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Familie

"Das ist kein weiches Weiberthema"

von , am
16.10.2014

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Doch wer soll sich um die Menschen kümmern? Beim 1. Fachforum Hauswirtschaft der LWK Niedersachsen wurden Antworten für die Zukunft diskutiert.

Das Thema traf offensichtlich ins Schwarze: 360 Teilnehmerinnen aus ganz Niedersachsen, Sachsen und  Nordrhein-Westfalen tauschten sich in der Stadthalle Walsrode aus, um neue Perspektiven zu entwickeln. Das Problem ist nicht neu: die Bevölkerung schrumpft, wird älter und es gibt mehr Migranten. Bis zum Jahr 2050 verdoppelt sich außerdem die Zahl der schwer Demenzkranken auf 2,6 Mio. Menschen. Das bedeutet mehr Bedarf an Pflege und hauswirtschaftlichen Dienstleistungen. "Aber wer soll das übernehmen, wenn die Familie ausfällt?", fragte Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe (Uni Gießen) in ihrem Einführungsvortrag. Der  ständig wachsende Bedarf steht im krassen Widerspruch zum Angebot. Statt desen bieten sich zunehmend Dienstleister an, die sich jeglicher Qualitätskontrolle entziehen. Der "Wildwuchs" beginnt im Internet, wo Plattformen Personal zu billigen Löhnen anpreisen. "Dieser Arbeitsmarkt bedeutet oft Lohndumping, mangelnde Qualität und damit auch mangelhaftes Ansehen für die geleistete Arbeit", stellte Uta Meier-Gräwe fest.
 
Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 150.000 Frauen aus Osteuropa teilweise illegal in Deutschland als Pflegekräfte arbeiten. "Wo positioniert sich die Hauswirtschaft?" fragte die Veranstaltung der Landwirtschaftkammer Niedersachsen (LWK). Erstmals hatten sich die LWK-Fachbereiche Bildung sowie Familie und Betrieb zusammengetan, um nach Antworten zu suchen. Vizepräsident Gerhard Schwetje begrüßte zu der Premiere 360 Teilnehmerinnen. Uta Meier-Gräwe sah mehrere Ansätze für eine Versorgungsstrategie. Zunächst müsse gesellschaftlich anerkannt werden, dass  Hauswirtschaft kein "weiches Weiberthema" sei, sondern ein Kompetenzfeld, das einer beruflichen Qualifikation bedarf. Dann müsse es darum gehen, hauswirtschaftliche Dienstleistungen bereits präventiv zu verankern, bevor überhaupt eine Pflege notwendig sei.
 
Derzeit gehe es in der Diskussion nur um Pflege, die Hauswirtschaft habe oft das Nachsehen. Als Beispiel führte Meier-Gräwe Skandinavien an. Dort erhalten Bewohner mit 75 Jahren automatisch eine hauswirtschaftliche Beratung, "damit sie nicht wie immer auf die Idee kommen, selbst ihre Gardinen abzuhängen." Die Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushaltes und Familienwissenschaft forderte vom Staat entsprechende Rahmenbedingungen. "Es kann nicht sein, dass wir uns einerseits über steigende Exportgewinne freuen, aber andererseits kein Geld in Berufe investieren, die einer alternden Gesellschaft helfen", stellte die Professorin fest. Jungen Frauen, die den Beruf der Hauswirtschafterin erlernen wollten, machte sie Mut: "Sie haben den Trumpf der Demografie". Wie schwierig die Nachwuchswerbung ist, stellte Edda Albers, Leiterin des Fachbereichs Berufsbildung bei der LWK, klar. "Warum gelingt es uns nicht, ausreichend junge Frauen, aber auch Männer für den Beruf zu begeistern, während andere Berufsfelder boomen?" Ob es an dem etwas altbacken anmutenden Titel "Hauswirtschafterin" liegt? Verena Eilts aus Augustfehn konnte sich vor Beginn ihrer Ausbildung jedenfalls ?außer Kochen und Backen? nichts richtig darunter vorstellen. "Ich habe den Beruf nur gewählt, weil ich dachte, dass mir das persönlich mehr bringt, als im Büro zu sitzen", erzählt die 23-Jährige. Nun ist sie begeistert bei der Sache und besucht bereits die zweijährige Fachschule, um später Staatlich geprüfte Betriebsleiterin zu werden.
Ähnlich geht es Annika Wilken, mit der sie gemeinsam den Stand der BBS Oldenburg im Foyer der Stadthalle betreut. "Ich finde, dass die Ausbildung sehr umfassend ist und man viele verschiedene Möglichkeiten hat", sagte die 20-Jährige.
Die Ganztagsveranstaltung bot auch zahlreiche Beispiel aus der Praxis. In Fredenbeck bei Stade betreiben Theresa und Anke Kahlich "Utspann" - ein Zuhause für Demenzkranke (LAND & Forst berichtete). Mutter und Tochter waren mit Therapiehund Henry angereist, um ihr Konzept vorzustellen und weckten großes Interesse. "Unser Leitsatz ist, dass es auf die Wirklichkeit des Bewohners ankommt, nicht auf die des Betreuers", erklärte Anke Kahlich.  Workshops und Diskussionen rundeten die Ganztagsveranstaltung ab. Für die Teilnehmer ein Gewinn und eine Bestärkung: Hauswirtschaft hat Zukunft.

Informationen: Ausbildungsberatung der LWK, Juliane Pegel, Tel. 0441- 801-218;
Sachgebiet Familie und Betrieb, Gudrun Göppert, Tel. 0441-801-808.  
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