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Familie

Nach 46 Jahren zurück in der Altmark

von , am
01.10.2014

Keinen einzigen Quadratmeter Acker hat Hans-Ulrich Salomon nach dem Fall der Mauer zurückerhalten. Dennoch: Er und seine Familie heute wieder auf dem ehemaligen Betrieb. Als Alteigentümer kaufte Salomon einst ererbtes Land und die Hofstelle zurück.

Elisabeth und Hans-Ulrich Salomon wirtschaften mit ihren Kindern Swantje und Falk wieder auf ihrem Betrieb in Orpensdorf in der Altmark. © Preugschat

Einst 253 Hektar (ha) groß fiel das Gut 1945 dem Stalinismus in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zum Opfer. Nach Flucht des Vaters vor den Russen, Verfolgung, entschädigungsloser Enteignung durch deutsche Kommunisten und gut 40-jähriger Zwischenstation in Niedersachsen wirtschaftet Hans-Ulrich Salomon seit 1991 wieder bei Osterburg in der Altmark. Anfangs mit 15 ha Grünland und 15 ha Acker.

Das Rittergut existiert seit 800 Jahren. Eigentümer wurden Salomons in den 1930er Jahren. Robert Salomon, gebürtig von der Ostseite des Harzes, wurde ab 1927 im Nachbarort als Verwalter auf einem Betrieb tätig und konnte das hoch verschuldete Gut in Orpensdorf auf Rentenbasis erwerben. Hans-Ulrich Salomon erblickte erst 1945 das Licht der Welt, als der Kanonendonner des Zweiten Weltkrieges schon verhallt war. Zunächst besetzten die Amerikaner Sachsen-Anhalt und somit auch Orpensdorf, nach dem Tausch eines Teils von Berlin die Sowjets. Das Gut wurde bis 1947 aufgesiedelt. 18 Familien, unter anderem aus Pommern und Ostpreußen, bauten sich mit ein paar Hektar Acker eine neue, vor-übergehende Existenz auf.

Zunächst bei Lüchow auf einem Pachtbetrieb, kauften Salomons 1963 von der NLG einen 27-ha-Siedlungshof in Wendewisch bei Bleckede, auf dem zuerst Kühe und bis 1995 Sauen gehalten wurden. Salomon studierte Landwirtschaft in Göttingen, war als Berater tätig und vor der Grenzöffnung auch als Lehrer an der Georgsanstalt in Ebstorf.

Zurück auf das alte Gut


Den elterlichen, für die Altmark typischen Vierseitenhof mit der überdachten Toreinfahrt besuchte er erstmals 1974. Das einst imposante Gutshaus, im Dorf immer als Schloss bezeichnet, wurde nach dem Krieg Wohnraum für Flüchtlingsfamilien, dann Getreidelager. Es war bereits dem Verfall preisgegeben und stand kurz vor dem Abriss. Die LPG errichtete auf dem Hofgelände Viehställe, Lagerhallen und Sozialräume für die Mitarbeiter.

Ab 1991 bewirtschaftet


Nach der Wende ist es für Salomons selbstverständlich, wieder den alten Gutshof zu bewirtschaften. Sie hoffen, zumindest Teile des enteigneten Grund und Bodens wieder zurück zu bekommen, denn der überwiegende Teil befindet sich jetzt in der Hand der Bundesrepublik Deutschland, verwaltet von der Treuhandanstalt, später der Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG). Die Hoffnung entpuppt sich als Irrtum. Ein jahrelanger, allerdings erfolgloser Kampf durch alle Instanzen folgt (die LAND & Forst hat über die Verfahren berichtet). Salomons versuchen, Flächen zu pachten oder zu kaufen. Ein ehemaliger LPG-Brigadier gibt Tipps, denn Unterlagen über das ehemalige Gut und die Flächen konnten nicht gerettet werden.

Angefangen 1991, wirtschaftet Salomon offiziell ab 1992 in Orpensdorf. Er wohnt allein in einem Wohnwagen, denn die Kinder Swantje und Falk sollen ihr Abitur noch in ihren alten Schulen machen. "Am Wochenende ging es dann immer voller Freude nach Orpensdorf und das trotz fehlender Annehmlichkeiten", berichtet die gebürtige Bayerin Elisabeth Salomon. Als Studienrätin unterrichtet sie zum Zeitpunkt der Wende Biologie und Chemie am Gymnasium in Scharnebeck, nebenbei führt sie den Hof, der später vom 120 km entfernten Orpensdorf mit bewirtschaftet wird. Erst im Jahr 2000 ist die Familie in Orpensdorf vereint. Zu den noch ansässigen vier Siedlerfamilien haben Salomons von Anfang an ein gutes Verhältnis. "Sie fragten, was können wir machen, wir haben doch auf eurem Grund gebaut", erzählt die couragierte Bäuerin. Anders verhalten sich die LPG-Funktionäre, die Speerspitzen der alten DDR-Diktatur. "Anfangs, als alle annahmen, dass wir den Betrieb wieder zurückbekommen, wurde mit der LPG-Tier die sukzessive Übernahme der Ställe vereinbart. Doch nach dem ersten Bodenreformurteil änderte sich die Haltung schlagartig: Die vereinbarte Befüllung der Silos musste vor Gericht erstritten werden. Von uns bestellte Flächen wurden von der LPG abgeerntet, was wiederum wegen der Entschädigungszahlungen vor Gericht landete", berichtet Hans-Ulrich Salomon von nur einigen Fällen.

