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Hof- und Dorfleben

Vom Deister an den Rand der Börde

von , am
18.09.2014

Walter und Doris Volker, die früher in Nettelrede im Landkreis Hameln-Pyrmont einen Hof bewirtschafteten, nutzten nach dem Mauerfall die Chance der Betriebsverlagerung und ackern heute jenseits der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Walter und Doris Volker bewirtschaften in Badeleben am Rand der Magdeburger Börde einen 350-ha-Hof. © Preugschat

Gleich am Morgen nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, also am 4. Oktober 1990, unterschrieben Volkers die ersten Pachtverträge über zirka 80 ha Land. In Badeleben am Rande der Magdeburger Börde bewirtschaften sie heute in der Rechtsform einer GbR rund 350 ha Acker, davon sind 60 ha ihr Eigentum.

Neugierig geworden


Die Grenzöffnung am 9. November 1989 weckte bei vielen niedersächsischen Bauern Interesse an der DDR-Landwirtschaft. Wie würden die Berufskollegen im sogenannten  Arbeiter- und Bauernstaat leben, wie die dortigen Genossenschaften und Großbetriebe wirtschaften?  

Auch Doris und Walter Volker machten sich mit einem befreundeten Ehepaar Pfingstsonntag 1990 auf den Weg über die Bundesstraße 1 Richtung Magdeburg. "Wir waren einerseits imponiert von den großen Ackerschlägen, die oftmals bis zum Horizont reichten, andererseits schockiert über die vielen verfallenen Häuser und Gehöfte sowie die maroden Straßen", erinnert sich der Landwirt. Dass der damals 39-Jährige dort kaum fünf Monate später selbst ackern würde, daran hat er zu dem Zeitpunkt im Traum nicht gedacht.

Zu Hause bei Bad Münder bewirtschaftete die Familie mit drei heranwachsenden Kindern damals 72 ha Acker, davon 20 ha Eigentum. Sie melkten 20 Kühe, mästeten Bullen und Schweine. "Im kleinen Stil", wie der heute 63-Jährige betont. Über eine Betriebsvergrößerung wurde schon lange nachgedacht, doch Pachtland war knapp und teuer, an Kauf gar nicht zu denken. In der LAND & Forst erschienen zu dem Zeitpunkt schon häufiger Anzeigen über Immobilien jenseits der innerdeutschen Grenze. So nimmt auch Volker Kontakt zu einem Makler auf, der ihm einen Betrieb zeigt. Das Geschäft kam jedoch nicht zustande.

Der engagierte Bauer aus dem Weserbergland suchte weiter und stieß schließlich über eine Privatperson auf den Hof in Badeleben, einem ehemaligen Gut. Die vormalige Eigentümerfamilie war in den 1950er-Jahren geflohen und lebte in Kanada, die Älteren waren auch schon verstorben. Mehrere Rechtsanwälte beteiligten sich an der juristisch nicht leichten Übertragung des Betriebs.

An dem Gebäudeensemble des einst vermutlich sehr imposanten Vierseiten-Hofes waren die Spuren 40-jähriger Misswirtschaft nicht zu übersehen. "Alles machte einen mehr als trostlosen Eindruck. Einige Gebäude waren nicht mehr nutzbar", berichtet Doris Volker.

Bei der Bearbeitung der ersten Pachtflächen im Herbst 1990 nutzte der Niedersachse Volker noch die von zu Hause mitgebrachten Maschinen. "Ich habe von frühmorgens bis spät in die Nacht geackert. Als ich mir die Tagesarbeit angesehen habe, kam es mir aber vor, als hätte ich nur eine Handtuchfläche geschafft. So groß waren nun meine Felder." Dabei lacht der Bauer, der heute mit einem MF-Mähdrescher mit über sieben Meter Schnittbreite über die Felder braust, so auch während des Interviews für diesen Zeitungsbericht.  

Zwei Betriebe

Damals, zu Beginn seines Ost-Engagements, wohnte Walter Volker in Badeleben zur Untermiete. Erst nach der Hofübertragung am 23. August 1993 zog er auf den Hof. Er blätterte für die drei Morgen große Hofstelle mit Gebäuden und angrenzender Fläche 250.000 DM auf den Tisch. Treuhand und einige Privateigentümern veräußerten später weitere Flächen, sodass das Hofgrundstück heute 3,5 ha umfasst.

