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Familie

Beflügeln statt umkreisen.

von , am
11.02.2014

Sie kreisen ständig um ihre Kinder, immer bereit, neben ihnen zu landen und zu Hilfe zu eilen. Pädagogen nennen dieses Phänomen "Helikopter-Eltern". Lesen Sie hier, wie überbesorgte Eltern gegensteuern können.

Jeden Schritt des Kindes kontrollieren - das ist nicht gut für die Entwicklung. © Zsolt Nyulaszi/Fotolia
Schon der Volksmund weiß ein Lied von den Folgen steter elterlicher Sorge zu singen. "Hänschen klein", der wohlgemut und selbstbewusst  mit „Stock und Hut“ aufbricht, um die Welt auf eigene Faust zu erobern, macht auf halben Weg in die weite wunderbare Welt kehrt, weil seine Mutter in Tränen ausbricht. "Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind". Hänschens Neugier auf die Welt und sein wunderbares Selbstvertrauen werden von einer Flut mütterlichen Tränen einfach weggespült. In den Augen seiner Mutter ist Hänschen einfach noch zu klein, um ohne ihre immerwährende Fürsorge, ohne ihr stets wachsames Auge den Gefahren der gefährlich schönen Welt standzuhalten.

Tränen oder immerwährende Fürsorge können - nicht nur bei Kindern - ein sehr wirksames Mittel sein, um nötige Abschiede oder Schritte auf dem Weg zur Selbst- und Eigenständigkeit zu verhindern. Natürlich ist der Wunsch von Eltern, ihrem Kind möge nichts zustoßen, berechtigt. Und auch dagegen, dass Eltern das Beste für ihr Kind und seine Zukunft wollen ist, ist nichts einzuwenden.

"Bitte melde Dich"

Auch dass die Welt nicht ungefährlich ist, wird niemand bestreiten. Viele Mütter und Väter haben nicht zuletzt aufgrund von Medienberichten Angst um ihre Kinder. Dabei ist etwa die Anzahl pädophiler Übergriffe seit den 50er-Jahren deutlich zurückgegangen. Dennoch fahren viele Eltern ihre Kinder bis ins Teenager-Alter hinein mit dem Auto zur Schule  oder zu Freunden. Das Handy wird oft genug zur verlängerten elektronischen Nabelschnur. "Ruf bitte sofort an, wenn du da bist", heißt es nicht selten. Stellt sich die Frage, wie die Handylose Generation eigentlich überlebt hat.

Pascha und Prinzessin

Dass Kinder nicht mehr wie früher unbeaufsichtigt draußen spielen und sich erst wieder zu Hause melden, wenn sie Hunger haben, hat nicht nur mit dem vor allen in Städten zu beklagenden Mangel an „Spielräumen“ zu tun, sondern auch mit der wachsenden Zahl sogenannter "Helikopter Eltern". So nennt Schulpädagoge Josef Kraut hyperaktive Eltern, die ihre Sprösslinge umkreisen wie Hubschrauber, immer bereit ihnen zu helfen, sie in Watte zu packen und für sie Konflikte zu lösen, um sie vor jeder Unbill zu schützen. Und die ihnen zugleich jegliche Form von Frühförderung angedeihen lassen.

Kein Wunder, so Kraus, dass  das "PP Syndrom", das Pascha-Prinzessinenen-Syndrom mit einem übersteigerten Anspruchsdenken auf Seiten der Kinder um sich greift. Sie weichen eigenen Anstrengungen aus, halten sich für den Mittelpunkt der Welt und ziehen sich beleidigt zurück, wenn ihnen eine echte oder vermeintliche Ungerechtigkeit widerfährt.

Kindern Freiraum geben

Aus Sicht des bekannten Hirnforschers Gerald Hüther hat dieser Erziehungsstil, der von Kon-
trolle, Einmischung, Verschonen, Überbehüten und Verwöhnen geprägt ist, ungewollte Nebenwirkungen und Folgen: Ein Kind vor lauter Sorge nicht in die Welt hinaus zu lassen oder ihm möglichst alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, verhindert, dass es lernen kann, "sich schon in frühen Jahren als kompetenter Gestalter seines Lebens zu fühlen", so Hüther.

Wer Kinder zur Selbstständigkeit und zur Anstrengungsbereitschaft ermutigen möchte, selbst auf die Gefahr hin, dass es nicht sofort klappt, kann schon früh damit beginnen. Schon ein Krabbelkind muss Gelegenheit haben, selbst zu einem Spielzeug zu robben, das es gern haben will. Wenn Eltern diesen anfangs mühsamen Weg mit einem Handgriff abkürzen, bringen sie ihr Kind um das wichtige Erfolgserlebnis, selbst etwas geschafft zu haben.

