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Haushalt

Extra-Wurst für Vegetarier?

von , am
28.08.2014

Früher konnte man bei Familienessen noch mit dicken Braten glänzen. Das ist heute schwieriger, denn nicht selten sitzen auch Vegetarier mit am Tisch. LAND & Forst-Autorin Anja Kersten über ihre Erfahrungen mit diesen Gästen.

Wie und was kocht man wenn Vegetarier mit am Tisch sitzen? © Fotolia DDRockstar

Vegetarier sind anstrengend, vor allem dann, wenn man sie zu einem Familienfest einlädt. "Du brauchst dir gar keine Umstände zu machen", lautet die beliebteste Antwort, wenn man sie fragt, was sie denn essen möchten, wenn es an Ostern Lammbraten gibt.

Doch die Aussicht, jemanden am Tisch zu haben, der an Salatblättern knabbert oder ein paar einsame Kartoffeln auf seinem Teller hat und damit die mitleidigen Blicken der anderen Gäste auf sich zieht, macht der Gastgeberin ein schlechtes Gewissen und verdirbt ihr im Vorfeld schon die Freude auf den köstlichen Braten.

Denn sie weiß schon, auch die leckere Soße, die die Kartoffeln im Zweifelsfall noch etwas aufpeppen könnte, wird abgelehnt, weil in dieser das "tote Tier" gebraten wurde. Bei der Nachspeise schreit der Vegetarier spätestens bei der Frage, ob darin etwa Gelatine ist, laut auf, legt den Löffel aus der Hand und verkündet, dass er auf keinen Fall etwas esse, das aus Rinder- oder Schweinehaut zubereitet werde. Klar, dass dann auch die anderen Gäste die Nachspeise, die sie noch Sekunden vorher mit Genuss gelöffelt haben, argwöhnisch und mit leichtem Ekel betrachten und darin herumstochern als ob sie dort noch ein Stückchen Haut finden könnten.

Was also tun? Ein Tofu-Schnitzel kaufen oder einen Gemüseburger, besser vielleicht noch ein vegetarisches Gericht zusätzlich kochen oder überhaupt das ganze Menü noch einmal überdenken? Ich habe als Gastgeberin schon sämtliche Varianten ausprobiert - alle mit mäßigem Erfolg. Zweierlei Suppen, einmal fleischlos, einmal mit Fleisch gekocht und zweierlei Hauptspeisen zubereitet, natürlich in entsprechend kleineren Mengen für die zwei Vegetarier im Vergleich zu den zehn "Fleischessern".

Die wollen jetzt aber unbedingt das fleischlose Essen probieren. Und damit ihre Solidarität mit den Vegetariern demonstrieren. Und zeigen, was für überaus verständnisvolle und tolerante Menschen sie sind.

Sohnemann will Pommes


Was das für mich als Gastgeberin bedeutet, daran denkt niemand. Denn natürlich ist das fleischlose Essen flugs aufgegessen, die Vegetarier verlassen den Tisch hungrig und die Fleischesser loben sich gegenseitig, als hätten sie etwas Großartiges geleistet.

Noch ein Beispiel: Mit Tofu-Schnitzel und Gemüseburger zog ich das Unverständnis meines damals achtjährigen Sohnes auf mich. "Für andere gibt es Extrasachen", maulte er mit Blick auf die vegetarischen Varianten seiner Cousine, "aber uns erzählst du immer, dass man das essen soll, was du gekocht hast." Und um seine Worte noch zu unterstreichen, gab er die Kartoffeln, die er gerade aus der Schüssel auf seinen Teller legen wollte wieder zurück und verkündete lautstark, er möge auch keine Kartoffeln und möchte lieber Pommes.

Vorlieben und Essgewohnheiten der Menschen sind verschieden, und je mehr zusammenkommen, desto unterschiedlicher sind die Geschmäcker. Da gibt es die Oma, die keine Pilze mag, die Großtante, die von Zwiebeln Blähungen bekommt, den Opa, der nur Kartoffeln als Beilage mag und den eigenen Nachwuchs, der wiederum keine Kartoffeln isst und auf keinen Fall Fisch - und eben den Vegetarier, der kein Fleisch isst.

Allen und jedem gerecht zu werden, das schafft man selbst mit der größten Anstrengung nicht.Im Zweifelsfall müsste man bei einem Familienfest zu Hause im Vorfeld schon eine Liste erstellen, in der man die Vorlieben und Abneigungen jedes Einzelnen erfasst.

Diese logistische Herausforderung erspare ich mir. Ich möchte das kochen, was ich gern und gut koche, und von dem ich annehme, dass es vielen, genauso wie mir, gut schmeckt. Wenn nicht alle alles essen, ist das für mich vollkommen in Ordnung. Denn bei Vorspeise, Hauptspeise mit Beilagen und Nachspeise findet sicher jeder etwas, was ihm schmeckt und muss nicht hungrig vom Tisch gehen. Extrawürste gibt es bei mir nicht.  
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