Die ersten Jahre bewirtschaften Volkers beide Betriebe: den zu Hause in Nettelrede und den in Sachsen-Anhalt. "Auch für mich war das eine schwere Zeit mit drei Grundschulkindern, 20 Kühen, Bullen und Schweinen. Die Ackerarbeiten erledigte mein Mann", berichtet Doris Volker. Die Tiere verließen 1993 den Hof. Zwölf Hektar Land wurden veräußert, um in den neuen Betrieb investieren zu können. Mit den Erlösen aus der Milchquote erwarben sie Stärkekartoffelquoten. Die Pachtflächen wurden zurückgegeben, den Rest Eigentum lässt Volker bewirtschaften. Für Acker von 40 bis 85 Bodenpunkte bezahlten Volkers in den 90er-Jahren in Sachsen-Anhalt um die 8.000 Mark je Hektar. Heute wechselt kaum noch ein Hektar unter 20.000 Euro den Besitzer. An Pacht zahlen sie je nach Bodenwert ähnlich hohe Beträge wie in Niedersachsen üblich.

Mit der Hofübernahme  beginnt eine nie enden wollende Bautätigkeit. Erst werden Stallungen auf Vordermann gebracht und Wohnhaus vom Keller bis Dach renoviert, anschließend Getreidelager und eine Maschinenhalle eingerichtet. Erhebliche Investitionen in moderne Landtechnik folgen.

800 Mastplätze

Der Maststall wurde umgebaut, er bietet heute 800 Schweinen Platz. Die Ferkel erzeugt ein Kollege aus einem Nachbarort. Bis 35 kg Lebendgewicht laufen sie in einem großen Vormaststall mit lediglich zwei riesigen Buchten auf Stroh. Die Mast bis 100 kg erfolgt im Spaltenbodenstall. Firma Vion vermarktet die Tiere. Ein im Nachbarort ansässiger Schlachter nimmt wöchentlich sechs bis acht schwerer gemästete Schweine ab. "Dessen Mettwurst schmeckt noch so wie zu Omas Zeiten. Das wissen auch meine Gäste in unserem Hofcafé in Nettelrede zu schätzen", berichtet Doris Volker, die aus dem bayerischen Frankenland stammt. Das Café mit 80 Sitzplätzen, 2009 im ehemaligen Schweinestall eingerichtet, erfreut sich großer Beliebtheit. Zusammen mit Tochter Stefanie betreibt sie die Lokalität, die von Mittwoch bis Sonntag öffnet. Tochter Christine hilft dort auch mit aus. Frau Volker pendelt jeden Donnerstag  die 156 km über die Autobahn A 2 Richtung Weserbergland. Montags geht es zurück in den Bördekreis.

Kartoffeln bauen Volkers nicht mehr an, dafür aber 30 ha Rüben für das Nordzucker-Werk in Wanzleben. Mit dem eigenen Mähdrescher erntet Volker seine 160 ha Winterweizen, 50 ha Wintergerste und 40 ha Raps. Über 800 t Getreide können eingelagert werden.

Schritt nicht bereut

Seit drei Jahren bauen Volkers auch 70 ha Mais für  eine 250-kW-Biogasanlage an. Eigener Mais, Schweinegülle und der Festmist aus dem Ferkelstall reichen als Inputstoffe aus. Den Güllebonus sichern die Schweineexkremente. Der Acker, der ansonsten lediglich Mineraldünger erhält, ist auch für eine gute Gabe Gärsubstrat dankbar. Mit der Abwärme werden Stall und Wohnhaus beheizt und bei Bedarf Getreide getrocknet.

Nach dem Zusammenleben mit Nachbarn und Berufskollegen befragt, also den ehemaligen LPG-Mitarbeitern, sagt Walter Volker, dass er von Anfang an respektiert wurde. "Man war zwar  nicht immer nett und freundlich, aber gesprächsbereit", betont der Landwirt. "Heute haben wir ein gutes Verhältnis zueinander", ergänzt Ehefrau Doris.
Ihr Sohn, der nach Ausbildung auf den Lehrbetrieben Hartmann in Klein Escherde und Wulkopf in Hemmingen sowie Fachschulbesuch zwei Jahre im Ausland auf Großbetrieben tätig war, will den Betrieb auf jeden Fall weiterführen. Das freut natürlich das Landwirtsehepaar, das viel geschuftet hat und der nächsten Generation ein schönes Erbe hinterlassen wird: den Hof in Badeleben und das Hofcafè in Nettelrede.
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