Finanzierungsprobleme

Die Zusammenarbeit mit der BVVG war ebenfalls konfliktreich. "Ständig wurden neue Kaufinteressenten über unseren Hof geführt, zweimal verschwanden unsere eingereichten Kaufunterlagen", erbost sich Frau Salomon.

Probleme machten auch die Banken, denn Salomons - nur den Betrieb in Wendewisch im Rücken - können für ihr Engagement außer ein paar Plänen keine Sicherheiten bieten. "Ein Mitarbeiter einer in Hannover ansässigen norddeutschen Bank lehnte die Finanzierung ganz schroff ab mit den Worten, er könne das von uns verlangte Geld genauso in die Elbe werfen, dort sähe er es auch nicht wieder", ärgert sich noch heute Landwirt Salomon.

Dann springt die Volksbank Osterburg-Lüchow-Dannenberg ein. Das Geldinstitut kreditiert sowohl Baumaßnahmen als auch Landkäufe. Und da sind in den vergangenen Jahren einige Beträge zusammen gekommen, denn mittlerweile stehen von 320 ha Betriebsfläche schon 235 ha in Eigentum, größtenteils Flächen des ehemals eigenen Guts.

Salomons, die drei Mitarbeiter beschäftigen, bauen 2002 einen Boxenlaufstall für ihre Kühe, derzeit 113 (8.500 kg verkaufte Milch/pro Jahr), errichten Maschinenhallen und Lagerraum für das Getreide, setzen die alte Gutsscheune instand und ersteigern eine weitere, bereits umgebaute ehemalige Gutsscheune. Darin wohnen sie heute. Derzeit bauen sie den einstigen Kuhstall des Gutes, später LPG-Immobilie, in ein Wohnhaus um.

Einen Batzen Geld hat auch die moderne Landtechnik gekostet, die nicht nur auf dem eigenen Betrieb eingesetzt wird, sondern über ihr Lohn-unternehmen auch bei Berufskollegen, bis hin nach Rumänien. Die heute 94 Bullen werden in einem umgebauten LPG-Stall gemästet.

2014 wurden auf den 265 ha Acker 57 ha Winterroggen, 54 ha Winterweizen, 50 ha Raps, 51 ha Silomais, 31 ha Klee- und Ackergras, 16 ha Wintergerste und sechs ha Zuckerrüben angebaut. "Diesjährige Weizenerträge von 80 Dezitonnen pro Hektar auf unseren 50erBoden sind doch ganz beachtlich", meint der 69-Jährige. 55 ha Grünland gehören ebenfalls zum Betrieb. Bei Altverträgen liegen die Pachtpreise bei 250 Euro pro Hektar, Neuverträge kratzen auch schon an der 600er-Euro-Marke.

Gefragt, ob sie ihr Engagement bereuen, antwortet Elisabeth Salomon spontan, dass sie es wieder tun würden. "Allerdings mit mehr Skepsis." Es freut die ältere Generation, dass die beiden Kinder Swantje (33), eine studierte Psychologin, und Falk (30), Dipl.- Ing. agr., den Betrieb fest im Griff haben und ihn weiterführen werden.

Kritik an der Politik


Verbittert ist Frau Salomon allerdings über die Politik, die den Alteigentümern nicht nur keinen Hektar Land zurückgegeben hat, sondern den enteigneten Familien nicht einmal den Flächenerwerb im Rahmen der Wiedergutmachung gewährte, wenn sie ihre Pächterrechte wahrgenommen haben.

Als einzige Ausnahme bezeichnet sie Christian Wulf. "Ihm ist es zu verdanken, dass zu seiner Zeit als Ministerpräsident und Mitglied des Präsidiums der Bundes-CDU das 2. Flächenerwerbs-Änderungsgesetz mit der Stichtagsregelung 2004 zustande gekommen ist", lobt Frau Salomon den ehemaligen Bundespräsidenten. Als Präsidentin des Verbandes "Das Heimatverdrängte Landvolk" kämpft sie nicht nur für die Rechte der Alteigentümer, sondern auch andere durch das DDR-Unrechtsregime benachteiligte Landwirte. 
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