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Hof- und Dorfleben

Döntjes aus dem "Kugel-Lager"

von , am
14.01.2014

Schon seit seiner Kindheit ist Jonny Agena begeisterter Boßler und Klootschießer. Jetzt hat er ein eigenes Boßelmuseum in Specken, einem Ortsteil von Bad Zwischenahn im Landkreis Ammerland, eröffnet.

"Boßel-Professor" Jonny Agena hat zu seinem Lieblingsthema vieles zu bieten. Unterhaltsame Döntjes gehören dazu. © Wilken
Auf langen Tischen liegen Boßelkugeln und Kloots aus Birnbaum- und Apfelbaumholz, aus Mangobaum- und Guajakholz, aus Hartgummi, Marmorgemisch und Kunststoff. In Vitrinen lagern Geschütz- und Mörserkugeln, die einst ebenfalls zum Werfen benutzt wurden. Jonny Agena kennt zu jeder Kugel eine Geschichte - und auch jede Menge Döntjes rund um den Volkssport, die er interessierten Besuchern neuerdings in seinem Boßelmuseum im Bad Zwischenahner Ortsteil Specken erzählt.

"Wussten Sie zum Beispiel, dass Paul Breitner ein Naturtalent im Klootschießen ist? Er hat es mal versucht, als er im Urlaub an der Nordsee war, und auf Anhieb stattliche 38 Meter erreicht", verrät der "Boßel-Professor", wie ihn viele nennen. Doch Agena hat auch geschichtliche Infos auf Lager. So zeigt er in seinem Museum mithilfe vieler Fotos und der entsprechenden Boßelkugeln und Kloots, wie sich die beiden Sportarten über die Zeit entwickelt haben.

Los geht der Rundgang bei alten Fotos vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts. "Die habe ich in einem Buch entdeckt, dass ich per Zufall auf dem Flohmarkt gefunden habe", erzählt der 75-Jährige. Die Bilder zeigen Wettkämpfe aus den 1910er Jahren. "Das waren die großen Jahre des Klootschießens", weiß Agena. "Damals kamen wahre Menschenmassen zusammen. Auf den Bildern sieht man aber auch, wie sich die Körperhaltung beim Klootschießen verändert hat." Und schon ist er mittendrin in einer Demonstration, wie man den Arm schwingen sollte, um einen guten Wurf hinzubekommen.

Bunte Geschichten

"Ich war ja immer eher der Boßler", gibt der Ammerländer zu, der seit fast 50 Jahren im Vorstand von verschiedenen Verbänden und Vereinen aktiv ist. "Um beim Klootschießen richtig gut zu werden, muss man sehr viel trainieren, und es geht ganz schön auf die Gelenke. Boßeln kann man theoretisch noch mit 90 Jahren." Um aber auch den Nachwuchs neugierig zu machen, hat Agena mehr als zehn Jahre lang die Schüler der Grundschule Elmendorf im Rahmen von AGs in die Geheimnisse der beiden Sportarten eingeweiht.

Wenn es um Kloots und Boßelkugeln geht, gibt es nicht viel, was in Jonny Agenas Sammlung fehlt. Da finden sich uralte Holzkugeln, die so abgenutzt sind, dass schon der bleierne Kern herausschaut, der der Kugel das Gewicht gibt. Zu einem Kloot erläutert ein Schild: "Gefunden in einem Wassergraben in Holland um 1735". Agena stellt aber auch Boule- und Boccia-Kugeln aus, dazu Schleuderbälle ("Damit haben sich Klootschießer früher warmgemacht")  und sogar ein Strauchbesen ist zu sehen. "Denn das Besenwerfen war früher eine Art, sich bei Frost sportlich zu betätigen", erklärt er. Der Kloot dagegen sei in früheren Zeiten eine Waffe gewesen, die die Friesen auf Eindringlinge schleuderten, sagt Agena. "Das waren damals harte Kugeln, geformt aus dem lehmigen Kleiboden der Küst-engegend und in der Sonne getrocknet. Mit diesen Wurfgeschossen lehrten die Germanen die Römer das Fürchten, das schrieb schon Tacitus." Später entwickelte sich aus dem Klootschießen als Kräftemessen benachbarter Dörfer das Boßeln als zweite Traditionssportart in Norddeutschland. Und nicht nur dort: Die drei anderen großen Boßelnationen sind Italien, Irland und Holland; zusammen mit dem Friesischen Klootschießer-Verband und dem Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler trifft man sich alle vier Jahre zur Europameisterschaft.

Viel Geschichtliches

Jetzt ist Agenas Material, das er in vielen Jahren zusammengetragen hat, in den Räumlichkeiten des Heimatmuseums in Specken zu sehen. Da der Heimatverein kürzlich einen Hof geerbt hat, wo er künftig seine alten Geräte zeigen will, war dieser Platz plötzlich frei - das ließ sich Agena nicht entgehen. "Endlich liegt meine Sammlung nicht mehr nur zu Hause auf dem Heuboden", freut er sich über das neue Museum, in das er Interessierte und Vereine zum Besuch einlädt. Das Boßelmuseum im Bad Zwischenahner Ortsteil Specken, Speckener Weg 34, hat dienstags von 10.30 bis 16.30 Uhr und freitags von 11 bis 17.30 Uhr geöffnet. Infos und Terminvereinbarungen bei Jonny Agena, Telefon
04488-3774.
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