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Energie

Durch Flächenpool ist mehr drin

von , am
28.08.2013

Mit Windparkplanungen ist viel Geld zu verdienen, auch bevor sich überhaupt eine Anlage dreht. Lesen Sie hier, was möglich ist, damit diese Margen nicht nur bei den Projektierungsgesellschaften verbleiben.

Geeignete Standorte für Windenergie sind sehr begehrt und sollten bestmöglich vermarktet werden. © Thomas
Ob Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen: In vielen Bundesländern rollt die Politik der Windenergie an Land den roten Teppich aus, denn beim eigenen Energiemix spielt diese Technik eine zentrale Rolle. In zahlreichen Windenergieerlassen sind die Behörden daher aufgefordert, neue Windeignungsflächen auszuweisen und die regionalen Raumordnungspläne zu ändern. Diese Praxis ruft automatisch Glücksritter auf den Plan, die Landbesitzern von potenziellen Eignungsflächen mit Hochglanzbroschüren den Mund wässrig machen. Sie versprechen horrende Pachten, die sich am Ertrag der Maschinen orientieren oder risikolose Beteiligungen, wenn ganz schnell sogenannte Gestattungsverträge für potenzielle Windstandorte unterschrieben werden.

Unruhe im Dorf

Diese Gestattungsverträge landen dann bei Zwischenhändlern oder Projektierungsgesellschaften und bringen viel Geld, wenn tatsächlich Windenergieanlagen gebaut werden können. Und diese Unterschriften sorgen sehr schnell für eine Menge Ärger, weil sie kommunale Planungen aus einem Guss verhindern und ganze Dörfer spalten können. "Das schafft viel Unruhe und erschwert eine sorgfältige Planung. Auf der einen Seite gibt es Eigentümer, die profitieren und denen große Erträge an die Wand gemalt werden. Auf der anderen Seite sind die Interessen von Bürgern oder angrenzenden Landbesitzern betroffen, die dagegen sind", schildert Dietrich Kraetzschmer von der Planungsgruppe Umwelt ein häufiges Dilemma. Damit stecken kommunale Planer und Politiker oft in der Zwickmühle. Sie wollen keine Spaltung in der Gemeinde riskieren und suchen nach Möglichkeiten, Bürger zu beteiligen. "Mit den Eigentümern steht und fällt alles. Wenn nur einer dem Druck von Projektierungsgesellschaften oder Glücksrittern nachgibt, stellen sich viele Probleme ein, denn der Hebel für eine vernünftige Planung ist futsch", weiß auch Harald Wedemeyer vom niedersächsischen Landvolkverband.  

Bislang  waren die Planung und der Bau eine Domäne großer Projektierungsgesellschaften. Diese leben gut davon, Windparks zu entwickeln und an in- oder ausländische Investoren zu verkaufen. Genau an dieser Stelle setzen immer mehr Landvolkverbände mit eigenen Gesellschaften an. Die Strukturen und Konzepte sind zwar unterschiedlich, der Tenor aber überall gleich. Sie versuchen zunächst alle Landbesitzer davon zu überzeugen, ihre Flächen in eine Gesellschaft zu überführen und zu sichern. Danach warten sie in Ruhe die Ergebnisse der Regionalplanung ab und steigen mit Landbesitzern, Bürgern und Kommunen in die Planungen ein. Bei diesem Modell haben Projektierer das Nachsehen.
 
"Dieses Konzept hat gegenüber reinen Investorenmodellen den Vorteil, dass die hohe Wertschöpfung eines Windparks komplett in der Region bleibt und sich Stadtwerke, Kommunen und Bürger beteiligen können. Es gibt zwar immer Gegner, aber ohne eine breite Beteiligung fehlt die Akzeptanz. Wenn nur wenige profitieren, dann brennt sich das in die Köpfe ein", ist sich Wedemeyer sicher.  Ein alter Haase auf dem Gebiet des Pooling ist der Landvolkverband Diepholz. Er hat über zwei Tochtergesellschaften zehn Windparks geplant und mit der Beteiligung von Bürgen umgesetzt. Er betreut inzwischen 23 Kommanditgesellschaften (KG) und fünf Gesellschaften, in denen die Flächen gepoolt sind. In die Schlagzeilen gekommen ist der Verband unlängst, weil dessen Vorsitzender eine hohe Summe eigenmächtig an eine landwirtschaftliche Einrichtung gespendet hat, ohne die Gremien zu fragen.

Die staatsanwaltlichen Ermittlungen "belasten die an sich guten Bürgerwindparkmodelle", bedauert Wedemeyer. Zu dem Thema will man sich in Diepholz wegen des laufenden Verfahrens auch nicht äußern, wohl aber zum Modell. "Wir planen und betreiben einvernehmlich mit den Gemeinden Bürgerwindparks als KG. Daran dürfen sich die Landbesitzer vorrangig beteiligen, aber im Gegenzug keine hohen Pachten erwarten. Die Zeichnung des restlichen Eigenkapitals wird den Bürgern vor Ort angeboten.

