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Waldschutz

Alles vertreten – von Käfer bis Pilz

Waldrand Sturmholz Windwurf
Dr. Michael Habermann, Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, Göttingen
am
05.04.2018

Welche forstlichen Schaderreger treten wo auf und wie stark ist der Befall? Ein Blick auf die Waldschutzlage des Jahres 2017 und die aktuelle Situation.

Die Waldschutzabteilung der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) in Göttingen ist den Schaderregern in unseren Wäldern stets auf der Spur. Die Schädlingspopulationen werden von den Witterungsbedingungen und Sturmereignissen stark beeinflusst. Dies waren die wichtigsten Ereignisse:

  • Das Jahr 2017 war zu warm und wechselhaft.
  • Massenvermehrungen forstlicher Schaderregern blieben aus.
  • Lokal zeigten Borkenkäfer, Kieferngroßschädlinge und Eichenprozessionspinner Dichteanstiege.
  • Das lässt ab 2018 und in den folgenden Jahren Massenvermehrungen die erwarten.
  • Die Herbst- und Winterstürme 2017/18 liefern den Borkenkäfern 2018 viel Brutmaterial.
  • Anhaltende Probleme bereiten Erkrankungen durch verschiedene Pilzarten, deren aktive Bekämpfung im Forstbetrieb kaum möglich ist.

 

Die Schädlinge im Einzelnen:

Borkenkäfer

Bereits Anfang April 2017 löste die sehr warme Witterung einen kurzen, starken Schwärmflug der Buchdrucker mit vereinzeltem Stehendbefall aus. Der eigentliche Schwärmflug setzte schlagartig nach einer mehrwöchigen kühlfeuchten Wetterphase ein. Die „Wartezeit“ der Käfer hatte zu einem stark synchronisierten Flugbeginn geführt. Ab Anfang Mai wurde aus vielen Regionen teils massiver frischer Stehendbefall gemeldet. Trotz der wechselhaften Witterung hatten die Buchdrucker der ersten Generation überwiegend sehr gute Entwicklungsbedingungen. Kühlfeuchte Witterungsbedingungen im Sommer wirkten auf die zweite Käfergeneration weniger begünstigend.

Borkenkäfer

Ab dem Sommer bis über die Wintermonate entstanden durch regionale Stürme teilweise erhebliche Einzel- und Nesterwürfe. Deren Aufarbeitung konnte aufgrund der stark aufgeweichten Waldböden bis zum Jahresende nicht abgeschlossen werden. Der Orkan Friederike vom 18. Januar verursachte in vielen Berglandbereichen erheblichen Windwurf und Windbruch. Die Aufarbeitung wird voraussichtlich mehrere Monate andauern und vor Beginn der Käfersaison nicht überall abgeschlossen sein.

Erläuterungen zu bewährten Bekämpfungsstrategien finden Sie unter www.nw-fva.de in der Waldschutz-Info Nr. 03/2016. Eine Praxisinformation zur Integrierten Bekämpfung rindenbrütender Borkenkäfer von 04/2015 steht ebenfalls auf der Seite www.nw-fva.de im Download-Bereich der Abteilung Waldschutz bereit.

Das verbleibende Sturmholz kann erfahrungsgemäß zum Anlocken und Abschöpfen großer Käfermengen der ersten Generation genutzt werden; ihre Fangleistung hilft, die Käfer vom stehenden Bestand fernzuhalten. Es ist dabei zwingend erforderlich, dass besiedeltes Sturmholz rechtzeitig, also vor Ausschlupf der Käferbrut, durch Holzabfuhr, Vorausflugbehandlung oder Schälen zu entschärfen.

Zulassungen laufen aus

Weil zeitweise ein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gegen Borkenkäfer notwendig und unvermeidbar wird, muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass sich die Zulassungssituation der im Forst einsetzbaren Insektizide verschärft.

Für die folgenden Mittel gilt als reguläres Zulassungsende der 31.07.2018: Fastac Forst, Trinet P und Stornet. Am 31.10.2018 endet die Zulassung für Cyperkill Forst bzw. Forester und am 31.12.2018 für Karate Forst flüssig. Die Abverkaufsfrist nach Zulassungsende beträgt sechs Monate, die Aufbrauchfrist nach Zulassungsende insgesamt 18 Monate.

Großer Brauner Rüsselkäfer

Nach den Herbststürmen und dem Orkan Friederike befinden sind auf vielen Flächen in großer Zahl frische Nadelholzstubben. Deshalb muss mit verstärktem Auftreten des Großen Braunen Rüsselkäfers gerechnet werden. Auch für die Bekämpfung des Rüsselkäfers werden alle Zulassungen für Pflanzenschutzmittel bis Ende 2018 auslaufen.

Eichenfraßgesellschaft

Eichenprozessionsspinner

In den vergangenen Jahren befanden sich die Populationen des Kleinen Frostspanners (Operophthera brumata L.) und des Großen Frostspanners (Erannis defoliaria Cl.) in der Latenzphase.
Bei den Populationsdichten des Eichenprozessionsspinner (EPS; Thaumetopoea processionea L.) wurde insgesamt eine ansteigende Tendenz festgestellt. Sowohl die Flächenausdehnung des Befalls als auch Fraßschäden nahmen zu.

Kieferngroßschädlinge und Nonne

Die Falterflugüberwachung der Forleule deutete im Frühjahr 2017 auf den Beginn einer Massenvermehrung hin. Bei der anschließenden Suche nach Eiern der Forleule konnte die Gefährdungen aber glücklicherweise nicht bestätigt werden.

