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Ausland

Dem Zufall eine Chance geben

von , am
14.05.2013

Frank ist in Serbien angekommen. Sein Ziel: eine Masterarbeit darüber zu schreiben, wie die ländliche Bevölkerung mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz umgeht.

Holz ist der wichtigste Rohstof in Kursumlija. Diese LKW begegnen Frank oft auf den Straßen der Stadt. © Helbig

Mit dem Bus komme ich spät am Abend in Kuršumlija an. Der erste Eindruck ist düster. Rauchschwaden der unzähligen Schornsteine haben sich zu einer dicken Wolke verwoben und über die Stadt gelegt. Ein Taxifahrer lacht mich aus, als ich ihn in gebrochenem Serbisch frage, ob es irgendwo eine Unterkunft für Besucher gibt. Er ist verblüfft, dass sich jemand in diesen Ort verirrt hat. Ich esse etwas in einer Imbissstube und mache mir einen Plan. Hier ist ebenfalls allen klar, dass ein Fremder angekommen ist.

Wenig später beiße ich in einen Hamburger und höre Dragan zu, der mir von Deutschland und seinen Erfahrungen erzählt. Seine fehlenden Zähne und Narben im Gesicht deuten an, dass diese eher rauer Natur gewesen sein müssen. Er beschließt, mich in eine Bar mitzunehmen. Nur ohne Unterkunft sich auf eine "Trinktour" mit dubiosen Gestalten zu begeben, ist nicht das, was ich mir unter einer gelungen Ankunft vorgestellt habe. Die Wirtin bekräftigt diesen Einwand und signalisiert mir, dass es sich bei Dragan und seinen Kumpels um gefährliche Typen handelt.

Auf der Suche nach Unterkunft

Es gibt noch eine Person im Raum. Ein alte, etwas verwirrte, aber liebenswerte Dame. Sie lebte 30 Jahre in der Schweiz und arbeitete als Putzfrau - was sie in diesem Dorf zu einer scheinbar Privilegierten werden ließ, denn sie besitzt Euros. Ich schließe mich ihr an und schildere mein Anliegen - eine Wohnung finden, die drei Personen beherbergen kann.
Nachdem wir mehrere Runden um den leeren und dunklen Marktplatz gedreht und sie mir viermal berichtet hat, wie sie ausgeraubt worden ist, ahne ich, dass auch sie mir nicht helfen wird. Es wird spät... Ich bin immer noch im Zentrum der Stadt, ohne eine Ahnung zu haben, wo ich übernachten kann.

Einige Umwege und eine wilde Taxifahrt später stehe ich in einem Motel. In dem Aufenthaltsraum sitzen Geologen einer kanadischen Bergbaufirma - sie untersuchen die Region nach Kupfer- und Goldvorkommen. Der Besitzer des Motels, übt sich im Geschäftemachen und nennt mir den Preis für eine Nacht - 15 Euro inklusive Frühstück. Ich sage ihm, dass dass es ein guter Preis sei, es mir jedoch sonderbar vorkommt. Er guckt verdutzt. Ich zeige auf das Schild hinter ihm, und die Geologen beginnen zu lachen. Der Wirt schämt sich etwas. Auf dem Schild steht der Preis: 10 Euro. Ich bleibe.

Über Umwege zum Ziel finden

Der nächste Morgen ist sonnig und vielversprechend. Nach dem Frühstück, begebe ich mich auf die Suche nach einem Vermieter. Der Zufall hilft. Ich trampe und nach wenigen Minuten hält ein Auto. Die Fahrerin lebt in Deutschland und ist hier zu Besuch. Die Ereignisse überschlagen sich. Wenige Stunden später kenne ich ihre Familie, bin gesättigt und auf dem Weg zum Nachbarn, denn er hat eine Wohnung. Die Verhandlung kann beginnen. Als er ankommt, ist die Freude groß. Es ist der Motelbesitzer vom Vorabend! Ihm wird klar, dass das erste Angebot für das Forscherteam in seinem Motel nun hinfällig ist. Er rechnete nicht damit, dass ich über Umwege zu seinem Haus finden würde. Meine Bekanntschaft aus Deutschland dolmetscht und achtet auf faire Bedingungen. Wir einigen uns und ich bin zufrieden.

Am Nachmittag steige ich in den Bus. Eine Wohnung ist organisiert, ich bin düsteren Gestalten entkommen, wurde beinahe übers Ohr gehauen, habe freundliche Menschen kennengelernt, konnte spazieren gehen und trampen, bei einer Familie Rakia trinken, viel essen und wieder einmal dem Zufall die Chance geben, sich über unverhoffte Umwege zu offenbaren. So ein Semester im Ausland bei dem nicht alles schon vorab organisiert ist, ist zwar manchmal anstrengend und ungewiss. Doch wenn sich schließlich alles zum Guten wendet, ist es um so schöner. Beim nächsten Mal berichte ich Euch von den Befragungen in der Region.
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