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Agrarpolitik

Im Grenzland dem Europa ganz nah

von , am
14.05.2014

Anlässlich der Europawahl am 25. Mai haben wir mal genauer hingeschaut. Wie wirkt sich Europa auf die Landwirtschaft aus? Eindrücke aus dem Grenzgebiet zwischen Niedersachsen und den Niederlanden.

Gemeinsam im Grenzland aktiv (v.l.): Hein van de Worp, Jan-Harm Kemkers, Jürgen Hindricks und Albert Weersmann. © Hildebrandt

"Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt." Der Text von Herbert Grönemeyers Heimat-Hymne "Bochum" geht mir im Kopf herum, als ich auf der Bundesstraße 403 in Richtung Emlichheim fahre. Mein erstes Ziel ist Laar, unmittelbar an der Staatsgrenze zwischen Deutschland und den Niederlanden. 255 Kilometer vom Büro in Hannover entfernt - weiter westlich geht es in Niedersachsen kaum. Und nirgendwo ist Europa näher als hier. Aber merkt man das auch?

Saftige Wiesen, blauer Himmel, ordentlich geharkte Vorgärten. Das sieht nach Werten und Traditionen aus. Laar hat 2.200 Einwohner und liegt in der Grafschaft Bentheim, dem  einzigen Kreis, der deutschlandweit die Bezeichnung Grafschaft im Namen führt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges forderte die Niederlande die Grafschaft als Reparationsleistung. Kommunalpolitiker und Bewohner stemmten sich mit Erfolg dagegen.

In der Grafschaft gibt keiner so schnell auf

Wer heute auf die Niedersachsenkarte schaut, kann in den Umrissen des Landkreises eine geballte Faust von der Seite erkennen. Die Begriffe Kampf, Durchhaltevermögen, Solidarität fallen mir ein. Jahrhundertelang musste die Bevölkerung in dem schwer zugänglichen Moorgebiet überleben. Viele gingen als Wanderarbeiter in die Niederlande - die Hollandgänger.

"Hier gibt keiner so schnell auf", erklärt Lambert Hurink, Geschäftsführer der Vereinigung des Emsländischen Landvolks (VEL). Er stammt selbst aus Laar, sein Vater ist Holländer. Die Mentalität der Bewohner beschreibt er mit "bodenständig, auf Sicherheit geprägt." Sie gehen offensichtlich mit dem Begriff "Grenze" ganz selbstverständlich um, haben ihn sogar zur Marke gemacht. Der größte Sportverein heißt SV Grenzland Laarwald, das große Mischfutterwerk im Ort vertreibt Grenzland Ringfutter. Im Gegensatz zu Ostdeutschland scheint die Grenze hier nichts Bedrohliches zu verkörpern.

Begegnung mit Vertretern der drei örtlichen Raiffeisen Warengenossenschaften Ems-Vechte, Veldhausen und Ringe-Wielen-Georgsdorf. Schon lange werden dort Geschäfte mit den Niederländern gemacht. Sieben Genossenschaften waren 1989 dabei, als eine gemeinsame Niederlassung mit dem Namen Euro-Grenzland im niederländischen Coevorden gegründet wurde. Inzwischen gibt es nach Fusionen nur noch drei Genossenschaften - die sieben Standorte sind aber geblieben. "Wir sind vielleicht nicht die günstigsten, aber dafür dicht am Kunden dran", betont Jan-Harm Kemkers, geschäftsführender Vorstand der RW Ringen-Wielen-Georgsdorf. Das merken auch immer mehr holländische Landwirte. "Bei uns in den Märkten können sie noch anschreiben lassen und bekommen eine Monatsabrechnung. Das funktioniert in Holland nicht." Inzwischen haben einige Holländer auch Genossenschaftsanteile.

Zwischen dem Mischfutterwerk in Laar und dem Hafen Coevorden liegen nur knapp acht Kilometer Luftlinie. "Sowohl für den eigenen Bedarf der Niedergrafschafter Genossenschaften als auch für andere deutsche Handelspartner organisierte Euro-Grenzland den Schiffsumschlag im Coevordener Hafen", erklärt Albert Weersmann, Geschäftsführer der Raiffeisen Ems-Vechte, Warengeschäft der Raiffeisenbank Emsland-Mitte. Zu Spitzenzeiten wurden dort jährlich mehr als 10.000 t Düngemittel, vornehmlich Kalkamon Salpeter (KAS), umgeschlagen. Das Beste an Europa aus seiner Sicht? "Die lästigen Zoll- und Grenzformalitäten sind weggefallen."

