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Energie

Niedersachsen fordern Änderungen

von , am
24.06.2014

Sie gilt laut TenneT als die „Hauptschlagader“ der Energiewende, die geplante Stromtrasse mit dem Namen "SuedLink". Sie soll Windstrom von Norddeutschland nach Bayern transportieren. Was Bürger aber daran stört.

Vahlbruch bei Bad Pyrmont: Noch mehr Stromleitungen wollen die Bürger in der Region nicht mehr akzeptieren. © Gaul
 
Aus Schleswig-Holstein kommend überquert die geplante SuedLink-Trasse des Netzbetreibers TenneT die Elbe in der Nähe von Stade und verläuft auf niedersächsischem Gebiet über Rotenburg, Verden und Walsrode. Damit folgt sie weitgehend dem Verlauf der A7. An Hannover wird sie östlich durch den Altkreis Burgdorf vorbeigeführt, bevor sie bei Hildesheim abknickt und durch das Weserbergland weiter nach Nordrhein-Westfalen verläuft. Und dieser Knick ist es, der für Ärger bei den Menschen im Südwesten Niedersachsens sorgt. "Keine zusätzliche Hochspannungsleitung durch unsere Dörfer", verlangen die Menschen in den landschaftlich reizvollen Gebieten entlang der Weser.

Denn das Wort "zusätzlich" bringt es zum Ausdruck: Die Protestler sehen sich durch die bestehende Hochspannungsleitung, die vom Atomkraftwerk Grohnde kommt, genug belastet. Und diese soll keinesfalls abgebaut werden, wenn der Meiler im Jahre 2022 in den Ruhestand geht. Die "SuedLink"-Trasse würde in Teilen einen anderen Verlauf nehmen und manche Dörfer des Weserberglandes regelrecht einkreisen, fürchten Vertreter der Bürgerinitiativen, die sich nach Bekanntwerden der Pläne des Netzbetreibers TenneT gegründet haben. Zumal die Masten mit einer Höhe von 70 m auch besonders hoch sein müssen, weil Waldgebiete überspannt werden.

Äcker belastet


Mit den Fundamenten für die neuen Masten ginge auch landwirtschaftliche Nutzfläche verloren und der Aufwand für die Bewirtschaftung der verbleibenden Fläche erhöhe sich, fürchten betroffene Landwirte. Einige von ihnen haben sich mit dem Angebot von "Urlaub auf dem Bauernhof" und dem Vermieten von Ferienwohnungen ein zusätzliches Standbein aufgebaut. Wenn die Stromtrasse gebaut wird, könnten die Feriengäste ausbleiben.

Und nicht nur das: Zuzugswillige dürften sich kaum in einem Neubaugebiet neben der Trasse niederlassen, macht Manfred Weiner deutlich, seit 38 Jahren Bürgermeister von Ottenstein. Dabei versucht die Gemeinde, attraktiv zu bleiben und dem demographischen Wandel zu trotzen, der in vielen Dörfern  im südlichen Niedersachsen zu einem "Vergreisen" der Bevölkerung führt. Prognosen zufolge könnte das Weserbergland bis 2025 rund ein Viertel der Bevölkerung verlieren.

Die Bürger können zwar nachvollziehen, dass wegen des Ausstiegs aus der Atomenergie neue Stromleitungen gebaut werden müssen. Die Energiewende ist auf der Ottensteiner Hochebene nicht zu übersehen: 28 Windkraftanlagen drehen ihre Flügel bereits im Wind, 15 weitere sollen noch dazukommen. Das sind jetzt schon mehr, als im ganzen Bundesland Baden-Württemberg stehen. "Wir können nicht die ganze Last der Energiewende tragen", macht Bürgermeister Weiner deutlich: "Wir wollen nicht mehr!"
 
Zumal bereits zwei Hochspannungsleitungen die Hochebene von Grohnde kommend überqueren. Die neue Trasse soll dann noch dazwischen gebaut werden und an manchen Stellen die alten Leitungen überqueren. Die Masten müssten dann bis 90 m hoch gebaut werden. Aus Sicht der Bürgerinitiativen wäre die kürzeste Verbindung zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands aber eine Gerade. Warum die Leitung bei Hildesheim einen Schwenk nach Westen machen soll, ist für sie unverständlich. Der Netzbetreiber TenneT begründet den gewählten Trassenverlauf damit, dass im Süden Niedersachsens eine Leitung entlang der A7 wegen der hohen Siedlungsdichte zwischen Göttingen und Kassel nicht in Frage komme.
 