Radius für Beteiligung

Wenn dann noch Geld fehlt, vergrößern wir den Radius für eine Beteiligung", erläutert Algrid Hagen-Gerdes. An dem gerade im Aufbau befinden Windpark Wetscher Bruch mit sechs Anlagen hatten sich neben 164 Kommanditisten auch die Kommunen beteiligt. So stieg die Samtgemeinde Rehden mit 500.000 € und die Gemeinde Rehden mit 250.000 € ein. Weitere 350.000 € haben die Stadtwerke HVB Huntetal investiert. Die Fülle der Gesellschaften erklärt sich aus dem Modell. Der Pool einer GbR kann beispielsweise mehrere Anlagen umfassen, die wiederum unterschiedlichen Kommanditisten und Gesellschaften gehören. Damit es gerecht zugeht, werden die Erträge gleichmäßig auf die Eigentümer verteilt. Eine unkalkulierbare Größe im Geschäft mit der Windenergie sind die hohen Risiken. Diese stecken nicht nur im Betrieb oder dem Windangebot, sondern auch in der Planungsphase. Schließlich müssen potenzielle Betreiber vor einer Genehmigung erst einmal für naturschutzfachliche Gutachten in Vorleistung gehen. Sie sollten aber nicht den zweiten Schritt vor dem Ersten machen. "Oft fehlt der Sachverstand. Mitten in einem Raumordnungsverfahren muss man immer damit rechnen, das Flächen wieder aus den ursprünglichen Eignungsgebieten herausfallen. Wer die Ergebnisse nicht abwartet, hat möglicherweise mit Zitronen gehandelt und viel Geld in Vorplanungen investiert. Das ist weg, wenn Areale doch nicht Teil eines Eignungsgebietes sind", sagt Martin Andrees, Geschäftsführer des Landvolkverbandes Osnabrück.

Landbesitzer "poolen"

Dieser will gemeinsam mit einer privaten Projektgesellschaft am großen Rad drehen und den Projektierern mit Bürgerwindparkprojekten das Wasser abgraben. Dafür hat der Verband fast alle Landbesitzer in einer Gesellschaft gepoolt. Das sind im Landkreis Osnabrück unterm Strich 25 Vorranggebiete für theoretisch 100 Anlagen. "Realistisch bleiben davon 30 bis 60 übrig. Bisher haben wir nur zwei Landbesitzer an Projektgesellschaften verloren und sind sehr zufrieden", sagt er. Auch strategisch hat sich Andrees mit drei Konzepten breit aufgestellt. Zum einen geht es darum, alle Flächen über das Landvolk anzupachten.

Danach können sich Landbesitzer entscheiden, ob sie nur die Pacht wollen oder risikobereit sind und sich an der Windparkplanung beteiligen wollen. "Alternativ helfen wir als Dienstleiter auch denen, die einen Windpark selbst realisieren wollen."  Wichtig sind ihm klare und offene Strukturen zu den Kosten. Die sind nicht immer transparent, weil viel Musik in den Projekten steckt. "Darum wurden Landwirte oft ausgebootet. Wir stehen für transparente Kosten, gute Renditen und Pachten", sagt er. Immerhin ist für Landeigner, die nur die Pacht wollen, eine Mindestsumme 45.000 € pro Anlagenstandort drin. Die Rendite gibt er mit 9 % an. Ähnlich wie in Diepholz genießen vor den Bürgen, Stadtwerken und Kommunen, die Flächenbesitzer den Vorzug bei Beteiligungsangeboten. In die neuen Windparks will auch der Landkreis Osnabrück selbst über eine Energieholding mehrheitlich einsteigen. Das hat Landrat Michael Lübbersmann schon mehrfach verkündet, ohne bei den Landbesitzern auf großes Interesse zu stoßen.

Fehlende Transparenz

Transparenz hat auch Frederik Backerra vom Bauernverband Nordostniedersachsen auf dem Zettel. Der Referent für erneuerbare Energien kommt selbst aus dem Projektierungsgeschäft. "Die Genehmigung von Windparks birgt hohe Risiken, kostet viel Geld und ist sehr intransparent. Unterm Strich wurden Gestattungsverträge oder Projekte deutlich über Gebühr verkauft."

Auch der BVNON bietet in Sachen Windenergie seine Unterstützung an. Eine Frage, die Landbesitzer umtreibt, ist immer die der Pachterlöse. Hier sieht die Lösung des BVNON vor, dass 80 % der Einnahmen auf die Fläche verteilt werden und 20 % auf die überbauten Bereiche. Diese Konzepte gibt es mit unterschiedlichen Verteilungsschlüsseln. Sie sollen dafür sorgen, dass zum Beispiel auch angrenzende Bodeneigentümer profitieren, die den Planungen z.B. über den Eintrag von Baulasten zustimmen müssen. Auch in Lüneburg werden die Flächen durch ein Pooling und Nutzungsverträge zunächst gebündelt und sichergestellt, dass keiner der Beteiligten weitere Verträge mit Dritten abschließt.
 
Ebenso können sich die Landbesitzer entscheiden, ob sie nur Pachten einstreichen wollen, sich als Gesellschafter an einem Bürgerwindparkmodell beteiligen oder für die Risikophase eigenes Kapital vorschießen, um eine hohe Wertschöpfung mit eigenen Anlagen zu erzielen. Wichtig ist, dass die Akteure zusammenhalten. Schließlich ist es auch möglich, die Nutzungsrechte geschlossen an einen Investor zu verkaufen, wenn das Eigenkapital nicht zustande kommt. "Dann sind die Landbesitzer in einer sehr starken Verhandlungsposition. Sie vermitteln sich quasi selbst und können schon zum Baubeginn mit ordentlichen Einmalzahlungen rechnen", sagt Backerra.

Umstellen müssen sich auch die klassischen Windprojektierer. Für die Branche wird es schwieriger, sich Flächen zu sichern und fertige Windparks an Investoren zu verkaufen. "Mit Poolingmodellen werden wir auch in NRW für unser Know-how werben", unterstreicht Michael Scheckel vom Windparkprojektierer Ostwind. Das Unternehmen hat schon mehrere Bürgerwindparks mit unterschiedlichen Konstellationen angeschoben. "Wir sehen uns zunehmend in der Rolle eines Dienstleisters für Kommunen oder Bürgerwindparks".
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