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Zuckergehalt

Eine Fehleinschätzung mit Folgen

Hilke Lehmann, LAND & Forst ,
am
08.06.2018

Forscher des Max-Planck-Instituts in Berlin haben bei 305 Eltern und ihren Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren getestet, wie gut sie den Zuckergehalt verschiedener Lebensmittel– gemessen in Zuckerwürfeln – einschätzen konnten. Im Fokus standen Orangensaft, Cola, Pizza, Joghurt, Müsliriegel und Ketchup. Ergebnis: Mehr als 70 Prozent der Eltern schätzten den Zuckergehalt zu niedrig ein.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt einen täglichen Konsum von etwa 48 Gramm – das entspricht maximal 16 Zuckerwürfeln. Die tatsächliche Menge beträgt jedoch beinahe doppelt so viel: 84 Gramm Zucker nimmt ein Deutscher durchschnittlich täglich zu sich.  Laut Studie des Robert-Koch-Institus in Berlin verursacht Fettleibigkeit jährlich 63 Milliarden Euro an Kosten.

Verschiedene Formen des Haushaltszuckers

In der besagten Studie sollten Eltern und Kinder am Computer Schätzungen zum Zuckergehalt diverser Lebensmittel angeben. So tippten 90 Prozent der Eltern, ein Joghurtbecher enthalte vier Stück Zucker. Tatsächlich jedoch enthält ein Joghurtbecher sieben bis elf Stück Würfelzucker.
Der gesamte Verlauf der Studie zeigte: Eltern vermuteten häufig weniger Zucker in Lebensmitteln, als tatsächlich enthalten ist. Das hat Folgen: Mütter und Väter, die bei Lebensmitteln einen geringeren Zuckergehalt vermuteten, hatten häufiger übergewichtige Kinder. Besonders schwer fällt offenbar die Einordnung von Lebensmitteln mit einem „gesunden“ Image wie Joghurt und Orangensaft. Bei Müsliriegeln und Ketchup gaben die Eltern dagegen einen höheren Zuckergehalt an.

Die Forderung nach einer Zuckersteuer

Jetzt fordert ein Bündnis aus mehr als 2.000 Ärzten, Fachorganisationen und Krankenkassen in einem offenen Brief die Bundesregierung auf, ähnlich wie in England und anderen Ländern, eine Zuckersteuer auf gesüßte Getränke einzuführen. Nur mit dieser und weiteren Maßnahmen „könnten auch bildungsferne Schichten erreicht werden“. Die Steuer kann nach Ansicht des Bündnisses ein Anreiz für Hersteller sein, den Zuckergehalt zu senken. Die Einnahmen daraus ermöglichten es, Obst und Gemüse preisgünstiger zu machen, heißt es in dem Aufruf.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner lehnt die Einführung einer Zuckersteuer ab. „Zuckersteuer klingt vielleicht gut. Ob das aber die Fehl- und Überernährung verhindert, ist zu bezweifeln“, sagt die CDU-Politikerin.  Betimmte Inhaltsstoffe zu besteuern sei auch sozial nicht zu vertreten. Sollten Lebensmittel künstlich verteuert werden, „könnten sich nur noch bestimmte Kreise solche Lebensmittel leisten“. Durch eine Strafsteuer würden außerdem nicht alle gesund, so Klöckner. „Vielmehr müssen wir den Lebensstil und die Gesamtkalorienzahl in den Blick nehmen.“ Als mögliche Maßnahme nannte sie eine bessere Ernährungsbildung von Kindern.

Umstellung auf zuckerfreie Getränke

Experten wie die Ernährungstherapeutin Heide Breer-Marks aus Hagen/Westfalen halten eine Senkung des Zuckergehalts in Softdrinks in Deutschland für erstrebenswert.

Getraenke-Sortiment

Sie sieht das aber nicht als alleinige Lösung zur Verhinderung von Übergewicht – vor allem bei Kindern und Jugendlichen. „Unerlässlich sind professionelle, fachkompetente Beratung sowie familiäre Vorbilder und Konsequenz. Bereits kleine Veränderungsschritte, wie die Umstellung auf zuckerfreie Getränke, bringen Erfolge auf der Waage“, weiß sie aus ihrer täglichen Arbeit mit übergewichtigen Kindern.

Keine Werbung für zuckerhaltige Lebensmittel?

Fast jedes sechste Kind in Deutschland ist übergewichtig. Ihr Anteil hat seit den 1990er Jahren um 50 Prozent zugenommen und die Zahl krankhaft fettleibiger Kinder hat sich verdoppelt. Folgen sind Herzkreislauferkrankungen, Rücken- und Gelenkprobleme, aber auch soziale Isolierung. Weitere Forderungen des Bündnisses sind, dass die Bundesregierung aktiv wird gegen Werbung für zuckrige Lebensmittel und eine Nährwertampel einführt, damit die Verbraucher auf einen Blick erkennen können, was gesund ist und was nicht.

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