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Familie

Inselurlaub: Rinder auf Reisen

von , am
22.05.2013

Einmal im Jahr transportiert Menz Willms per Schiff Rinder zur Nordseeinsel. Als einziger Landwirt in Niedersachsen bewirtschaftet er vom Festland aus Domänenflächen auf Wangerooge.

Ankunft nach einstündiger Überfahrt: 40 Kühe sind auf der Fähre Janssand. © Päschel

Mit einem Zischen lösen sich die Bremsen, die Zugmaschine setzt sich in Bewegung. "Tschüß Kühe", ruft die vierjährige Mieke und winkt dem vom Hof fahrenden LKW-Gespann hinterher. "Bis zum Herbst."

Es ist kurz nach acht Uhr an einem diesigen Maimorgen im Wangerland. Für 40 Rinder und Menz Willms - den Vater von Mieke - beginnt eine aufregende Reise. Ihr Ziel: Die Insel Wangerooge. Als einziger Landwirt in ganz Niedersachsen bewirtschaftet Menz Willms vom Festland aus Flächen auf einer der sieben ostfriesischen Inseln. Der Aufwand ist enorm. Heute wartet der schwierigste Part: der "Inselauftrieb", wie Willms sagt. Zusammen mit fast zwei dutzend Helfern muss er einen Teil seiner Herde auf einen Hänger verladen, die Tiere zum 20 Kilometer entfernten Anleger transportieren und von dort mit einem Frachtschiff zur Insel bringen.

Kurs auf die offene See

Ein "besonders kniffeliger Punkt" sei der Hafen, erklärt der 40-jährige Friese, der dem LKW mit zwei PKW und einigen Begleitern nach Harlesiel folgt. Denn wenn die Rinder aus dem Dunkel des Hängers kommen, fehle ihnen die Orientierung. Statt grüner Wiesen oder dem vertrauten Stall breitet sich vor ihnen eine abschüssige Verladerampe aus. An ihrem Ende liegt bereits der Frachter ‚Janssand‘ mit tuckerndem Dieselmotor und geöffneter Bugklappe im Wasser.

"Zweimal haben wir Tiere aus dem Hafenbecken holen müssen", sagt Menz Willms. Die gut zehn Meter bis zum Schiff wollen daher aufmerksam gesichert sein. Mit rot-weißem Flatterband und lauten Rufen halten die Helfer die Rindergruppe zusammen und lotsen den Tross an Bord.

Als schließlich alle Tiere ohne Zwischenfall verfrachtet sind, löst sich die "Janssand" vom Kai und nimmt Kurs auf die offene See. Während der grüne Bug sich aus dem Hafen schiebt, hellt sich die Miene von Menz Willms auf. Seit 4.30 Uhr ist er auf den Beinen. Jetzt ist endlich Zeit für ein Frühstück.

An die Reling gelehnt erzählt er bei Kaffee und Brötchen, dass er schon seit 2000 jedes Jahr mit seinen Tieren nach Wangerooge fährt. "Früher gab es dafür mehrere Landwirte", aber inzwischen sei nur noch er übrig. Zwar werden auch auf Borkum und Norderney Gallowayrinder gehalten. Menz Willms aber ist der einzige, der mit seinen Tieren vom Festland aus auf die Insel kommt. Die Nationalparkverwaltung in Wilhelmshaven, die sich für den Naturschutz auf Wangerooge verantwortlich zeichnet, ist froh, dass der Landwirt seine gut 70 Hektar Domänenflächen auf dem Eiland extensiv beweidet. Die Rinder sorgen dafür, dass das Gras kurz gehalten wird und darüber hinaus Vogelarten wie der Kiebitz Brutgebiete vorfinden.

