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Forst

Die Tanne: Wie Phoenix aus der Asche

von , am
18.09.2014

Die Weißtanne - in Norddeutschland äußerst rar - erfährt immer mehr Aufmerksamkeit, vor allem von Seiten der Wissenschaft. Prof. Christian Ammer, von der Abteilung für Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen, erklärt warum.

Im Schwarzwald, wo die stattliche "Großvatertanne" steht, ist die Baumart etabliert. Doch ein Tannen-Mischwald in norddeutschen Breiten klingt irgendwie fremd. Findet die Weißtanne hier gute Wachstumsbedingungen? Kleines Foto: Verbissen: Junge Weißtannen ziehen das Rehwild magisch an. © Ammer
Zu den Hochzeiten des Waldsterbens in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hätte keiner mehr einen Pfifferling auf eine Baumart gegeben, deren Name zwar jedes Kind kennt, die aber im Wald von den meisten Menschen mit der Fichte verwechselt wird: die Weißtanne. Besonders in Norddeutschland, wohin es die Weißtanne im Zuge der Wiederbesiedelung Europas durch die damals einsetzenden Aktivitäten des Menschen nicht mehr geschafft hat, wurde sie in der Vergangenheit kaum angebaut. Das könnte sich künftig ändern, denn die Weißtanne ist eine der wenigen Nadelbaumarten, die - nach allem was man weiß - mit den durch den Klimawandel einhergehenden Veränderungen weniger Schwierigkeiten haben wird, als die bislang bevorzugte Fichte. Es lohnt sich also, sich diese Baumart und ihre waldbauliche Behandlung ein wenig näher anzusehen.

Am liebsten im Dunklen und in Mischung …

Von Natur aus kommt die Weißtanne zumeist gemischt mit der Buche, im sogenannten Bergmischwald neben der Buche auch gemeinsam mit der Fichte vor. In den Pyrenäen ist sie darüber hinaus auch mit verschiedenen Kiefernarten vergesellschaftet. Weil sie, im Gegensatz zu vielen anderen Baumarten, als junges Bäumchen auch lang anhaltende Beschattung verträgt, ist die Weißtanne eine der wenigen Arten, die es regelmäßig schafft, sich im dunklen Schatten, den alte Buchenbestände unter natürlichen Bedingungen werfen, zu halten und dort langsam in die Höhe zu wachsen. Dies kann so viele Jahre dauern, dass kleine Tannen, die uns jung erscheinen, tatsächlich schon einige Zeit auf dem Buckel haben. Sobald aber z.B. durch eine Kronenöffnung ausreichend Licht zur Verfügung steht, wachsen sie los und erreichen Höhen und Durchmesser, die mit jenen der Fichte vergleichbar sind.

Weißtannen kommen unter natürlichen Bedingungen sehr selten in Reinbeständen vor; sie sind vielmehr Bäume, die sich in Mischung mit anderen Baumarten besonders wohlfühlen und dort besser wachsen und sich verjüngen. Das passt besonders gut in das Konzept des modernen Waldbaus, der aus Gründen der Risikostreuung auf Mischbestände setzt, und macht die Weißtanne zu einer attraktiven Baumart.

Sind Alttannen im Bestand, ist es zudem ein Leichtes eine reichhaltige Naturverjüngung zu erzielen. Auch mit der Verjüngung in kleinen Lücken, wie sie durch die sogenannte Zielstärkennutzung (also die Entnahme einzelner hiebsreifer Bäume) entstehen, kommt die Tanne aufgrund ihrer Schattentoleranz sehr gut zurecht. Dazu sind allerdings angepasste Wildbestände erforderlich, denn vom Rehwild wird die Weißtanne wie sonst kaum eine andere Baumart verbissen. Wer seinen Wildbestand im Griff hat, dem sollte es jedoch gelingen, schöne Tannen zu erziehen.

Anbauwürdig auf vielen Standorten

Im Gegensatz zur Fichte, die aufgrund ihres flachen Wurzelwerks in Trockenperioden vor allem in dichten Beständen leicht unter Wasserstress geraten kann, übersteht die Weißtanne, die wesentlich tiefer wurzelt und sich daher Wasserreserven im Unterboden besser erschließen kann, solche Phasen deutlich besser. Tatsächlich haben neuere Untersuchungen gezeigt, dass die Tanne, seit sie nicht mehr, wie in den 70er- bzw. 80er- Jahren des letzten Jahrhunderts durch Schwefelimmissionen geschädigt ist, auf Trockenheit mit geringeren Zuwachseinbußen reagiert als die Fichte. Auf Standorten auf denen beide Arten vorkommen, konnte kürzlich in einer deutschlandweiten Analyse gezeigt werden, dass Weißtannen im Durchschnitt in den letzten beiden Jahrzehnten sogar produktiver waren als Fichten.

Gleichwohl sollten die Jahresniederschläge oberhalb von ca. 700 mm liegen. Geringere Werte können allenfalls durch einen großen Bodenwasserspeicher ausgeglichen werden. Ziemlich anspruchslos ist die Weißtanne hinsichtlich der Nährstoffversorgung. So kommt sie sowohl auf kalkhaltigen als auch auf sauren Böden vor. Im Gegensatz zur Fichte hat sie mit der Durchwurzelung staunasser Böden keine Probleme und wird daher von Sturmwurf weniger leicht betroffen.

… aber warm darf es gerne sein

Vor dem Hintergrund des Klimawandels besonders bedeutsam sind neue Erkenntnisse zum Temperaturbereich in dem die Tanne noch gut gedeiht. Im Gegensatz zu früheren Annahmen geht man heute davon aus, dass die Weißtanne auch mit erheblichen Temperatursteigerungen zurechtkäme, solange die Niederschläge nicht unter das oben genannte Niveau sinken.

Fazit

Nachdem die für die Weißtanne im wahrsten Sinne des Wortes tödlichen Schwefeldioxidemissionen der Vergangenheit angehören, steht mit ihr eine Nadelbaumart bereit, die sich für die Mischung mit der Buche hervorragend eignet, Holz liefert, das dem der Fichte hinsichtlich der Verwendbarkeit mehr oder weniger vergleichbar ist, die bei angepassten Wildbeständen reichlich Naturverjüngung liefert und die gegenüber den Herausforderungen, die der Klimawandel an die Baumarten stellt, einigermaßen gerüstet zu sein scheint. Und vielleicht wachsen in Zukunft auch in Norddeutschland Bäume wie die "Großvatertanne", die in Freudenstadt im Schwarzwald steht. Sie beeindruckt die Waldbesucher mit einem Durchmesser von 145 cm, einer Höhe von 45 m und mit einem Stammvolumen von 36 Fm.
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