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Energie

Repowering bekommt Dämpfer

von , am
04.03.2014

Die Eckpunkte für eine Reform des Erneuerbare Energien-Gesetzes haben die Windmüller an Land kalt erwischt. Wegfallen soll dabei auch der Repoweringbonus. Was ist künftig zu erwarten?

Oft haben alte Windräder keinen Restwert und werden recycelt.   © Thomas
Gestrichene Boni, weniger Vergütung und ein Ausbaukorridor von jährlich 2,5 GW. Nachdem bereits die Photovoltaik und die Biogasbranche Federn lassen mussten, schwant nun der Windbranche nichts Gutes. Jedenfalls ist Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel mit seinem Eckpunktepapier fest entschlossen, die Vergütungen für Windenergieanlagen einzudampfen. Auf Einschnitte war die Windbranche bereits eingestellt, aber nicht auf das Tempo.

Bisher gingen die Windparkplaner davon aus, dass sie bis Ende des Jahres Zeit haben, um ihre Projekte noch zu den gültigen Konditionen ans Netz zu bringen. Jetzt sind die Karten neu gemischt worden, weil die Reform des EEG mit geringeren Vergütungen bereits zum 1.August 2014 greifen soll. In den Genuss der geltenden Förderbedingungen kämen dann nur noch Windparkbetreiber, die zum Stichtag 22. Januar 2014 eine emissionsschutzrechtliche Genehmigung hatten und bis Ende Juli einspeisen. "Das löst einen Run auf die Kapazitäten aus. Jetzt wird es extrem schwierig, die Projekte rechtzeitig zu realisieren. Zum einen gibt es Lieferschwierigkeiten bei den Herstellern. Zum anderen besteht ein großer Engpass bei den Teams, die die Anlagen anschließen", sagt Torben Möller, Leiter Repowering bei der Energiekontor AG.

Förderung sinkt

Welche Vergütungsätze danach gelten sollen, ist noch ungewiss. Klar ist hingegen, dass die Förderung insgesamt geringer ausfällt und zusätzlich die Überförderung an windstarken Standorten um 10 bis 20 % sinken soll. Eine vorgezogene EEG-Reform stellt damit auch die Finanzierung auf den Kopf, weil die laufenden Projekte mit der geltenden Förderung kalkuliert wurden. Für Investoren könnten die geringeren Einnahmen bedeuten, dass Banken sich rückwirkend absichern und mehr Eigenkapital einfordern.

Dieses Problem betrifft nicht nur neue Windparks, sondern auch den Ersatz von alten Windmühlen. Um die Verspargelung der Landschaft zu reduzieren, sollen durch das Repowering viele alte Anlagen abgebaut und durch weniger Maschinen mit mehr Leistung ausgetauscht werden. Dafür bekommen die Windmüller zusätzlich einen Bonus von 0,5 Cent je kWh über eine Laufzeit von 20 Jahren. Dieser Anreiz soll nun im neuen EEG ersatzlos gestrichen werden. "Man kann über den Bonus streiten, aber er ist wirtschaftlich für viele Projekte an windschwächeren Standorten wichtig. Zudem dauern Repoweringprojekte oft sehr lange, weil sich die Genehmigungsverfahren hinziehen oder alte Verbindlichkeiten abgelöst werden müssen", so Möller.

Damit lässt sich der Ersatz von alten Maschinen oft nicht im Eiltempo bewerkstelligen. Betroffen wären davon nicht nur große Projektierungsgesellschaften, sondern auch Kommunen, Grundstückseigentümer oder Bürger, die an Repoweringprojekten beteiligt sind.

Repowering geschafft

Diese Schwierigkeiten haben die Windmüller der NEUH-WERD Energie GmbH in Neuharlingersiel bereits gemeistert. Sie können tief durchatmen, denn direkt hinterm Deich im ostfriesischen Landkreis Wittmund drehen sich ihre vier mächtigen Windenergieanlagen von Enercon schon im Testbetrieb. Bald gehen sie auf Nabenhöhen von 136 m endgültig ans Netz. Jede der weltweit größten Maschinen kommt auf eine Nennleistung von 7,5 MW. Die Gesamtkosten lagen bei 56 Mio. €.

Beteiligt sind an der NEUH-WERD Energie GmbH drei Kommanditgesellschaften. 13 Altanlagenbetreiber halten 63 % und 13 Landbesitzer 12 % der Anteile. Die restlichen 25 % entfallen auf die Gemeinden Neuharlingersiel und Werdum und beteiligte Bürger. Im März 2013 gab es den ersehnten Baubescheid. "Die Planungen haben sechs Jahre gedauert. Das große Problem war, eine Einigung mit allen Beteiligten zu erreichen. Der Windpark konnte nur auf einer neuen Fläche gebaut werden, die keinem der Altanlageneigentümer, sondern anderen Landwirten gehört", sagt Siebelt Ulfers, einer von drei Geschäftsführern der NEUH-WERD Energie GmbH.

