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Gesundheit & Ernährung

Ein ganz besonderer Lebenslauf

von , am
18.06.2014

Johannes Evers ist Landwirt. Doch bis dahin war es ein langer und sehr schwerer Weg. Denn für den 25-Jährigen aus Lüsche, Landkreis Vechta, stand lange in den Sternen, ob er dieses Ziel jemals erreichen wird.

Das Ziel, Landwirt zu werden, hat Johannes nie aus den Augen verloren. © Bischof

Es war der 18. Mai 2005. Johannes Evers wollte mit seinem Roller nach links abbiegen. Ein Moment der Unachtsamkeit, und der entgegenkommende Wagen erfasste ihn frontal. Noch an der Unfallstelle wurde der damals 16-Jährige in ein künstliches Koma gelegt.

Zwischen Hoffen und Bangen

Als er nach zwei Wochen erwachte, wurde er mit schweren Verletzungen konfrontiert. Die Ärzte diagnostizierten einen Bruch an beiden Oberschenkeln und einen Trümmerbruch am linken Unterschenkel.

Der Unfall passierte kurz vor Beendigung der Realschule. "Die meisten Prüfungen waren geschrieben", blickt Evers zurück. "Den Abschluss habe ich dann bekommen, man hat mich so durchgewunken" Doch der Unfall stellte seine beruflichen Pläne in Frage. In zwei Monaten sollte die Ausbildung zum Landwirt starten. Für jedes Jahr standen die Ausbildungsbetriebe bereits fest.

Die Ärzte machten dem Jugendlichen Hoffnungen und sagten: "Zum Stoppelmarkt in Vechta bist Du wieder fit." Doch es kam anders. Die Heilung verzögerte sich. Für Johannes Evers bedeutete das, lange ans Bett gefesselt zu sein. Eine schwere Zeit. Er erinnert sich: "Ich konnte nichts machen und nicht weiter planen, ich wusste nicht, was kommt." Auch das Umfeld war nicht ermutigend. "Man sieht täglich, wie Leute das Krankenhaus gesund verlassen", sagt der 25-Jährige. Keine Perspektive zu haben, nahm ihm sogar den Appetit.

Gut ging es ihm, wenn Bekannte ihn besuchten. Seine Eltern kamen so oft es ging und schoben ihn im Rollstuhl nach draußen. Rückblickend ist Evers ihnen dankbar: "Sie waren immer da und haben mich unterstützt." Sie fuhren auch häufig nach Bad Münder, wo er noch bis Weihnachten in der Reha-Klinik war.

Bis dahin hatte er sich erst einmal nicht mehr mit seiner beruflichen Zukunft beschäftigt. "So lange man im Rollstuhl sitzt, denkt man nicht darüber nach", erzählt Evers. "In der Reha habe ich abgewartet. Es hätte ja sein können, dass ich für immer im Rollstuhl gesessen hätte. In den Füßen hatte ich kein Gefühl, die Nerven waren durchtrennt, ich konnte die Füße nicht bewegen."

Dennoch kam er nach und nach wieder auf die Füße. Zu Hause reichte ihm als Gehhilfe ein Rollator. Und bald konnte er an Krücken gehen. Nun war die Zeit gekommen, sich gedanklich wieder mit seinen Berufsplänen zu beschäftigen.
Als erstes stieg er in das Berufsgrundbildungsjahr ein. Doch der nächste Schritt gestaltete sich schwieriger. "Ich habe viel mit Lehrern, Verwandten und Freunden darüber geredet, wie es für mich weitergehen könnte", erzählt er. Von vielen kam der Vorschlag, die höhere Handelsschule zu besuchen. So auch vom Gemeindeunfallverband (GUV) in Oldenburg, der ihn  ins Berufsleben integrieren wollte. Der Verband hätte es gerne gesehen, wenn er studiert und eine Beratertätigkeit ausgeübt hätte. "Ich hatte aber schon immer das Ziel gehabt, Landwirt zu werden", erzählt er. "Landwirtschaft war das, was mir als Kind immer Spaß gemacht hatte." So wusste er schon mit zwölf Jahren, dass er einmal den Hof der Eltern übernehmen würde. Dass der GUV zu einer anderen Einschätzung kam, liegt seiner Meinung nach in der falschen Einschätzung der Arbeitsabläufe auf einem landwirtschaftlichen Betrieb: "Landwirtschaft ist nicht mehr so wie vor 40 Jahren. Alles ist vollmechanisiert, und es gibt wenige, die noch mit der Karre ihre Kühe füttern", erklärt Evers. Doch während er die höhere Handelsschule besuchte, war er sich noch nicht sicher. Schließlich konnte er nur mit Hilfe der Krücken gehen.

Mit jedem Tag ein kleiner Schritt

Nachdem er die Schule beendet hatte, blieb ihm nur die Möglichkeit, ein Praxisjahr zu Hause zu beginnen. Anfangs fiel ihm die körperliche Arbeit noch schwer. "Ich war schnell erschöpft und wenn ich längere Strecken gehen musste, fehlte mir die Ausdauer", erinnert sich Evers. Doch mit jedem Tag wurde er fitter. Und er konnte
schon den Traktor fahren. "Als ich nicht mehr so viele Schwierigkeiten dabei hatte, die anfallenden Arbeiten zu erledigen, wusste ich, dass es eine Perspektive gibt, Landwirt zu werden." Ein Lehrer der Berufsschule half dabei, einen Ausbildungsplatz auf einem Fremdbetrieb zu finden. "Er hat dafür gesorgt, dass ich auf einen ruhigen Betrieb komme", erzählt Evers. "Dort hat man zwar Rücksicht auf mich genommen." Gleichwohl ist er stolz, dass er die täglichen Arbeiten auf dem Hof mit Bullen- und Schweinemast sowie Ackerbau gemeistert hat. Er könne zwar einen 50 kg schweren Sack Weizen allein nicht heben, aber das sei auch gar nicht nötig. Denn die meisten Betriebe haben so umgerüstet, dass diese Arbeit entfällt. Johannes Evers hat die Fachschulen besucht und ist heute staatlich geprüfter Wirtschafter. Nach der Ausbildung ist er voll in den elterlichen Betrieb  mit eingestiegen und macht dort alle anfallenden Arbeiten um Schweinemast und Ackerbau. Auch bei dem in Kooperation betriebenen Lohnunternehmen der Familie fährt er die Maschinen. "Von Büroarbeit bis zum Motorsägen geht eigentlich alles", erklärt er.

Die Füße kann er zwar nicht bewegen. Doch Spezialschuhe für die Arbeit und die Freizeit geben ihm den nötigen Halt. So kann er auf die Pedale den erforderlichen Druck ausüben. "Ich kann jeden Trecker fahren", betont er. Und das ist gut so. Denn er bevorzugt ohnehin die Arbeit auf dem Feld. Privat muss er dagegen schon Einschränkungen hinnehmen. Zum Beispiel, dass er ohne Schuhe nicht gehen kann. So wurde das Badezimmer behindertengerecht umgebaut.

"Ich bin ein bisschen eingeschränkt, aber ich würde nicht sagen, dass mich das groß stört." Und wenn er eiligen Schrittes die Treppe herunterkommt, zweifelt man keinen Moment an dieser Aussage.
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