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Familie

Erfolgreich ackern in Nordbrandenburg

von , am
23.09.2014

Seit fast 23 Jahren leben Hans-Heinrich Grünhagen und Ehefrau Thekla schon im Osten. Osten, das heißt Wernikow bei Wittstock/Dosse. Das verträumte 250-Seelen-Dorf liegt in Brandenburg, rund 100 Kilometer nordwestlich von Berlin.

Thekla und Hans-Heinrich Grünhagen vor ihrem sanierten Wohnhaus in Wernikow (Brandenburg). © Preugschat

Ursprünglich sollte der Lebensweg der beiden Niedersachsen in eine ganz andere Richtung führen. "Sogar der Notartermin zur Hofübergabe in Visselhövede stand schon fest. Zum 1. Juli 1991 sollte ich den 250 Hektar großen elterlichen Hof übernehmen, zu dem auch 50 Hektar Wald gehören", sagt der Staatlich geprüfte Landwirt gegenüber der LAND & Forst.

Der viehlose Heidehof im Visselhöveder Ortsteil Ottingen war schon in den 1980er Jahren auf Zukunft ausgerichtet. Es wurden neben Getreide- und Kartoffelbau umfangreich Grassamen vermehrt. "Meine  Eltern lebten eine gewisse innovative Wirtschaftsweise vor, es handelte sich auch um einen Testbetrieb für landwirtschaftliche Computerprogramme", erzählt Grünhagen.

Eigentlich ideal für einen jungen, aufstrebenden Landwirt, oder? Er vagabundierte, wie Grünhagen selbst sagt, nach der Ausbildung 1990 durch die USA und lernt dort die großflächige Landwirtschaft kennen und vor allem schätzen. Nach seiner Rückkehr 1991 sollte geheiratet werden.

Im Gegensatz zum jungen Bräutigam, beide zählen damals 25 Lenze, hatte dessen Freundin Thekla, ausgebildete Hauswirtschafterin und diplomierte Oecotrophologin, Zeit ihres Lebens die DDR vor Augen. Sie stammt von einem Hof aus Radenbeck bei Wittingen, also direkt an der innerdeutschen Grenze. "Die Mahnfeuer, mit denen wir am 17. Juni, dem früheren Tag der Einheit, des Aufstandes von 1953 gedachten, gehörten zum jährlichen Ritual."

Eine Erfolgsgeschichte

Im Frühjahr 1991 las Grünhagen in der LAND & Forst, dass in Sachsen-Anhalt eine LPG zu verpachten sei. Das reizte ihn sehr, denn die Pacht mit 50 DM pro ha betrug nur ein Zwölftel dessen, was er bei Visselhövede bezahlen musste. Daraus wurde jedoch nichts und so legte sich der Fokus auf Wernikow.

Das löste Kopfschütteln bei Bekannten aus, denn der Boden in Brandenburg, bekannt als die Streusandbüchse Deutschlands, ist ähnlich mager wie der zu Hause in Ottingen. Ganz egal: Schon am 1. November gründeten die inzwischen Vermählten den neuen Betrieb in Wernikow. 67 Hektar Land gehörten dazu. Die ehemaligen Eigentümer der Hofstelle waren 1953 in den Westen geflüchtet.

Eine Erfolgsgeschichte bahnte sich an. Zunächst pachteten und kauften Grünhagens Flächen von Leuten, die ihr Land zurückbekommen hatten sowie von der Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG). Später boten ortsansässige Landeigentümer ihren Acker an (Pacht oder Kauf). Auch wurden mehrere kleinere Höfe anderer Landwirte übernommen, die aus verschiedenen Gründen den Betrieb ein-
stellten.

Leicht war es anfangs jedenfalls nicht. "Alles ging nur über den Preis, wir mussten das Doppelte dessen bieten, was LPG-Nachfolger zahlen wollten, um zum Zuge kommen", sagt Grünhagen, der auch Kante zeigte, um seinen Besitzanspruch zu untermauern. So hat er schon mal von der ehemaligen LPG unrechtmäßig bestelltes Land wieder umgepflügt. Heute pflegt man allerdings einen sehr guten nachbarschaftlichen Umgang, der Betrieb ist voll akzeptiert.

Mittlerweile bewirtschaften Grünhagens ca. 1.200 ha Ackerfläche, die sich auf mehrere Betriebe verteilen: dem 1991 gegründeten Landwirtschaftsbetrieb Grünhagen (mit 766 ha Land und 125 ha Wald), der im vergangenen Jahr gegründeten Grünhagen Ackerbau GmbH mit 414 ha Acker (nur Pacht) und die Beteiligung an zwei Freilandhaltungs-Farmen mit ca. 40 ha. Dazu gehört noch das 1997 gegründete Lohnunternehmen, das rund 500 ha Acker von anderen Eigentümern komplett bewirtschaftet.