Ein enges Zeitfenster

Nach etwa einer Stunde Überfahrt erreicht die Janssand die Insel. Am Hafen erwartet Willms und seine Begleiter eine unangenehme Überraschung. Der Liegeplatz ist besetzt, ein Frachter löscht dort gerade Container. Warten kann Menz Willms nicht, da ihm die Tide ein enges Zeitfenster aufzwingt. In gut zweieinhalb Stunden verlässt der letzte Zug an diesem Tag den kleinen Bahnhof auf Wangerooge zurück in Richtung Anleger. Bis dahin müssen Menz Willms und seine Helfer die Rinder  noch quer über die Insel und durch das Dorf treiben. Es wäre nicht das erste Mal, dass eines der Tiere ausbüxt und den Zeitplan durcheinanderwirbelt.

Um keine Zeit zu verlieren, entscheidet Willms, direkt am Strand anzulegen. Da das Schiff nicht bis ganz an das Ufer heranfahren kann, müssen die Rinder ins knöcheltiefe und kalte Wasser springen. Eine Kuh rutscht bei heruntergelassenen Bugklappe aus und fällt mit einem lauten Platsch in die Nordsee. "Lälällällä", ruft Willms den anderen Tieren zu, um sie zu besänftigen. Es ist der ureigene Ruf der Familie, den er von seinem Vater übernommen und der Menz weit über Norddeutschland hinaus bekannt gemacht hat. "Lälällällä" lief schon beim WDR-Radiosender Eins-Live in den O-Ton-Charts. Jetzt schallt es durch den Hafen - und zeigt offensichtlich Wirkung. Die verunglückte Kuh bleibt ruhig, findet zurück auf die Beine und wieder Anschluss an den Rest der Herde.

Unterwegs im Laufschritt

Noch im Hafen trennt Willms die Gruppe. Ein Teil der Rinder soll im Inselwesten nahe der Jugendherberge weiden. Die übrigen haben einen gut sieben Kilometer langen Marsch zum Flugplatz im Osten vor sich. Ein schweißtreibender Job für Mensch und Tier. Fängt das Jungvieh auf dem schmalen Weg durch die Dünen an zu rennen, fällt auch der Rest der Herde schnell in den Trab. Die ersten Kilometer werden so überwiegend im Laufschritt absolviert. Aus sicherer Entfernung schauen Passanten dem Schauspiel amüsiert zu, viele zücken ihre Kamera.

Der zweite Tross ist gemächlicher unterwegs. Am Fuß des Inseldeichs trotten 27 Rinder über einen weitläufigen Grasstreifen. Begleitet werden sie vom Schreien der Austernfischer, die scharenweise in den Salzwiesen aufsteigen. Über ihnen reißen die Wolken auf. Am Horizont verlässt ein Zug den Hafen. Fast sieht es aus, als glitten die Waggons über das Wasser.

Ab auf die Weide

Durch ein Deichschart erreicht die Gruppe kurz darauf das Dorf. Der Weg führt jetzt über Klinkerstraßen vorbei am Bahnhof und der Kirche. Eine Urlauberin erkundigt sich aufgeregt nach dem Sinn des ungewöhnlichen Aufmarsches. Mit einem Zigarettenstummel zwischen den Zähnen erklärt Menz Willms ihr, dass die Tiere bis zum Oktober bleiben werden. Sie nickt verstehend und dreht wieder um. Dann endlich ist der Tower des kleinen Inselflughafens zu sehen. Am Rand des Geländes befindet sich das Sommerquartier der Kühe. Als die Tiere auf der Weide sind, trotten sie sofort durstig zu einer Wasserstelle. Endlich am Ziel.

Wenn alles gut geht, werden sie hier ein halbes Jahr lang in Ruhe weiden, ehe Menz Willms und seine Helfer zurückkehren. Es kommt jedoch vor, dass in den Sommermonaten das Telefon bei Familie Willms klingelt, weil die Rinder ausgebrochen sind. "Einmal standen sie am Strand, ein anderes Mal auf der Start- und Landebahn", erzählt Menz Willms grinsend. Er war dann mit dem nächsten Flieger zur Insel gedüst, um sie einzufangen. "Eins ist ja klar: weg können sie hier nicht", meint er.

Ein paar Stunden später biegt er nach einem aufregenden Tag wieder auf der Domäne in Rickelhausen ein. Mieke und seine Familie erwarten ihn schon.
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