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Familie

Nicht das Ende aller Träume

von , am
12.06.2013

Philipp Schwawusky aus Hude wollte schon von klein auf Landwirt werden. Auch als er als Jugendlicher bei einem schweren Unfall ein Bein verlor, gab er seinen Wunsch nicht auf. LAND & Forst hat den jungen Landwirt besucht.

Zusammen klappt es: Lohnunternehmer Holger Blankemeyer und sein Lehrling Philipp Schwawusky. © Wilken

Nein, als klassischer Landwirt mit Milchvieh zu arbeiten, das geht dann doch nicht. Diese Erfahrung machte Philipp Schwawusky im Berufsgrundbildungsjahr. Vom Rollstuhl aus oder mit der Beinprothese waren die meisten Aufgaben zwar irgendwie zu schaffen - aber eben nicht alle. Doch der heute 21-Jährige aus Hude (Kreis Oldenburg) blieb hartnäckig dran am Traum vom landwirtschaftlichen Beruf - und absolviert heute eine Ausbildung zur Fachkraft für Agrarservice.

Aufgeben? Nein!

"Schon als kleiner Junge wollte ich nur Bauer werden", sagt Schwawusky. Seine Eltern sind keine Landwirte, also verbrachte er seine Freizeit auf Höfen in der Nachbarschaft. Doch im März 2007 schien alles vorbei zu sein: Der damals 14-Jährige geriet beim Mithelfen auf einem Hof in eine Fräse. Sein linkes Bein musste direkt unterhalb der Hüfte abgenommen werden. Der Traumberuf war unerreichbar geworden ... dachten alle. Außer Schwawusky selbst. Denn nach dem Hauptschulabschluss begann er ein Berufsgrundbildungsjahr Agrar. "Ich wollte es unbedingt ausprobieren, und meine Eltern haben mich unterstützt. Bei den Praxistagen im BGJ zeigte sich dann, dass zum Beispiel Füttern und alles, was man maschinell erledigen kann, kein Problem für mich war."

Wo ein Wille ist...

Zusammen mit seinen Eltern und Kai Haukje von der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, der ihn seit dem Unfall in der gesundheitlichen und beruflichen Rehabilitation begleitet, beschloss der Huder, eine Berufsfindungsmaßnahme in Bremen zu besuchen. "Dort kann man verschiedene Berufe ausprobieren und Eignungstests absolvieren, die bei der Entscheidung helfen sollen", erklärt Kai Haukje. "Die Lehrer empfahlen mir einen Bürojob", erinnert sich Philipp Schwawusky. "Aber ich bin nun mal kein Büromensch."

Seine Freizeit verbrachte er wie vor dem Unfall auf einem Bauernhof, um dort mit anzupacken. "Das hat schließlich seine Eltern und auch mich überzeugt, dass er doch ein landwirtschaftliches Praktikum versuchen sollte, diesmal bei einem Lohnunternehmen", so Kai Haukje.

…ist auch ein Weg

Trecker, Schlepper und andere Maschinen fahren - das funktioniert bei Automatikschaltgetrieben auch mit einem Bein. Also alles kein Problem? "Beim ersten Lohnunternehmen, bei dem ich aushalf, fragten die Kunden direkt nach einem anderen Fahrer, wenn ich kam", erzählt Schwawusky. Kein Grund für ihn, die Flinte ins Korn zu werfen. "Ich bin ziemlich stur", sagt er über sich selbst - was ihm letztlich die Lehrstelle im Lohnunternehmen von Holger Blankemeyer in Kirchkimmen eingebracht hat.
"Ich kannte Philipp schon vor dem Unfall und wusste, dass er mit Herzblut an der Landwirtschaft hängt", erzählt Blankemeyer. Es wurde ein Praktikum vereinbart. Dabei musste Philipp auch mal allein zum Güllefahren los - mit Anlaufstellen im ganzen Landkreis.
 
"Ich hab mich schon ziemlich gequält", gibt Schwawusky heute zu. "Als er zurückkam, fragte ich ihn: "Na, Schnauze voll?" "Nö", meinte er ganz locker", verrät sein Chef.
Heute ist Schwawusky im zweiten Lehrjahr in dem Lohnunternehmen. Die Ausbildung wird von der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft gefördert. In der täglichen Arbeit erledigt er alle Aufgaben, die der Chef und die Prüfungsordnung vorgeben. Teilweise lässt sich das fehlende Bein mit der Kraft der Arme kompensieren, die Maschinenpflege macht er vom Rollstuhl aus. Wenn erst seine neue, hochmoderne Prothese  angepasst ist, soll auch die öfter bei der Arbeit zum Einsatz kommen. "Manchmal fahre ich bei einem Auftrag, den Philipp ausführt, selbst kurz mit, um zu helfen, oder ich rufe vorher beim Landwirt an, ob der zum Beispiel das Saatgut einfüllen kann", sagt Lohnunternehmer Blankemeyer. "Manche Kunden fragen zwar: "Klappt das denn?" Dann sage ich: "Das klappt" - und es ist gut."

Und wie haben seine Eltern reagiert? "Sie hatten zuerst Angst. Das kann ich auch verstehen. Wenn ein Krankenwagen durch den Ort fährt, rufen sie immer kurz an, ob ich okay bin." Und sein Chef lobt: "Er packt‘s an - und bekommt alles irgendwie hin, in seinem Traumberuf."
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