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Equal Pay Day

Einheiraten: Per Ehevertrag zu "Equal Pay"

Landwirtin im Stall
Antje Wilken
am
18.03.2019

Frauen, die auf einen Hof einheiraten, sollten auch zu einem Ehevertrag "Ja" sagen. Wir fragten Anne Dirksen, LWK Niedersachsen.

Dirksen-Anne-LWK-Niedersachsen

Die Ehe ist gescheitert und Lisa M. (32) ist verzweifelt: Ihre Beziehung mit Landwirt Tjark M. besteht nur noch auf dem Papier. Weil ihr die Landwirtschaft gefiel, hat sie vor rund elf Jahren die ungeliebte Ausbildung im Büro abgebrochen. Sie zog zu Tjark auf den Hof und hat seitdem dort mitgearbeitet. Gefühlt war es ja auch ihr Hof und mit seinen Eltern verstand sie sich bestens.

Angemeldet wurde für sie aber nur ein sogenannter Midijob über 600 Euro. Um Steuern zu sparen. Nach dem ersten Sohn stand die Hochzeit an, und als der jüngere Sohn zwei Jahre alt war, erfüllte sich Lisa M. einen Traum: ein Hofcafé. Den Umbau und die Ausstattung des alten Schweinestalls finanzierte sie mit dem Erbe von ihrer Oma. Doch nach zwei Jahren zeigte sich: Das Hofcafé rentiert sich nicht.

Und so wie der Traum vom Café ging auch die Ehe kaputt. Finanziell steht Lisa M. nun vor dem Nichts: Von ihrem Erbe bekommt sie keinen Cent zurück. Sie hatte keinen Vertrag über das investierte Geld aufgesetzt. Ihre Rentenansprüche sind gering, ebenso ihr Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Keine Rede von "Equal Pay", also finanzieller Gerechtigkeit, und das nach mehr als zehn Jahren Arbeit auf dem Hof des Partners.

Interview mit Anne Dirksen, LWK Niedersachsen

Frau Dirksen, Lisa und Tjark M. gibt es nicht. Die Geschichte ist fiktiv …

… aber ähnliche Fälle höre ich immer wieder in der Beratung. Frauen, die auf einen Hof einheiraten, glauben, sie bekämen bei einer Trennung automatisch einen Ausgleich für die eingesetzte Arbeitskraft oder investiertes Geld. Doch ohne Vertrag gibt es nichts.

Auch die Altersvorsorge ist ein Thema, das oft vergessen wird.

Bei Mini- und Midijobs erwirtschaftet man nur sehr geringe Rentenansprüche. Zudem hat man bei Krankheit oder Unfall häufig keinen Anspruch auf eine Betriebshelferin oder Haushaltshilfe. Das gilt vor allem, wenn der Minijob dazu benutzt wird, sich von der Alterskassenpflicht befreien zu lassen.

Es gibt also keine echte Gleichberechtigung?

Den Frauen macht die Arbeit ja Spaß, aber die Leistung wird nicht unbedingt mit finanzieller Sicherheit honoriert. Allerdings müssen Frauen sich auch selbst für ihre Rechte einsetzen. Ich finde, wenn eine Frau sich ins „Abenteuer Hof“ begibt, sollte sie sich gut informieren – so wie bei jeder anderen Arbeitsstelle auch.

Wie sieht es mit Männern aus, die auf einen Hof einheiraten?

Interessanterweise wird da oft mehr auf „Equal Pay“ geachtet, also darauf, dass beide Partner finanziell gut abgesichert sind. Häufig wird der Mann, der einheiratet, dann auch Betriebsleiter. Heiratet eine Frau auf einen Hof, macht sie dagegen nicht selten den besagten Minijob. Oder sie hat unabhängig vom Hof eine Arbeitsstelle und hilft nach Feierabend mit – wiederum Arbeit, die sich nicht auf die Rente auswirkt.

Warum gibt es diese Scheu, klare Verträge abzuschließen und Vorsorge zu treffen?

Teils ist es Unwissenheit. Teils ist dem Paar bewusst, dass es sich absichern sollte, aber die Eltern führen noch den Hof und sagen: „Es ist doch immer alles gutgegangen.“ Niemand setzt sich gern mit Trennung, Krankheit und Tod auseinander, das sind immer noch Tabuthemen. Aber gerade wenn der Mann stirbt, steht die Frau, die auf den Hof eingeheiratet hat, ohne entsprechende Vorsorge schlecht da –  wegen des komplizierten Erbrechts und der Höfeordnung. Es kann passieren, dass die Frau und die Kinder dann ohne Abfindung den Hof verlassen müssen.

Gibt es Tipps, die für alle gelten?

Nein. Kein Hof und keine Familie sind direkt vergleichbar: Ist der Hof gepachtet? Führt man eine GbR? Arbeitet die Frau auf dem Hof oder außerhalb? Es gibt keine allgemeingültigen Empfehlungen bis auf die, sich um eine individuell angepasste Lösung zu kümmern. Die Hochzeit ist ein guter Zeitpunkt, um einen Ehevertrag aufzusetzen, der beide Partner gleichberechtigt und fair behandelt. Ein Anlass um zu prüfen, ob man optimal abgesichert ist, bieten auch die Gespräche zur Hofübergabe, wenn alle an einem Tisch sitzen.

Sie arbeiten seit 30 Jahren bei der LWK, inzwischen als Leiterin der Sachgebiete „Familie und Betrieb“ sowie „Sozioökonomische Beratung“. Was hat sich inzwischen zum Thema „Equal Pay auf dem Hof“ getan?

Nicht so viel, wie ich mir wünschen würde. Die Menschen sind zwar informierter, aber sie setzen das Wissen nicht unbedingt um. Was wäre wenn? Diese Frage sollte man sich viel öfter stellen. Was wäre, wenn der Mann stirbt, die Frau krank wird? Es gibt viele Beratungsangebote, auch bei der LWK, die helfen, beide Partner gleichberechtigt abzusichern, natürlich auch mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit für den Hof. Man muss sich nur entscheiden, die Angebote zu nutzen.

Interview: Antje Wilken

Mehr zum Thema lesen Sie in der LAND & Forst 11/19.

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