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Energie

Den Klimaschutz fast vergessen

von , am
29.01.2014

Die Diskussion um die Vorschläge zum neuen EEG ist eröffnet. Die Konzentration alleine auf die Stromkosten halten Wissenschaftler aber für falsch.

Fordern von der Politik mehr Weitblick: Prof. Claudia Kemfert und Prof. Uwe Leprich. Die erneuerbare Energie koste nicht nur Geld, sie bringe auch Wertschöpfung und Zusatznutzen. © Geiger
Durch die in der Politik und Wirtschaft sehr einseitig geführte Stromkostendiskussion rückt fast völlig in den Hintergrund, was das Umschwenken auf die erneuerbaren Energien eigentlich bringen sollte: mehr Klimaschutz. Wir in Deutschland wollten uns nicht erst seit Fukuschima auf den Weg machen, unsere Energie nachhaltig und klimaschonend zu erzeugen und die notwendige Technologie dafür zu entwickeln. In den Ausführungen von Dr. Bernhard Dreher vom Bundesministerium für Naturschutz, Umwelt und Reaktorsicherheit, und Dr. Gerd von Laffert vom Bayerischen Ministerium für Wirtschaft, Medien, Energie und Technologie, anlässlich der Podiumsdiskussion auf der Jahrestagung des Fachverbandes Biogas in Nürnberg, wird der Fokus aber überwiegend nur auf die Kosten der Energiewende, nicht aber auf die bisher schon erbrachten Leistungen gelenkt.

Nächste Generation

"Der Klimaschutz ist politisch in den Hintergrund getreten", vernahmen die Zuhörer dann auch die Kritik von Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in der oben genannten Diskussionsrunde. Und Prof. Uwe Leprich von Institut für Zukunftsenergiesysteme (IZES GmbH) formulierte scharf: "Der Fokussierung der Diskussion alleine auf die Stromkosten sollten wir entgegenhalten: Wir leisten uns diese höheren Kosten für die kommende Generation".

Aber diesen Mut, ein als richtig erkanntes Ziel auch langfristig zu vertreten und damit Wirtschaft und Verbrauchern deutliche Signale zu setzen, sucht man in punkto Energiewende zurzeit vergeblich. Statt Geradlinigkeit ist Zickzackkurs angesagt.

Dabei würde die Energiewende beachtliche Wertschöpfung in Wirtschaft und Privathaushalten nach sich ziehen, wenn man endlich nicht nur über Stromkosten diskutieren, sondern auch die Bereiche Mobilität und Gebäudesanierung energetisch mehr einbeziehen würde, zeigte Kemfert auf. Die Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit sowie Verfechterin der Energiewende machte deutlich, welchen volkswirtschaftlichen Nutzen sie meint: Einkommen aus den EE-Anlagen, Gewinne der EE-Unternehmen, Gewerbesteuer, Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen usw. Immer mehr 100-%-EE-Regionen zeigten, dass es Chancen gibt. Hier müsse man wohl mehr auf "Mutbürger" setzen als auf Politiker, so Kemfert.

Der Großteil der Anlagen zur Erzeugung von erneuerbaren Energien befinde sich in Bürgerhand, aber nicht in Händen der großen Energieversorger. Mit dieser Darstellung machte Kemfert einmal mehr das Grundprobleme der Energiewende deutlich: es profitieren nicht die Großen, sondern die Kleinen.

Dass sich der Strompreis für die Verbraucher nicht nur aus dem Börsenpreis für Strom ergibt, sondern aus diesem und einigen Umlagen, zu denen auch die EEG-Umlage gehört, hat sich herumgesprochen. Kemfert zeigte auf, wodurch die Höhe der EEG-Umlage bestimmt ist. Dabei fällt auf, dass der Rückgang des Börsenstrompreises (ist auf historisch niedrigem Niveau) nicht alleine für die Zunahme der EEG-Umlage verantwortlich ist. Laut Kemfert belaste der Rückgang des Börsenstrompreises von 2012 bis 2014 die Kilowattstunde Strom mit 0,89 Cent mehr und die Ausnahmen für die Industrie den Strompreis immerhin mit 0,45 Cent mehr je kWh.