Eine weitere Idee der Genossen war die Eröffnung eines Haus- und Gartenmarktcenters in Coevorden. "Anfangs haben wir versucht, die deutschen Produkte einfach eins zu eins in den Grenzland-Märkten zu verkaufen. Aber das haben die holländischen Kunden nicht akzeptiert. Sie wollten die Deklaration in ihrer Muttersprache lesen", erinnert sich Jürgen Hindriks, der im Vorstand der RWG Veldhausen ist. Also änderte die Euro-Grenzland ihre Strategie und kaufte sich 2003 als Franchisenehmer in die holländische Agri-Retail mit ihren "Welkoop"-Märkten ein. Den symbolischen Hut hat der Niederländer Hein van de Worp dafür auf. Er will mir den "Welkoop" zeigen. Gemeinsam fahren wir die zehn Minuten nach Coevorden. Den Grenzübergang erkennt man kaum noch. Nur die Umgebung ändert sich. Plötzlich sind die Straßenschilder blau und die Nummernschilder gelb. Der "Welkoop" wirkt einladend und gastfreundlich. Sogar kostenlosen Kaffee gibt es hier für die Kunden. Hein van de Worp weiß, wie seine Landsleute ticken: "Die Holländer sind Kaufleute. Sie sind risikobereit und investieren ständig."

Holländer sind Kaufleute und investieren ständig

Als Spezialberater für Geflügel hat van den Worp viele Landwirte im Grenzland von dem holländischen Modell der Legehennenhaltung überzeugt und bei der Umstellung beraten. "In der Grafschaft fehlte die Fläche für die Erweiterung im Schweine- oder Rinderbereich. Durch die intensive Beratung im Bereich Geflügel haben viele Betriebe ein neues Standbein. Ich würde sagen, da hatten wir durch die Nähe zu den Niederlanden einen Vorteil", ergänzt Lambert Hurink vom Landvolk. Mit drei Mio. Legehennen ist die Grafschaft eine Hochburg in Niedersachsen. Van den Worp weiß inzwischen aber auch, wie er die Grafschafter Landwirte am besten anspricht: "Platt geht immer".

Nächste Station Dersum (Samtgemeinde Dörpen). Der Ort liegt 73 Kilometer nördlich zwischen Ems und Autobahn A 31. Fahrt über die Nord-Süd-Straße, vorbei an Siedlungshäusern, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen bewohnt wurden. Jeder hatte ein paar Hektar hinter dem Haus, Schweine und Kühe zur Selbstversorgung. Erst mit dem Emsland-Plan kamen nach der Gründung der Bundesrepublik die Erfolge. Die Bauern setzten auf Tierhaltung. "Schweine bringen Scheine" war damals ein beliebter Spruch.

Mit Schweinen hat auch Bernhard Wacker begonnen. "Mein Traum war ein 100’er Sauenstall", erinnert sich der 61-Jährige. Das war Anfang der 1970er-Jahre. Da hatte er nur 15 ha Land. Nun bewirtschaftet er mit seinen zwei Söhnen mehrere Hundert Hektar, hat eine 500 kwH-Biogasanlage und eine Sauenanlage mit 650 Tieren. Wacker winkt ab, wenn man auf seine enorme Aufbauleistung innerhalb einer Generation verweist. Er möchte die Zahlen am liebsten nicht in der Zeitung lesen. Selbstbeweihräucherung liegt dem Dersumer nicht. Sein Thema ist die Kartoffelvermarktung.
Ihre Kartoffeln vermarkten die Wackers sowohl an den niederländischen Konzern AVEBE als auch an die Speisestärkefabrik in Emlichheim. In letzter Zeit treibt ihnen das Geschäft mit Holland die Sorgenfalten auf die Stirn. Der Grund: der unterschiedliche Umgang mit der Prämie in den Nachbarländern. "Während in Deutschland keinerlei Aufschläge für Sonderkulturen gezahlt werden, also vollständig entkoppelt nur noch eine Flächenprämie aus Brüssel kommt, hat sich das Nachbarland diesen Weg offen gelassen", erklärt Wacker. Problem: Die holländischen Anbauer kassieren Aufschläge aus Brüssel, die Wackers aber nicht.  

"Auch die Franzosen überlegen, ob sie wieder gekoppelte Prämien einführen. In einem Weltmarkt müssen also plötzlich die Deutschen wieder mit völligen anderen Bedingungen klar kommen", ergänzt Lambert Hurink.
In den vergangenen Monaten hat sich Bernhard Wacker lange mit seinen Söhnen beraten, ob er eine Fläche in den Niederlanden kaufen soll. Am Ende haben sie schweren Herzens die Finger davon gelassen, obwohl das Flurstück optimal lag. Junior Ralf nennt zwei Gründe: "Das Düngerecht ist ganz anders als bei uns und man muss den vollen Preis für die Gräben zahlen, obwohl man die gar nicht bewirtschaften kann." Zudem würde die deutsche Hausbank die Fläche in den Niederlanden nicht als Sicherheit akzeptieren.

Europa ist in Dersum plötzlich ganz nah. Seit März 1995 gibt es keine Kontrollen mehr an der deutsch-niederländischen Grenze. Vieles ist seit dem einfacher geworden. Aber von einem einheitlichen Wirtschaftsraum ist die Landwirtschaft weit entfernt - hier, tief im Westen. 
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