Auch Kindergartenkinder brauchen den Freiraum, möglichst viel selbst zu schaffen. Selbst wenn das länger dauert und vielleicht nicht perfekt wird. Dem Schulkind ist nicht damit geholfen, wenn Vater oder Mutter den Aufsatz zu einem schwierigen Thema selbst schreiben. Wichtiger wäre, dazu zu ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Etwa indem das Kind mit Mitschülern Kontakt aufnimmt, im Gespräch mit den Eltern herausfindet, was genau schwierig ist oder am nächsten Tag beim Lehrer um Hilfe bittet.

Erlernte Hilflosigkeit

Anstrengungsbereitschaft, Konfliktbereitschaft und die Fähigkeit, auch bei Schwierigkeiten nicht aufzugeben sind unabdingbare Voraussetzung, um sich im Leben zurecht zu finden. Wo Eltern die Probleme stets aus dem Weg räumen, entwickeln die Kinder diese Fähigkeiten nur mühsam. Aufgrund ausbleibender Erfolgserlebnisse, fehlender Bestätigung kann sich vielmehr bei dem Kind so etwas wie erlernte Hilflosigkeit entwickeln.

Die stete Sorge der Eltern kann schnell zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden: Eltern, die stets zu verstehen geben, wie gefährlich die Welt ist, sollten sich nicht wundern, wenn sie ängstliche oder anspruchsvolle Kinder haben, die lange und gerne ihre Hilfe einfordern. Wenn man Kinder daran hindert, selbst etwas auszuprobieren oder zu riskieren, führt das beinahe zwangsläufig dazu, "dass sie zu Menschen heranwachsen, die keine Probleme lösen können oder wollen", so Gerald Hüther.

Kinder zu ihren eigenen Wegen zu ermutigen und ihnen etwas zuzumuten, erfordert von Eltern ein realistisches Vertrauen und Zutrauen in die Talente und Begabungen, die jedes Kind mitbringt. In einem Klima, das von Anfang an geprägt ist von der Überzeugung. "Du schaffst das schon - ich vertraue dir" können Kinder ihre Begabungen entfalten und lernen, ihr Leben selbst zu gestalten - Fehler und Rückschlage eingeschlossen.

Braun gebrannter Hans

Es kann für Eltern entlastend sein, wenn sie wissen, dass sie das Glück ihrer Kinder nicht garantieren können und vor allem nicht müssen. Statt Probleme grundsätzlich von ihren Kindern fernzuhalten, kommt es darauf an, altersangemessene Hilfen zur Lösung anzubieten - und bei Fehlschlägen zu einem zweiten oder dritten Versuch zu ermutigen.
Auf diese Weise käme auch wieder die Originalfassung von Hänschen klein in den Blick. Denn in der ermutigt die Mutter ihren Sohn, in die  Selbständigkeit auszuziehen -
auch wenn es ihr schwerfällt.  

Denn eigentlich heißt es in der ersten Strophe: "Wünsch dir Glück! sagt ihr Blick, kehr nur bald zurück!" Und genau das tut Hans dann auch: Nach sieben Jahren kommt er zurück - braungebrannt und erwachsen.
 
Hänschen klein

Hänschen klein, ging allein,
in die weite Welt hinein.
Stock und Hut
steht ihm gut,
Ist gar wohlgemut.
Doch die Mutter weinet sehr,
hat ja nun kein Hänschen mehr!
"Wünsch dir Glück!"
Sagt ihr Blick,
"kehr’ nur bald zurück!"

Sieben Jahr, trüb und klar
Hänschen in der Fremde war.
Da besinnt sich das Kind,
eilt nach Haus geschwind.
Doch nun ist’s kein Hänschen mehr.
Nein, ein großer Hans ist er.
Braun gebrannt
Stirn und Hand.
Wird er wohl erkannt?

Eins, zwei, drei, geh’n vorbei,
Wissen nicht, wer das wohl sei.
Schwester spricht:
"Welch Gesicht?"
Kennt den Bruder nicht.
Kommt daher sein Mütterlein,
Schaut ihm kaum ins Aug hinein,
Ruft sie schon:
"Hans, mein Sohn!
Grüß dich Gott, mein Sohn!"

Original aus dem 19. Jahrhundert
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