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Agrarpolitik

Isermeyer sieht Wachstumsbremsen

von , am
12.06.2013

Die deutsche Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahren vom weltweiten Boom der Agrarmärkte profitiert. Wie der Präsident des Braunschweiger Thünen-Instituts die Entwicklung analysiert, lesen Sie hier.

Einblicke in Ställe, wie hier beim Tag des offenen Hofes in Lingen, werden von Verbrauchern gern genutzt, um etwas über Lheutige Tierhaltung zu erfahren. © Brachtendorf

Auch im europäischen Vergleich ist die deutsche Landwirtschaft gut aufgestellt. Profitiert hat die deutsche Agrarbranche von günstigen gesamtwirtschaftlichen Bedingungen, aber auch von agrarspezifischen Einflussfaktoren.Viele Faktoren haben diese Entwicklung begünstigt, sagte Prof. Folkhard Isermeyer bei der Raiffeisen Waren-Zentrale in Meckenheim. Dazu zählte der Präsident des Braunschweiger Thünen-Instituts ein agrar- und energiepolitisches Umfeld, das Investitionen zum Beispiel in Stallbauten oder Biogasanlagen gefördert habe. Aber auch die stärkere unternehmerische Ausrichtung der Landwirte, die sich zunehmend dem Marktwettbewerb stellten und beispielsweise weniger als ihre französischen Kollegen auf Hilfen des Staates setzten. Isermeyer äußerte jedoch Bedenken, ob das bisherige Wachstumstempo beibehalten werden könne. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung dürfte in Deutschland im Vergleich zur Situation in anderen Staaten positiv bleiben, doch die zukünftige Ausgestaltung der EU-Agrarpolitik mit der geplanten Einführung des Greenings, die Konkurrenz durch die erneuerbaren Energien und die Auswirkungen der aktuellen Tierschutzdebatte bedrohten die bisher optimistischen Prognosen zur Entwicklung der Landwirtschaft.

Vertragsnaturschutz effizienter

Das von der EU-Kommission geplante Greening im Rahmen der Agrarmarktreform bezeichnete Isermeyer als Instrument, das die Flächenstilllegung im neuen Gewand zurückbringen werde. Grundsätzlich sei gegen die Ausweisung von Flächen für den Arten- und Naturschutz nichts einzuwenden, doch seien sich die Wissenschaftler überwiegend einig, dass dies nicht über Produktionsbeschränkungen in der Ersten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) geschehen sollte. Die viel effizientere Lösung mit einem höheren Nutzen für die Umwelt sei der bezahlte Vertragsnaturschutz in der Zweiten Säule der GAP.
Biogasforderpolitik verfehlt

Auch die bisherige staatliche Förderung der Biogasproduktion im EEG hält Isermeyer für verfehlt. Der Bonus für nachwachsende Rohstoffe habe die Maisfläche für die Energiegewinnung spürbar ansteigen lassen, sie fehle wachstumswilligen Betrieben zur Erzeugung von Nahrungsmitteln. Mit 20 Prozent der Fläche ließen sich gerade drei Prozent der Energieversorgung abdecken; so sei keine Versorgungssicherheit herzustellen. Bei hohen Agrarpreisen sei die Rentabilität sehr begrenzt, die Investitionen in neue Biogasanlagen 2012 deutlich zurückgegangen. Unter Wahrung des Bestandsschutzes sei diese verfehlte Politik aufzugeben und über ein Ende der umstrittenen Förderung für Biokraftstoffe nachzudenken, meinte Isermeyer.

Tierschutzdebatte emotional aufgeladen

Die größte Gefahr für den Agrarstandort Deutschland sieht er durch die aktuelle Diskussion um die Tierproduktion, hier sei "ein gravierender Trendwandel" im Gange. Die bisherige Auffassung vieler Nutztierhalter, dass "die fachfremden Städter über die sachlichen Zusammenhänge aufgeklärt werden müssten, dann werde sich alles befrieden" sei nicht erfolgversprechend. Die Thematik ist nach Überzeugung des Wissenschaftlers emotional zu aufgeladen und wird für politische Interessen benutzt.

Der Agrarökonom sieht die Politiker in einem Dilemma, aufgrund des politischen Drucks würden "viele kleine Schrauben angezogen" und die Produktionskosten erhöht, ein Ende der Forderungen nach noch mehr Tierschutz  sei nicht absehbar. Zusammen mit dem Bündnis der 2011 gegründeten Deutschen Agrarforschungsallianz schlägt Isermeyer eine Strategie vor, die Verbesserungen im Tierschutz messbar und sichtbar macht. Zunächst müsse geklärt werden, was die Gesellschaft wirklich für eine Veredlungswirtschaft wolle, im Gegenzug sollte ihr klar gemacht werden, was das für Folgen für den Preis im Laden habe. Ähnlich wie in den Niederlanden müsse in Deutschland eine faktenorientierte und nicht emotionale Diskussion zwischen den gesellschaftlichen Gruppen geführt werden, die am Ende eine Einigung über die zukünftige Produktionsweise in der Veredlungswirtschaft auf der Grundlage messbarer Indikatoren zum Ziel habe, betonte Isermeyer. Nur so lasse sich das Thema Tierhaltung aus dem gegenwärtigen Parteiengezänk herauslösen.
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