Für das Projekt haben die Betreiber 17 alte Anlagen mit 6,4 MW abgebaut und durch vier Windmühlen mit 30 MW ersetzt. Dafür erhalten sie zusätzlich zur Anfangsvergütung von 8,93 ct/kWh für jede neue Anlage noch einmal 0,5 ct/kWh. Weil die Windmühlen zudem die Anforderungen an  sogenannte Systemdienstleistungen erfüllen, erhöht sich die Vergütung in den ersten fünf Jahren um weitere 0,48ct/kWh. Damit haben nicht nur die Windmüller in Neuharlingersiel den gesetzlichen Rahmen optimal ausgeschöpft, denn das Repowering spielt sich bisher überwiegend an den guten Standorten ab. Weil dort viele Windparks auch ohne Bonus wirtschaftlich wären, fährt so mancher Windmüller eine stattliche Stromernte ein.
Ursprünglich wollte der Gesetzgeber mit dem Aufschlag auf die Vergütung die Landschaft entspargeln und viele kleine Anlagen durch wenige große Windmühlen mit mehr Leistung ersetzen. Bis 2011 kochte das Repowering aber auf Sparflamme, weil die Bedingungen an komplizierte Leistungsgrenzen gekoppelt wurden. Den eigentlichen Startschuss gab das noch gültige EEG 2012. Seitdem müssen die Altanlagen lediglich bis Ende 2001 am Netz gewesen sein und sich die Leistung hinterher mindestens verdoppeln.

Handel mit Bonus

Damit könnten Windmüller theoretisch 100 kW abbauen und sich stattliche 3 MW auf den Acker stellen. Wenn das aus baurechtlichen Gründen am eigenen Standort nicht geht, dann lässt sich der Bonus für gutes Geld auf andere Windprojekte übertragen. Die können im eigenen oder in den benachbarten Landkreisen liegen. "Durch die Vereinfachungen hat das  Repowering an guten Standorten merklich angezogen und zu einer Überförderung geführt. Das fällt der Branche in der aktuellen Kostendebatte vor allem im Binnenland auf die Füße. Der Repoweringbonus war der falsche Weg", sagt Torsten Herdan vom Fachverband VDMA Power Systems.

Den Schwung belegen neue Zahlen zum jährlichen Zubau der Windenergie, die der VDMA und der Bundesverband  Windenergie (BWE) erheben lassen. Danach wurden 2013 insgesamt 1.154 Windenergieanlagen mit 3 GW neu errichtet. Obwohl es für das Repowering nur Abschätzungen gibt, zeigt der Trend klar nach oben. Während 2012 bereits 161 Anlagen mit 431 MW abgebaut wurden, waren es letztes Jahr 416 Maschinen. "Davon konnten durch Befragungen in der Branche 269 Anlagen mit 766 MW direkt einem Repoweringprojekt zugeordnet werden. Vollständige Zahlen lassen sich nicht erfassen, weil es noch kein zentrales Anlagenregister für Windenergieanlagen gibt" so Herdan.

Dieser Schub kommt nicht von ungefähr, denn der Handel mit dem Bonus hat sich zu einem florierenden Geschäft entwickelt. Selbst für altersschwache Windmühlen lassen sich Preise zwischen 80.000 und 250.000 € erzielen. Dafür rechnen Windparkplaner ihre Projekte über 20 Jahre mit und ohne den zusätzlichen Repoweringbonus und zahlen teilweise erhebliche Summen für Altanlagen. Dabei hängen die Preise davon ab, ob in einem Landkreis viele oder wenige alte Windmühlen stehen. "Für Projektierer ist der Bonus eine sehr interessante Rechnung und Altanlagenbesitzer haben damit zum Teil sehr gutes Geld verdient. Sie müssen dafür ihre Windräder zurückbauen und den Standort aufgeben, wenn er nicht in einer Eignungsfläche liegt. Viele Betreiber und Projektgesellschaften versuchen noch, den Bonus zu übertragen, bevor er gestrichen wird", sagt Joern Erasmi, Wirtschaftsberater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Ob die alten Anlagen demnächst so lange laufen, bis sie auseinanderfallen, wird vom neuen EEG abhängen. Immerhin geht es beim Repowering nicht nur um das Landschaftsbild, sondern auch um Ersatz-investitionen in regenerative Kraftwerke. Nach Zahlen des Deutschen Windenergieinstituts liegt das Potenzial bei 11.400 Anlagen, die nur bis 2001 errichtet wurden. Davon wurden erst 1.200 Windmühlen repowert:  "Der Ersatz von Altanlagen wird in den kommenden Jahren massiv anstehen. Allerdings hebelt die Politik mit ihren Plänen den Vertrauensschutz aus", so Uwe Leonhardt, Vorsitzender der Regionalverbandes Elbe-Weser-Nord des Bundesverbandes Windenergie.

Gegen Ausbaukorridor

Widerstand gegen die Pläne formiert sich auch in den norddeutschen Bundesländern. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) plädiert gegen einen Ausbaukorridor von jährlich 2,5 GW. Gleichzeitig will die Koalition aber sicherstellen, dass an guten Binnenlandstandorten weiterhin ein wirtschaftlicher Betrieb möglich ist. Ob die Förderung dann ohne einen Anreiz für Ersatzinvestitionen noch ausreicht, ist fraglich. "Das gleicht aktuell einem Blick in die Glaskugel. Bisher spielt sich der Ersatzzyklus primär in Norddeutschland ab, weil dort bis 2003 die meisten Anlagen errichtet wurden. Hier wird das Interesse an windstarken Standorten eher noch steigen. Es wäre volkswirtschaftlich aber nicht sinnvoll, wenn das Repowering insgesamt massiv zurückgeht", sagt Klaus Overmöhle von der Övermöhle Consult & Marketing GmbH.

Auch er sieht das Problem in der Überförderung von sehr windhöffigen Standorten. "Die hohen Margen haben in den Boomjahren oft die Entwickler abgeschöpft und Landbesitzern zweistellige Pachten versprochen. Jetzt wird es schwer, von diesem Sockel wieder herunterzukommen."
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