Außerdem verläuft in diesem Bereich bereits die ICE-Trasse mit der wichtigen Nord-Süd-Verbindung. Doch eine wissenschaftliche Begründung für den geplanten Trassenverlauf bleibe TenneT ebenso schuldig wie eine Antwort auf die Frage der Wirtschaftlichkeit, monieren die Kritiker. Denn schließlich ist der Trassenverlauf durch das Weserbergland fast 100 km länger als eine gerade Nord-Süd-Verbindung. Und der Neubau von einem Kilometer Hochspannungsleitung kostet rund 1,9 Mio. €. Auf dieser Summe bleibt jedoch nicht TenneT sitzen, sondern sie wird über die Netzentgelte allen Stromkunden abverlangt.
 
Bei der Abwägung des Trassenkorridors führt TenneT auf den zahlreichen Informationsveranstaltungen den Begriff "Raumwiderstand" ins Feld. Damit ist nicht der Widerstand der Bevölkerung im Weserraum gegen SuedLink gemeint. Die Raumplanung der Trassen-Bauer geht vielmehr davon aus, dass SuedLink nicht durch Siedlungen und Naturschutzgebiete geführt werden darf, um nicht in Konflikt mit den Gesetzen zu kommen. Raumplanerisch hat da das Weserbergland und insbesondere die Ottensteiner Hochebene mit den bestehenden Hochspannungsleitungen und dem Atomkraftwerk Grohnde schlechte Karten.

Deshalb soll SuedLink hinter Hildesheim nach Westen schwenken über den Ith, das Wesertal und die Hochebene bis ins Lippische Bergland. Die Protestler, die sich schon kurz nach dem Bekanntwerden des Trassenverlaufs in der Bürgerinitiative „BI Weserbergland“ formiert haben, kritisieren insbesondere, dass gar nicht über eine Alternative nachgedacht wird. Eine Erdverkabelung, wie sie bei anderen neuen Hochspannungsprojekten in Betracht gezogen wird, scheidet wegen des felsigen Untergrundes der Hochebene aus.

Alternative Trasse vorgeschlagen

Allerdings hat Ingo Rennert, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Infranetz AG aus Müden an der Aller eine Alternativ-Trasse mit Erdverkabelung über Feld- und Waldwege erdacht. Sie könnte unterirdisch entlang des Elbeseitenkanals und der A7 südwärts nach Bayern geführt werden. Obendrein soll diese Variante auch noch billiger sein, verspricht Rennert. Geprüft werden könnte auch, ob nicht die bestehende Hochspannungsleitung für die stärkere Stromübertragung mit der Hochspannungs-Gleichstrom-Technik aufgerüstet werden kann.

TenneT ist bislang nicht auf die Forderung eingegangen, Alternativrouten für den SuedLink-Verlauf zu berücksichtigen. Die Verantwortlichen in den betroffenen Landkreisen sehen deshalb elementare Grundsätze des öffentlichen Rechts verletzt, wozu auch das Gebot einer transparenten und nachvollziehbaren Planung gehört. "Wir haben ein Recht, zu erfahren, warum gerade diese Trasse von allen anderen Varianten ausgewählt wurde und sind auch bereit, dies gegebenenfalls gerichtlich zu erstreiten", so der Hamelner Landrat Tjark Bartels (SPD). Um die Aktivitäten zu bündeln, setzt man im Süden auf eine länder- und landkreisübergreifende Zusammenarbeit. Unter der Federführung des Landkreises Hameln-Pyrmont haben sich die Landkreise Holzminden, Höxter, Lippe, Kassel, der Schwalm-Eder-Kreis und die Region Hannover in einem gemeinsamen Schreiben an die TenneT-Geschäftsführung gewandt. In einer Antwort kündigte der Netzbetreiber eine zeitliche Verlängerung der Fristen an und bietet weitere Gespräche an.

Die SuedLink-Gegner im Weserbergland freuen sich über diesen Zeitgewinn. Um die weiteren, strategischen Schritte zu planen, trafen sich die Vertreter der Landkreise am 20. Juni im Kreishaus in Hameln. Dann soll auch eine spezialisierte Berliner Anwaltskanzlei mit der rechtlichen Begleitung beauftragt werden.

Die Zeit drängt etwas, denn der Bau der Leitung soll 2016 beginnen. Bis Ende Juli müssen alle Einwände vorgetragen worden sein. In einem späteren Genehmigungsverfahren wird sich der Trassenverlauf innerhalb des vorgegebenen Korridors nur noch minimal verändern lassen. "Herrin" des Verfahrens ist ohnehin die Bundesnetzagentur, die alle Stellungnahmen und Hinweise der aufgebrachten Bürger erhält. Offen ist noch, wann TenneT den Antrag auf Genehmigung bei der Bundesnetzagentur stellt.
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