Login
Kommentar

Insektensterben: Vom Elend der Schmeißfliege

Ralf-Stephan-LAND-Forst
Thumbnail
Ralf Stephan, LAND & Forst
am
25.10.2017

Insekten verlieren offenkundig ihre Lebensräume. Wer immer nur auf die Bauern zeigt, ändert daran wenig, findet LAND & Forst-Chefredakteur Ralf Stephan.

Es waren Hobbyforscher aus Krefeld, die im Sommer das Thema „Insektensterben“ in die Medien brachten. Über Jahre hatten sie an Insektenfallen akribisch Individuen gezählt und festgestellt, dass die Zahl der Kerbtiere dramatisch abgenommen hat.

Doch ihre Ergebnisse wurden im Handumdrehen als unwissenschaftlich zerpflückt: schwer erkennbare Systematik, nicht vergleichbare Standorte, keine Unterscheidung nach Arten, kaum mehrjährige Ergebnisse.

Jetzt haben professionelle Forscher unter Federführung der niederländischen Universität Nimwegen das Ergebnis der Hobbyentomologen bestätigt. Wieder würde es aber vermutlich keine großen Kraftanstrengungen erfordern, die Schwächen der Studie herauszukehren. Denn im Wesentlichen stützt sie sich auf die fleißigen, aber handwerklich überforderten Krefelder.

Zudem gibt es eine britische Langzeitstudie, mit 30-jährigen Versuchsreihen wissenschaftlich deutlich aussagekräftiger. Die Briten kamen 2009 an einem ihrer Standorte zu ähnlichen Ergebnissen wie die Krefelder, an den drei anderen gab es jedoch keinen Rückgang der Biomasse.

Verschwinden der Insekten auch ohne wissenschaftliche Studie spürbar

Dennoch stellt sich die Frage, ob eine Demontage der Studie Sinn machen würde. Denn erstens ist das Verschwinden von Insekten auch ohne wissenschaftlichen Beleg spürbar. Und es ist sogar erklärbar in einer Gesellschaft, die jeden Laubhaufen mit Motorgebläsen wegfegt, Ställe aus Sorge vor Keimen rundherum abdichtet, Verordnungen gegen das Lagern von Dung auf dem Acker erlässt oder den Komposthaufen im Hausgarten am Stadtrand mit staatlichem Zwang durch die Biotonne ersetzt. Wo jeder Schmutzecke gleich mit einer Breitseite Sagrotan zu Leibe gerückt wird, ist das Elend der Schmeißfliege unausweichlich.

Der Schlüssel zum wirksamen Artenschutz

Zweitens aber halten sich die Autoren der Studie auffällig zurück, wenn es um die Ursachen für den in ihren Datenreihen festgestellten Rückgang der Insektenpopulationen geht. Sie nennen zwar die Landwirtschaft, aber auch die Flächenversiegelung, den Autoverkehr mit seinen Stickstoffemissionen und die klimatischen Veränderungen.

Jede menschliche Tätigkeit hat Einfluss auf die Umwelt. Die Nebeneffekte der Landwirtschaft bestreiten zu wollen, wäre daher unglaubwürdig. Wehren muss man sich jedoch gegen die üblichen Versuche, allein den Bauern alle Schuld zuzuweisen.

Die Landwirtschaft ist Teil des Problems, unbestritten. Aber anders, als es der Straßenverkehr je sein kann, ist sie auch Teil der Lösung. Hier liegt der Schlüssel für wirksamen Artenschutz.

Auch interessant