Viel beregnet

Insgesamt stehen 15 Mitarbeiter in Lohn und Brot. Darunter ein Pflanzenbauleiter, ein Schlosser, ein Landwirtschaftsmeister, je ein Azubi-Landwirt und Azubi-Fachkraft Agrarservice sowie zwei Büroangestellte.

Die Erträge auf den durchschnittlich 27er sandigen Böden (12 bis 55 Bodenpunkte) liegen 2014 beispielsweise bei 71 dt/ha auf 102 ha Weizen und bei 66 dt/ha auf 296 ha Roggen. Die sind nicht immer so gut, denn die Vorsommertrockenheit bei nur 550 mm Niederschlag pro Jahr bereitet oft arge Probleme. Grünhagens reagieren und nehmen bis heute fast die Hälfte ihrer Flächen unter Beregnung. Dazu errichten sie ein Rohrleitungsnetz, von dem neun Trommelregenmaschinen und acht Kreisregner Wasser beziehen.

Kühe und Schweine hält die Landwirtsfamilie nicht, dafür sind sie an zwei Hühnerställen mit jeweils 39.900 Freilaufhennen beteiligt, die den Eierbedarf für Berlin mit decken sollen. Grünhagen: "Uns war es wichtig, durch die Beteiligung den Hühnermist als organische Düngekomponente für unseren Betrieb zu erhalten."

10 Mio. Euro investiert

Sie vermarkten Getreide und Kartoffeln (Stärke und Speise) über den Handel, aber auch im Direktverkauf, teils ab Hof an Dorfbewohner, die noch ihr Schwein mästen oder Hühner halten. Auch von einem Verkaufswagen aus werden die Waren feilgeboten. Außerdem bauen sie noch Topinambur an für Abnehmer in Deutschland und dem europäischen Ausland.

Viel Geld haben Acker und Wald, die Landtechnik und die Baumaßnahmen gekostet. Sieben große Fendt-Schlepper, ein Mähdrescher, ein Häcksler, eine Pistenraupe und viele andere Geräte bewerkstelligen die Arbeit. Hallen wurden gekauft und instand gesetzt oder errichtet.

Die verfallene Hofstelle wurde komplett saniert und 7.000 m² Hoffläche neu gepflastert. Weiterer Kapitalbedarf bestand für verschiedene PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 650 kWp. Geschätzt rund 10 Mio. Euro haben die beiden engagierten Landleute seit 1991 wohl investiert. Und sie verhehlen nicht, auch Fördermittel in Anspruch genommen zu haben. Die alten, wohl politisch bedingten Kämpfe sind jetzt ausgestanden. Die Zusammenarbeit mit den benachbarten Genossenschaftsspitzen wird als gut bezeichnet. Viele deren Leiter in Brandenburg kommen jetzt ins Rentenalter, oft ohne Nachfolger. Daher stehen nach Meinung von Hans-Heinrich Grünhagen viele vor der Auflösung, sodass sich für wachstumswillige Betriebe weitere Möglichkeiten ergeben.

Mit Umfeld zufrieden

Allerdings greifen hier auch Großinvestoren zu: Eine 1.800-ha-Genossenschaft beispielsweise wurde komplett von einem Holländer gekauft, außerdem bieten Kapitalgesellschaften für große Flächen hohe Preise. Bis 2,20 Euro je Quadratmeter werden gezahlt. Die Pachtpreise liegen teilweise schon über 500 Euro/ha, wohlgemerkt für 20er Boden. "Agrargenossenschaften zahlen aber immer noch wesentlich weniger", meint der Unternehmer.

Mit dem Umfeld insgesamt ist die Familie sehr zufrieden. Zur Family gehören auch zwei Söhne. Der 20-jährige Hennar absolviert nach dem Abitur gerade eine landwirtschaftliche Ausbildung in Niedersachsen, dessen 18-jähriger Bruder Jan-Steffen wird wohl studieren. Grünhagens besuchen nur noch sporadisch die alte Heimat, beispielsweise bei Familienfeiern. Der Hof in Ottingen, zunächst vom Senior weiter bewirtschaftet, ist mittlerweile verpachtet.

Die einstigen Niedersachsen sind sehr beliebt in Wernikow. Sie mischen im Dorfgeschehen mit, in Politik und in der Kirche. Sie engagieren sich, helfen, wo es geht, besonders wenn der Einsatz von Maschinen gefragt ist, oder geben Hilfestellung bei der Gestaltung von Verträgen aller Art.

Dass fast alle 250 Bewohner Ende Juni zum Hoffest aus Anlass des Jubiläums "22 Jahre und 222 Tage in Wernikow" gekommen sind, neben weiteren mehr als 1.200 Besuchern aus den umliegenden Ortschaften, hat sie sehr gefreut. Thekla Grünhagen bescheiden: "Das zeigt doch, dass wir nicht alles verkehrt gemacht haben."

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