch Blühmischungen vergären. Doch aktuell ist hier wieder die Chance vertan worden, voll durchzustarten: Erfreulicherweise wurde zwar die Durchwachsende Silphie als Greening-Pflanze anerkannt und damit die Chance zu mehr Anbauvielfalt zurückgeholt. Doch Wildpflanzenanbau gehört nicht zu den Greeningpflanzen und ist, wie in dem Workshop „Biogassubstrate“ am Donnerstag deutlich wurde, auch über kein Programm der Agrarumweltmaßnahmen förderfähig.

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