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Ausland

Ein Land der Kontraste

von , am
08.10.2014

Russland ist ein Land der Gegensätze. So der erste Eindruck von Tabea Ziemert, Agrarstudentin aus Göttingen. Acht Wochen hat sie auf einem landwirtschaftlichen Betrieb gelebt und gearbeitet.

Lebendige Rasenmäher: Rinder am Straßenrand sind ein alltäglicher Anblick. © Ziemert
 
"Du kannst hart arbeiten, aus Dir wird mal eine gute Ehefrau." Ein Satz wie aus einer anderen Zeit. Erlebt habe ich die Situation bei dem achtwöchigen Praktikum auf einem großen russischen Betrieb. 5.500 Tiere: Sauen, Ferkelaufzucht und Mastschweine. Automatische Fütterung? Nur bei den Mastschweinen - da ist der Gang breit genug für den Traktor. Gereinigt werden muss jede Bucht einzeln mit Schaber und Besen. Eine schweißtreibende Arbeit, bei über 30 Buchten pro Gruppe. Dafür, dass ich sie ohne Murren tat, bekam ich das genannte Kompliment. Organisiert wurde das Praktikum von der Schorlemer Stiftung des Deutschen Bauernverbandes, in Kooperation mit der Staatlichen Agraruniversität Wolgograd. Seit über zwanzig Jahren lernen jedes Jahr junge Agrarstudenten oder Landwirte aus Deutschland und Russland für ein paar Monate das jeweils andere Land kennen.

Selbstversorgung und XXL-Betriebe

Russland ist ein Land voller Kontraste und vielleicht gerade deshalb so faszinierend. Auf der einen Seite existiert auf dem Land Subsistenzwirtschaft. Fast jede Familie hat ein oder zwei Rinder, einige Hühner und Gänse, vielleicht ein Schwein. Im Garten werden Gemüse und Obst angebaut. Die Möglichkeit zur Selbstversorgung ist wichtig, denn die Löhne sind niedrig. Steigende Lebensmittelpreise sorgen für weitere Spannungen. Es funktioniert nur gut, wenn beide Ehepartner arbeiten - so erklärt sich auch das für mich so irritierende Kompliment. Trotz vieler Unterschiede hat man mich freundlich und offen aufgenommen. Das Interesse an mir, meiner Familie und meinem Leben zu Hause war groß und erfrischend frei von Vorurteilen.

Auf der anderen Seite gibt es unvorstellbar große Betriebe. Mein Praktikumsbetrieb, die Kolchose Lenina, bewirtschaftet über 20.000 Hektar Land, dazu kommen 800 Kühe, über 900 Rinder und 5.500 Schweine. Auch für russische Verhältnisse ist das ein großer Betrieb. Zu erleben ist ein faszinierender Mix aus antiquiert erscheinender, aber voll funktionsfähiger Technik und doch sehr modernen Geräten und Einrichtungen.

Zunächst habe ich im Milchvieh-Komplex gearbeitet. Bei unter 4.000 Litern Milchleistung pro Kuh und Jahr fragt man sich zunächst, ob das so funktionieren kann. Ja, es funktioniert. Die wirtschaftlichen und auch politischen Voraussetzungen sind komplett anders als in Deutschland. Der Fokus bei den Tieren ebenfalls. Sie sind sehr robust, leichtkalbig und sowohl für die Milchproduktion als auch in der Mast gut einzusetzen. In Anbetracht der sehr harten russischen Winter mit teilweise -35 °C ist die Robustheit auch weitaus wichtiger als der xte Liter mehr Milch.

Meistens habe ich bei den Kälbern geholfen. Immer vier Tiere bekamen ihren Eimer angewärmte Vollmilch vorgesetzt. Klingt zunächst ganz einfach. Aber die fast einheitlich rotbraunen Tiere sehen für an Holstein-Rinder gewöhnte deutsche Augen erstmal alle gleich aus. Manchmal musste ich dreimal nachzählen, ob diese Gruppe nun schon getränkt wurde oder nicht.

Weniger Technik - mehr Handarbeit

Nach drei Wochen bin ich in die Schweinehaltung gewechselt. Die baulichen Einrichtungen dort erfordern sehr viel Handarbeit. Würden auf einem vergleichbar großen deutschen Betrieb vielleicht fünf, sechs Leute arbeiten, so sind hier 32 Angestellte beschäftigt, die in Rotation arbeiten und frei haben. Diese arbeiten, ebenso wie ihre Kollegen in der Milchproduktion, sehr hart für das Wohlergehen der Tiere. Der Umgang mit den Tieren erschien mir allerdings teilweise fragwürdig. Faktoren wie das Fehlen von windgeschützten Ecken oder Wärmelampen für die Ferkel führen zu Verlusten von bis zu 40 Prozent, bei ohnehin kleinen Würfen um zwölf bis 14 Tiere.

Mein Fazit: Mein Auslandspraktikum war ein Abenteuer. Vor allem, weil Russland kulturell gesehen so anders ist. Es war spannend, diese Unterschiede kennenzulernen.

Zahlreiche deutsche Firmen engagieren sich dort im Agrarsektor - hoffentlich kann ich später daran mitarbeiten. Mein Russisch hat sich übrigens auch verbessert: "Wsjo budjet schokoladno" heißt "Alles wird gut".  Wörtlich übersetzt: "Alles wird schokoladig."

Kontaktinfos: Schorlemer Stiftung des Deutschen Bauernverbands, Referat für internationalen Praktikantenaustausch, Mária Klaudies, E-Mail: m.klaudies@bauernverband.net, Tel. 0228-9265723. Wenn Ihr Fragen zu ihrem persönlichen Auslands-Abenteuer habt, dann könnt Ihr Euch bei Tabea Ziemert melden, E-Mail: t.ziemert@t-online.de  
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