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Familie

Wenn der Alltag dazwischenkommt

von , am
23.04.2013

Wäsche, die im Bad auf den Boden liegt, Zahnpastareste oder auch Bartstoppeln im Waschbecken - typische "Aufreger" in vielen Partnerschaften. Autorin Anja Kersten gibt Tipps, wie Sie Streit wegen Kleinigkeiten vermeiden.

© Kersten

Im Laufe einer Beziehung, wenn wir immer häufiger die rosarote Brille absetzen, die Schmetterlinge im Bauch das Weite gesucht haben und wir im Alltag angekommen sind, häufen sich Verhaltensweisen, die uns an dem anderen stören. In der herumliegenden Wäsche und in dem chaotischen Schreibtisch sehen wir nicht mehr die Sachen des geliebten Partners, sondern die eines schlampigen Mannes, der nur um uns zu ärgern alles herumliegen lässt und nichts aufräumt.

Anstatt das Problem anzusprechen, fangen wir an, am anderen herumzunörgeln. Das ist einfach, denn man muss dabei nichts über seine Gefühle mitteilen.
Hand aufs Herz! Sind es nicht vor allem wir Frauen, die nörgeln. Wir sollten uns erst einmal fragen: "Worum geht es mir eigentlich? Was stört mich?" Oft sind es gar nicht die herumliegenden Sachen, sondern etwas ganz anderes: Frauen fühlen sich bei ihrer Arbeit als Mutter, Hausfrau und Mitarbeiterin auf dem Hof vom Partner nicht wertgeschätzt. Genau das drücken sie dann über das Herumnörgeln an ihrem Partner aus - anstatt sich klarzumachen, was sie eigentlich verändern wollen und können.

Sagen Sie, was sie sich wünschen. Damit geben sie dem Partner die Chance "ja" oder "nein" zu der Veränderung zu sagen. Männer sind keine Hellseher. Auch wenn es schön wäre, wenn sie die Wünsche von den Augen ablesen könnten. Deshalb reden Sie mit Ihrem Mann und bringen Sie die Dinge zur Sprache, unter denen Sie leiden. Denn durch die Enttäuschung und den unausgesprochenen Ärger, entfernt man sich immer weiter von ihm.

Gefühle zeigen

Doch wie beginnen Sie ein solch heikles Gespräch? Am besten nicht dann, wenn man sich gerade mal wieder wahnsinnig über die Marotten des anderen ärgert und kurz vor dem Platzen ist, sondern in einem ruhigen Augenblick. Bringen Sie in diesem Gespräch Ihre Gefühle zum Ausdruck wie "Ich fühle mich nicht ernst genommen, weil ich Dich schon so oft darum gebeten haben, Deine Sachen aufzuräumen." Wichtig ist, dem Partner zu vermitteln, dass es einem nicht um Prinzipientreue geht, sondern um ein harmonisches Zusammenleben. Fragen Sie nach, warum es dem Partner so schwer fällt, dieses oder jenes zu tun. Das gibt ihm die Chance sein Verhalten zu erklären - ohne, dass er sich als Person angegriffen fühlt.

Mit Worten wie "Du warst und bist einfach ein Chaot, nie räumst Du Deine Sachen auf, immer muss ich Dir hinterherräumen" werden Sie das Problem nicht lösen. Der Partner fühlt sich als Person angegriffen, obwohl Sie nicht ihn, sondern sein Verhalten kritisieren. Auf mehr Gehör werden Sie stoßen, wenn Sie Wörter wie "immer" und "nie" vermeiden und eine Ich-Botschaft formulieren, wie: "Ich würde mich freuen, wenn Du Dich um die Kinder kümmerst oder Deine Wäsche in den Korb wirfst."

Kritik behutsam äußern  

Doch was sich so einleuchtend anhört, fällt uns im Alltag schwer. Denn es ist einfacher, den anderen zu beschuldigen als seine eigenen Wünsche zu formulieren. Und so wohlwollend die Kritik auch vorgebracht wird, die meisten von uns tun sich schwer damit. Denn Kritik löst Angst aus: Die Angst vom anderen nicht mehr geliebt zu werden, nicht okay zu sein. Und je geringer unsere Selbstwertgefühl ist, je perfekter wir sein wollen, desto mehr schmerzt die Kritik. Wenn man sich diese Ängste  klar macht, dann wird man auch die Haltung des Partners, der verletzt auf die Kritik reagiert, in einem anderen Zusammenhang sehen und seine Kritik behutsam äußern.

In einer Atmosphäre voll Respekt kann der Partner die Kritik als Herausforderung begreifen, als Chance sich weiterzuentwickeln. Er fühlt, dass der Partner ihn nicht kritisiert, weil er ihn niedermachen will, sondern, weil er ihm wichtig ist und mit ihm harmonisch zusammenleben will.

Wer weiß, dass er aus einem Gefühl der Liebe und Angenommenseins heraus kritisiert wird, kann diese Kritik leichter annehmen. Das heißt aber auch, dass dafür ein "Polster" geschaffen werden muss. In Untersuchungen wurde festgestellt, dass bei glücklichen Paaren das Verhältnis Lob zu Kritik fünf zu eins ist. Das können ganz kleine Sachen sein wie "Schön, dass Du das gemacht hast, gut hast Du gekocht" oder auch kleine Gesten der Aufmerksamkeit wie eine Tasse Kaffee für den anderen kochen oder auch nur die Hand auf die Schulter des Partners legen. Doch die Kultur des Lobens und Wertschätzens ist bei uns im Gegensatz zum Kritisieren wenig verbreitet. Man braucht nur selbst für sich einmal zu überlegen, wann man seinem Partner zuletzt ein Kompliment gemacht hat und wann man ihn kritisiert hat.
 
Lob und Komplimente sollten angenommen und nicht sofort abgewertet werden. Vergessen Sie beim nächsten Lob ihres Partners das "Ach, das ist doch nicht der Rede wert", das ihnen schon auf der Zunge liegt; freuen sich einfach drüber.  

Es wird immer Sachen an unserem Partner geben, die uns nicht gefallen. Einige werden wir ändern können, andere nicht. Mit diesen werden wir uns arrangieren müssen. Partnerschaften, die zum Ziel haben, den anderen nach seinen Vorstellungen zu formen, stehen auf wackligen Füßen. Aus einem stillen Mann, der nicht gerne im Mittelpunkt steht, werden Sie keinen Partylöwen machen. Denn genau das Stille, Bescheidene ist es, das diesen Menschen ausmacht. Und hat man sich nicht genau deshalb in diesen Menschen verliebt?
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