Die Mehrbelastung des Strompreises aufgrund höherer Förderkosten für EE lag in den vergangenen zwei Jahren dagegen nur bei 0,37 Cent/kWh. Insgesamt ist die EEG-Umlage in den vergangenen zwei Jahren von 3,59 Cent/kWh auf 6,42 Cent/kWh gestiegen. Von dem niedrigen Börsenstrompreis können Otto-Normalverbraucher nicht profitieren, Großverbraucher schon, machte die Professorin klar. Und im Vergleich zu anderen EU-Ländern habe die deutsche Industrie mehr Sicherheit beim Strompreis. Kemfert: "Die festen Vergütungssätze im EEG erlauben eine Kostenkontrolle (Degression) und die Investitionskosten für EE sinken".

EEG weiterentwickeln

Aus ihrer Sicht müsste das EEG so weiterentwickelt werden, dass die Versorgungssicherheit mit Erneuerbaren hergestellt wird, und dazu zählt die Ökonomin neben der Steigerung der Energieeffizienz, den Ausbau von EE nach Bedarf, eine intelligente Steuerung von Angebot und Nachfrage sowie Speicherlösungen (z.B. Biogasanlagen). Grundverkehrt sei es dagegen, die Versorgungssicherheit durch Kohlekraftwerke (heute noch Must-Run-Anlagen) sicherstellen zu wollen, was seitens der Politik zurzeit vorgesehen ist. So etwas sei nur möglich, so Kemfert, weil unter anderem die CO2-Zertifikate, die Unternehmen kaufen müssten, wenn sie fossile Brennstoffe einsetzen, viel zu billig seien. "Der Emissionsrechtehandel mit CO2-Zertifikaten erreicht sein Ziel, den Klimaschutz, nicht mehr. Deshalb müssen Zertifikate vom Markt genommen werden", fordert Kemfert.

Hoffnung durch KWK

Auch Prof. Uwe Leprich setzte sich bei der Jahrestagung in Nürnberg mit den energiepolitischen Zielen der Koalition auseinander. Bis 2025 sollen laut Koalitionsvertrag die Erneuerbaren einen Anteil von 40 bis 45 % erreichen. Leprich: "Das ist etwas weniger als ursprünglich geplant, aber damit kann man leben". Erhebliche Anstrengungen sieht Leprich auf den Bereich der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) zukommen. Dieser soll bis 2020 auf 25 % (heute 16 %) wachsen. Der IZES-Wissenschaftler: "Hier ist ein erheblicher Kraftakt notwendig, aber das lässt für den Bereich Bioenergie hoffen". "Schade" findet er dagegen, dass Anstrengungen zu Stromeinsparungen nicht im Koalitionsvertrag stehen. Bevor nach 2020 auch Stromspeicher wichtig werden, hält Leprich jetzt vorrangig Wärme- und Gasspeicher für gefragt.

Zu denken gaben die Ausführungen Leprichs zum Thema "zukünftige Bedeutung" von Biogas. Dem Wissenschaftler zufolge spiele die negative Residuallast (Abregeln, Abschalten) bis 2020 nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen würden bis dahin noch häufig Phasen auftreten, in denen große Teile der Biogasanlagen wegen der positiven Residuallast benötigt würden. Dies sei aber ein Problem der vorzuhaltenden Gesamtkapazität, die politisch gewollt sein müsste, aber zurzeit nicht ist, so Leprich. Gerade Anlagen mit Wärmeauskopplung (hohe Vollnutzungsstunden) wären für die positive Regelleistung sehr gut geeignet. Zusammen mit Biomasseanlagen stellen sie laut Leprich eine wichtige Option zum Ersatz der fossilen und atomaren Must-Run-Anlagen dar. Biogasstrom sollte grundsätzlich in erster Linie maximal den fossilen und atomaren Strom ersetzen.

Aufgrund ihrer höheren Grenzkosten im Vergleich zu fossilen/atomaren Anlagen sieht Leprich ein Problem, Biogasanlagen über den grenzkostenbasierten Spot-/Terminmarkt zu finanzieren. Selbst wenn alle Marktzutrittshemmnisse abgeschafft würden, seien die Erlöse aus der Regelenergie und den Systemdienstleistungen für Biogasanlagen eher verhalten, so Leprich. Damit ließen sich Biogasanlagen nicht refinanzieren.
In der Kostendiskussion müssten deshalb die zusätzlichen Leistungen von Biogas (Klimaschutz im Agrarsektor, Gewässerschutz, Entwicklung ländlicher Räume) eingerechnet werden.  Um die Erlössituation für Biogas breiter anzulegen, sieht Leprich durchaus Ansätze z.B. im Kreislaufwirtschaftsgesetz oder im Agrarsektor.
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