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Familie

Dem Himmel so nah

von , am
16.04.2013

Gänsehaut beim Segen und warme Hände nach einer Kaffeespende: LAND & Forst-Redakteurin Birgit Greuner ist zum ersten Mal gepilgert,und zwar im Schaumburger Land.

Einfach mal Pause machen: Birgit Greuner und ihr Mann Matthias stärken sich für den weiteren Weg. © Grabowski

Der Wind bläst uns kalt ins Gesicht. Aber die Sonne scheint an diesem Frühlingstag Anfang April. Der Himmel ist blau - wie bestellt für unsere erste Pilgertour. Zusammen mit Matthias, meinem Mann, stehe ich an der St. Martini-Kirche in Stadthagen. Die Kirche ist noch geschlossen. So machen wir nur ein paar Fotos von dem wunderbaren Bauwerk, eine gotische Hallenkirche mit einem pompösen Mausoleum nebenan.

Dann ziehen wir los - den Tagesproviant im Rucksack und die Wanderschuhe gut geschnürt für die 21 Kilometer lange Wegstrecke zum Kloster Loccum.

Wie funktioniert pilgern?

Eine Freundin hatte uns vom Pilgerweg Loccum-Volkenroda erzählt. Pilgern in Niedersachsen? Da wir gerne zu Fuß unterwegs sind, war bald klar, dass wir diesen Weg oder zumindest einen Teil davon wandern wollen. Ja was nun, pilgern oder wandern?

Im Internet haben wir uns schlau gemacht, wie das Pilgern "funktioniert": Gehen und die Seele baumeln lassen, bewegt innehalten, sich unterwegs orientieren, wallfahren zu einem meist religiösen Ort.

"Eine Lerche!", rufe ich erfreut, als ein Vogel nach den ersten Kilometern neben uns aufsteigt. Der Gesang tut meiner Stimmung einfach gut, denn bis dahin sind meine Hände immer noch nicht richtig warm und die Landschaft erscheint mir trotz Sonne eher eintönig, mit weiten, kaum begrünten Äckern und nur wenigen Gehölzen.

Gerade noch dachte ich: "So ist eben Wandern." Aber jetzt, als ich die Lerche höre, habe ich das zarte Gefühl zu pilgern.
Fünf Minuten später weiß ich, dass ich pilgere: Wir haben das Schild am Ortseingang von Pollhagen passiert, als vor uns ein schwarzes Auto hält. Ein älterer Mann steigt freundlich lächelnd aus und fragt: "Sind Sie Pilger?" Wir zögern ein wenig:  "Ja, wir wandern zumindest auf dem Pilgerweg."

Er lädt uns zu einer Pause ein, nimmt uns im Auto mit bis über den Mittellandkanal, an dem sein Haus steht, ein altes Dammwärtergehöft. Seine Frau kocht Kaffee. Kurze Zeit später sitzen wir in ihrer warmen Stube und erzählen.

Gerhard Schmidt, wie sich unser Gastgeber vorstellt, pilgert für sein Leben gerne, zusammen mit seiner ein Jahr älteren Frau Irmgard. "Wir haben auch schon die 300 Kilometer bis nach Volkenroda in Thüringen geschafft", erzählt er stolz. Der 74-Jährige ist der sogenannte Wegebeauftragte für den Loccumer Pilgerweg bei Pollhagen und zuständig für die Beschilderung: "Das sollen Ortskundige machen, damit sich auch keiner verläuft."
Irmgard Schmidt zeigt Fotos von ihren Wanderungen: "Ich liebe beim Pilgern, dass wir alleine zu zweit mitten in der Natur sind und uns zwischendurch mal eine schöne Kirche anschauen." Nach einem gemütlichen Gespräch mit den beiden sind meine Hände warm und wir müssen weiter.

Pastor gibt Pilgersegen

Wir sind mit dem Pastor von Pollhagen an der Johannis-Kirche im Ort verabredet. Uwe Herde freut sich, wenn Pilger in seine Kirche kommen: "Pilgern ist momentan Mode, das auf jeden Fall. Aber ich erlebe es immer wieder, dass Menschen pilgern, weil sie gerade einen Aufbruch in ihrem Leben mitmachen - wegen einer Trennung, einer Krankheit oder angesichts des begonnen Ruhestandes."

Der 51-Jährige zeigt uns einen Tisch in der Kirche mit Gästebuch und Stempel für den Pilgerpass, als Erinnerung für das erreichte Ziel. Die Kirche, ein neugotischer Sandsteinbau, ist ab Pfingsten jeden Tag geöffnet. Wer mag, kann eintreten, oder im Gemeindehaus ein Gespräch suchen.

Uwe Herde erzählt vom Pilgersegen und wie begeistert die Wanderer gerade von diesem Brauch schwärmen. Das ist mein Stichwort. Obwohl ich keine Kirchengängerin bin, habe ich einen Wunsch auf den heutigen Weg mitgenommen: Ich möchte gesegnet werden. "Na klar, das machen wir", sagt der Pastor sofort und zieht sich ein weißes Gewand über. Er führt mich zum Altar, legt seine Hände sanft auf meinen Kopf und beginnt zu sprechen.
Ich hatte mir fest vorgenommen, seine Worte nicht zu vergessen, um sie später aufzuschreiben. Ich wollte die Augen schließen und genießen. Aber als ich dort stehe, kann ich seine Worte nicht einmal in mir aufnehmen. Ich höre den Segen kaum, ich fühle ihn viel mehr - in wenigen Sekunden bekomme ich gleichzeitig eine Gänsehaut und das Gefühl einer warmen Dusche. Auch ich werde schwärmen.

Der Weg ist das Ziel

Danach wandern, nein pilgern wir weiter durch den Schaumburger Wald, vorbei an Buchen mit prallen Knospen, an Nadelgehölzen, Äckern und Wiesen. So gehen wir "alleine zu zweit", wie Irmgard Schmidt es beschrieb, genießen die Ruhe und die gleichmäßigen Schritte.

Nach 15 Kilometern werden unsere Beine langsam müde. Aber rasten können wir nicht mehr, denn der Bus zurück nach Stadthagen wird in Loccum pünktlich losfahren. Schnellen Schrittes wandern wir bis zum Kloster. Ja, es ist wieder "nur" wandern, denn durch den Zeitdruck sind wir eher im Alltag angekommen als gedacht.

Genau fünf Minuten bleiben uns, um einen Blick in die Klosterkirche zu werfen: Frisch saniert erstrahlt sie in neuem Glanz zum 850-jährigen Jubiläum in diesem Jahr.
Am liebsten möchte ich noch eine Zeitlang in einer Bank sitzen, dem Hall lauschen, meinem Pilgergefühl von vorhin nachspüren.
"Nächstes Mal", flüstert Matthias mir zu und schon sind wir am Bus. Ich ärgere mich über das abrupte Ende, aber mein Mann weiß Rat: "Das Kloster können wir nochmal anschauen und wie heißt es so schön? Der Weg ist das Ziel."
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