Login
Aktuelle Themen

Und ab aufs Land

von , am
12.02.2013

Hamburg, Berlin, Hannover - Viele Jugendliche zieht es nach ihrem Schulabschluss in die großen Städte. Die 18-jährige Gertje Hingst gehört nicht dazu. Sie tauschte das Leben in der Metropole gegen eine Ausbildung auf dem Land.

Gertje mit Hofhund "Aik". Sie genießt die Ruhe auf dem "platten" Land. © Päschel

Umzug

Früher blieben die Fenster in der Nacht geschlossen - denn von draußen drangen auch um drei Uhr morgens die Geräusche von der nahen Autobahn herein. In das Rauschen des Stadtverkehrs von Köln mischte sich von Zeit zu Zeit das durchdringende Heulen von Alarmanlagen,  Polizeisirenen oder Triebwerken, wenn wieder eines der vielen Frachtflugzeuge auf dem benachbarten Rollfeld landete.

Anfangen

Heute genießt Gertje Hingst es daher bewusst, dass sie trotz weit geöffneter Fenster manchmal minutenlang nichts hört. Stille. Auch darauf hatte sich die mittlerweile 18-Jährige gefreut, als sie 2011 aus Porz im Kölner Stadtsüden fortgezogen war, um eine Ausbildung zur Landwirtin zu beginnen.

Mittlerweile ist Gertje in ihrem zweiten Lehrjahr auf einem Betrieb weit oben im Norden angekommen. Umgeben von plattem Weideland arbeitet sie seit dem Sommer auf einem Hof in der Nähe von Jever. 150 Milchkühe zählt der Familienbetrieb in Friesland. Zur Nordsee sind es knapp zehn Kilometer, zur nächsten Dorfdisko allerdings auch. Bis zur Bushalte-stelle muss sie mindestens eine Viertelstunde radeln. Und wenn sie dort ankommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der letzte Linienbus des Tages schon vor ein paar Stunden abgefahren ist. Nicht alles auf dem Land ist immer schön, weiß Gertje.
Sie würde zum Beispiel gern wie früher zum Schwimmtraining ins Leistungszentrum fahren. In ihrer neuen Heimatgemeinde aber gibt es nicht einmal ein Hallenbad mit 25-Meter-Bahnen. Es ist der Preis dafür, dass sie nach der Schule  "etwas mit Tieren" machen wollte und sich für eine landwirtschaftliche Ausbildung entschied. Sie zahlt ihn jedoch gerne.

Anpacken

Viele ihrer früheren Freundinnen können das kaum nachvollziehen. Als Gertje darüber redete, was sie nach dem Real-schulabschluss vorhatte, schüttelten viele mit dem Kopf, erzählt die junge Frau, deren kraftvoller Händedruck verrät, dass sie körperliche Arbeit gewohnt ist. Ihre ehemaligen Mitschüler blieben fast ausnahmslos in Köln zurück, viele wechselten auf die Berufsschule, um das Fachabitur zu schreiben. "Die meisten wussten nicht, was sie sonst machen sollen." Eine praktische Ausbildung hätten nur die wenigsten begonnen.

Statt ebenfalls weiter die Schulbank in der Großstadt zu drücken, suchte Gertje sich mit Hilfe der Landwirtschaftskammer einen Lehrbetrieb. Im ersten Jahr verschlug es sie so nach Königswinter unweit von Bonn. Das war zwar auf dem Land, aber die Nähe zu ihren Eltern und vier Geschwistern blieb vorerst bestehen. Erst mit dem zweiten Lehrjahr folgte der Umzug nach Friesland. Da ihre Mutter hier im Nordwesten

Niedersachsens aufgewachsen und Gertje in den Ferien oft bei den Großeltern gewesen war, fiel ihr der Schritt nicht allzu schwer. Fragt man sie, was sie vom Stadtleben vermisse, antwortet sie ohne zu zögern: "Nichts!" Wirklich nichts? Erst bei längerem Nachdenken fallen ihr das fehlende Schwimmbad und die kurzen Wege zu Freunden ein. Statt mit dem Rad, absolviert sie jetzt notgedrungen fast alle Strecken mit dem Auto. Dennoch steht für sie fest: "Ich würde gerne in dieser Ecke bleiben."

Ob sie eines Tages einen Hof übernehmen wird, bezweifelt sie allerdings. Früher sei das ihr großer Wunsch gewesen, erzählt sie. Mittlerweile habe sie jedoch "großen Respekt" vor dieser Aufgabe. Denn als sie im vergangenen Herbst zehn Tage lang die Urlaubsvertretung auf ihrem Lehrbetrieb übernommen hatte, spürte sie zum ersten Mal, was es bedeutet, für die Tiere und die täglichen Arbeiten verantwortlich zu sein. Gemeinsam mit einem Praktikanten habe sie zwar "alles gemeistert", aber am Ende sei sie doch erleichtert gewesen, als ihr Chef wieder da gewesen war. Ausgebüchste Bullen, eine Kuh im Schlot und Kälbergeburten auf dem Land hatten ihr in den Tagen davor alles abverlangt. Im Rückblick muss sie selbst darüber lachen.

Ankommen

Wenn sie es sich derzeit aussuchen dürfte, würde sie gerne ihre Liebe zur Landwirtschaft und zu den Tieren mit einer Bürotätigkeit verbinden. Wie das aussehen soll, bleibt vorerst offen, zumal im Sommer der Wechsel auf den dritten Lehrbetrieb ansteht. Eines aber steht für Gertje unverrückbar fest: Zurück in die Stadt zieht sie nichts.
Auch interessant