Die Fangzahlen der Falterflugüberwachung der Nonne (Lymantria monacha) erhöhten sich, die Nonne blieb dabei aber weiter in der Latenz.

Was Eschen zusetzt

Das Eschentriebsterben (ETS) wird in Europa auf großer Fläche beobachtet. Es hat sich schnell verbreitet, mit schwerwiegende Folgen für die heimischen Eschen. Örtlich führt die Erkrankung bis zur Auflösung von Beständen und zum Absterben von Eschenaufforstungen. Relativ neu sind Stammfußnekrosen, die primär durch den ETS-Erreger (Hymenoscyphus fraxineus = Falsches Weisses Stengelbecherchen) selbst oder sekundär durch bodenbürtige Holzfäulepilze, wie z.B. Hallimasch (Armillaria ssp.), hervorgerufen werden. Bisher scheint ein kleiner Prozentsatz (1 bis 2 %) der Eschen gegenüber der Erkrankung weniger anfällig zu sein. Ob diese Eschen auch auf Dauer befallsfrei bleiben, muss die Zukunft zeigen.

Eine zusätzliche Gefahr droht durch die Einschleppung des Asiatischen Eschenprachtkäfers Agrilus planipennis, der 2013 bereits 250 km westlich von Moskau gesichtet wurde und sich nach Westen ausbreitet. Er befällt erkrankte, aber auch weitgehend gesunde Eschen.

Diplodia-Triebsterben der Kiefer

Der Wärme liebende Pilz Sphaeropsis sapinea tritt seit einigen Jahren zunehmend und stärker im Zuständigkeitsgebiet der NW-FVA auf. Er verursacht ein Triebsterben an Kiefern, zieht Folgeschäden nach sich (z.B. Käferbefall, Bläue im Holz) und führt im ungünstigsten Falle bei entsprechend starker Kronenschädigung zum Absterben der Bäume. Diplodia wurde in manchen Regionen zum flächendeckenden Problem. Auch an Douglasien-Jungwüchsen traten schwere Schäden auf, die durch das Diplodia-Triebsterben verursacht wurden. 

Wurzelschwamm

Kernfäule Kiefern-Braunporling.

Der Pilz Heterobasidion annosum ist ein wichtiger Schadfaktor in Niedersachsen. Er führt zum Absterben von Kulturpflanzen (Kiefer, Roteiche und Douglasie) und war auch an Absterbeerscheinungen bei älteren Douglasien und Kiefern ursächlich beteiligt. Bei Douglasien wurde neben dem Wurzelschwamm der Kiefern-Braunporling (Phaeolus schweinitzii) gefunden, der eine Kern-/Braunfäule in den untersten ein bis zwei Metern des Stammes erzeugt.

Tannen-Rindennekrose

Hierbei handelt es sich um eine komplexe Erkrankung, bei der die Witterung, (Stamm-)Läuse, Pilzbefall an der Rinde und gegebenenfalls Weißtannenrüssler sowie Hallimasch eine Rolle spielen und letztlich bis zum Absterben führen können. Im Frühjahr 2017 wurde örtlich ein geringer Befall durch die Tannenstammlaus (Adelges piceae) an Weißtannen und Küstentannen beobachtet. Im Nordwesten Niedersachsens wurde örtlich eine Zunahme der Schäden sowie eine Ausweitung der Schadflächen beobachtet (Beteiligung von Tannenstammlaus, Weißtannenrüßler, Hallimasch).

Sonstige Schäden

  • Abgestorbene Douglasien-Jungpflanzen hatten oft abgewinkelte, deformierte und ungenügend entwickelte Wurzelsysteme infolge unsachgemäßer Pflanzung oder ungünstiger Bodenbedingungen. Seit Jahren sind solche Befunde an Douglasienwurzeln sehr auffällig. Dies führt unter anderem bei Niederschlagsdefiziten zu schlechter Wasserversorgung, Devitalisierung und zum Absterben der Pflanzen bzw. zum Befall durch Folgeschaderregern (z.B. Hallimasch), die auch zum Absterben führen können.
  • Auffällig waren außerdem der Befall der Lärchenminiermotte (Coleophora laricella) an Europäischen Lärchen im Solling, Absterbeerscheinungen im Kronenbereich von Douglasien mit scheinbar plötzlicher Rotfärbung der Nadeln (Phomopsis sp.) und Absterbeerscheinungen bei Bergahorn in Südniedersachsen, die nach Pilzbefall (Stegonsporium pyriforme, Neonectria sp.) durch Hallimasch hervorgerufen wurden.

Wetter 2017 unbeständig

Die Niederschlagsdefizite des Jahres 2016 konnten über den Winter nicht abgebaut werden, besonders trocken waren die Monate Dezember 2016 und April 2017. In 2017 war der wärmste März seit Beginn flächendeckender Wetteraufzeichnungen im Jahre 1881. Die Pflanzen reagierten auf die milden Temperaturen mit früher Knospenentfaltung, so dass der Kaltlufteinbruch um den 20. April örtlich Frostschäden verursachte. Ab Juli 2017 setzte wechselhafte Witterung mit örtlich starken Regenfällen ein.

Insgesamt war das Wettergeschehen 2017 unbeständig und immer wieder von Extremen geprägt.

Das Jahr im Überblick:

  • Fröste im Januar
  • Wärme im März
  • Kaltluft im April
  • Hitzewelle Ende Mai
  • Gewitter und Starkregen im Juli/August
  • Stürme im Oktober
  • länger anhaltende Niederschläge ab November
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