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Hof- und Dorfleben

Gerstensaft statt Milch und Sahne

von , am
22.01.2013

Wo einst die Milch ostfriesischer Kühe verarbeitet wurde, entsteht heute ein wunderbar süffiges Landbier: In die Molkerei von Bagband (Großefehn) ist eine private Brauerei samt Museum und Gastwirtschaft eingezogen.

Im "Herzen der Braukunst", im Sudhaus: In der Sudpfanne wird die Maische zubereitet und später die Würze gekocht. © Wilken

Wenn die ehemaligen Beschicker der 1902 gegründeten Molkerei Bagband wüssten, was in ihrem Betrieb heute vorgeht - dann hätten sie vermutlich nichts dagegen. Denn statt Milch werden in den Gebäuden nun Malz, Hopfen und Hefe verarbeitet. Interessierte können bei der Entstehung zuschauen, sich im Bier-Museum über die Geschichte des Brauens informieren und sich anschließend in der rustikalen Gaststätte mit einem dunklen "Ostfriesen Bräu" stärken.

René Krischer, der das Unternehmen "Ostfriesen Bräu" ins Leben gerufen hat, ist selbst kein Ostfriese. "Ich komme aus Leverkusen und habe mein Handwerk in einer typischen Kölsch-Brauerei gelernt", sagt der Wahl-Bagbander. 1998 zog der heute 40-Jährige nach Ostfriesland. Die Gebäude der ehemaligen Molkerei, die bis Anfang der 80er Jahre bestand, waren für ihn bestens geeignet. Sein Plan: die Selbstständigkeit mit Brauerei, Gaststätte und Museum samt Mitmach-Aktionen für die Gäste vielfältig aufzuziehen, um Einheimische wie auch Touristen anzusprechen. "Das erste Jahr haben wir nur umgebaut", erinnert sich Krischer, der mit seiner Mutter und deren Partner nach Bagband kam.

Heute ist er verheiratet und führt seine Brauerei als Familienunternehmen. 1.300 Hektoliter "Ostfriesen Bräu" füllen er und seine Mitarbeiter pro Jahr in dunkelbraune Literflaschen ab. Verkauft wird ab Haus, über Händler in der näheren Umgebung sowie in der rustikalen Gaststätte.

Wer mehr über den Gerstensaft an sich erfahren will: Im Bier-Museum erlaubt Krischer seinen Gästen einen Blick in die Vergangenheit. "Früher war dies ein alter Schweinestall, der zur Molkerei gehörte", erklärt der Braumeister beim Rundgang. Heute sind dort die Früchte seiner Sammelleidenschaft untergebracht - die sich alle ums Brauen drehen. Zu se-hen ist unter anderem eine alte Sudpfanne, die mit Holz und Kohle geschürt wird. Was man sonst noch braucht, um wie vor hundert Jahren Bier herzustellen, können Gäste zweimal im Jahr miterleben, wenn Krischer und sein Team mit den historischen Gerätschaften im Januar Maibock und Anfang September den Weihnachtsbock brauen.
Das moderne Sudhaus befindet sich in einem 2001 neu errichteten Gebäude. Dank der großen Fenster kann man dort auch ohne Führung einen Blick auf die großen kupfernen Kessel werfen - auf "das Herz der Bierproduktion", wie Krischer sagt. Drinnen riecht es herb und gleichzeitig leicht süßlich nach Malz. "Zeit, ein bisschen Hopfen einzufüllen", bemerkt Krischer. Fast sofort ändert sich der Geruch - wegen der ätherischen Öle, so der Experte. Im Nebenraum werden die Flaschen, die aus der Abfüllanlage kommen, von Hand kontrolliert, verschlossen, mit einem Siegel versehen und zu je sechs Stück in hölzerne Bierkisten verpackt.

"Brauen ist ein Prozess", erklärt Krischer. "Die Hopfenernte fällt immer unterschiedlich aus. Meine Aufgabe ist es, das zu berücksichtigen." Der allgemeine Trend gehe zurzeit eher zum milderen Geschmack. "Ich höre von Restaurantgästen und Händlern, ob und wie mein Bier ihnen schmeckt", sagt der Braumeister. "Ob ich den Geschmack dann anpasse, ist allerdings meine Sache", sagt er mit einem Augenzwinkern und zeigt zum Abschluss noch den sogenannten Schalander. "So heißt traditionell der Aufenthaltsraum einer Brauerei, früher schliefen dort die Wanderbrauer", erklärt er.

Heute steht der Raum für Feiern zur Verfügung - und beherbergt Krischers Bierglas-Sammlung: mehr als 1.000 Humpen und Gläser von "Astra" bis "Zunft Kölsch". "Einmal im Jahr werden die Neuzugänge alphabetisch in die Sammlung eingeordnet. Freunde und Gäste sorgen nämlich immer wieder für Nachschub", verrät Krischer. So kann man einen Blick auf die Brauereivielfalt aus Deutschland und der Welt werfen - und mittendrin das "Ostfriesen-Bräu".
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