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KombiBus als moderne Postkutsche

von , am
30.10.2013

Wer auf dem Lande wohnt, ist oft angewiesen auf den öffentlichen Personennahverkehr. Um Dörfer attraktiver zu gestalten, müssen passende Mobilitätsangebote her. Wir zeigen Beispiele.

Der Express-Bus in Wunstorf ist ein neues Angebot, um Berufstätige zum Umsteigen auf die öffentlichen Verkehrsmittel zu gewinnen. © Ney Janßen
Güntersen hat ein Problem. Wie im gesamten Gebiet Südniedersachsens ist in dem Dorf bei Göttingen der demographische Wandel bereits spürbar. Im Durchschnitt leben dort nur 85 Einwohner je Quadratkilometer. Zum Vergleich: Im gesamten Landkreis Göttingen sind es 231 Einwohner je km2. Es gibt zwar noch einen kleinen Lebensmittelladen, eine Bank und einen Kindergarten, Ärzte oder Schulen sucht man aber vergeblich.

Die bestehenden Busanbindungen sind vor allem auf den Schülertransport in Richtung Göttingen ausgerichtet. Das bedeutet absoluter Stillstand in den Abendstunden und an den Wochenenden.

Von Barterode haben die Nutzer der Linie 110 die schnellste Verbindung in die Universitätsstadt. In Eberhausen sind die Lücken im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) am deutlichsten. Um nach Göttingen zu kommen, müssen die Fahrgäste immer in Adelebsen oder Barterode umsteigen.  Als einzig wirkliche Alternative bleibt den Einwohnern meist nur das Auto.

Im Zusammenhang mit dem Dorfentwicklungsprojekt analysierte eine Gruppe Studentinnen den Zustand in Barterode, Eberhausen und Güntersen (alle Flecken Adelebsen). Außerdem fragten sie die Bürger nach ihren Bedürfnissen. Etwa 50 Prozent der Befragten gaben an, dass sie gelegentlich oder ständig auf den ÖPNV angewiesen sind.
"Eine Optimierung der Fahrtzeiten alleine bringt es nicht", ist sich Benjamin Krasemann von der Mobilen Wohnberatung Südniedersachsen sicher. Gesucht werden ganz neue Verkehrskonzepte, denn der ÖPNV ist in dreifacher Hinsicht besonders hart vom demographischen Wandel betroffen.

Zum einen wird es durch die niedrigen Geburtenzahlen weniger Schüler geben, wodurch der größte "Zwangskundenkreis" und somit das Rückgrat des ÖPNV wegbricht. Die Abnahme der Zahl der Erwerbspersonen hat zudem eine Abnahme des Berufsverkehrs zur Folge. Drittens wird es auch ein verändertes Nutzungsverhalten der älteren Menschen im Jahr 2030 geben, da diese mit dem Auto groß geworden sind und es auch im Alter dem Bus vorziehen. Bereits jetzt kommen auf 1.000 Einwohner im ländlichen Raum rund 600 Personenwagen.

Skeptiker sehen eine Abwärtsspirale auf dem Land: Durch die geringe Nachfrage nach Einrichtungen des ÖPNV im ländlichen Raum werde das Angebot noch weiter zurückgefahren, wodurch die Abwärtsspirale aus Abwanderung und sinkender Attraktivität von Städten und Regionen weiter verstärkt werde.

Dass es auch anders geht, zeigen die die vielfältigen Bemühungen der Bürgerbus-Ini-
tiativen. Unter dem Dach von "Pro Bürgerbus Niedersachsen" haben sich landesweit 38 Vereine zusammengeschlossen. Zwischen Butjadingen und der Südheide engagieren sich Ehrenamtliche als Busfahrer, damit die Anwohner nicht den Anschluss verlieren.
"Ein Bürgerbus funktioniert nur, wenn er von unten gewünscht und getragen wird und Bürgerinnen und Bürger sich hierfür engagieren", bringt es Vorstand Wolfgang Schmidt von Pro Bürgerbus Niedersachsen auf den Punkt. Er ist stolz darauf, dass Niedersachsen bundesweit führend ist. Das liegt auch an der Förderung des Landes, das die Anschaffung der Fahrzeuge mit 75 Prozent unterstützt.

Der Bürgerbus Rehburg-Loccum befährt seit 1997 alle fünf Ortsteile der Kleinstadt. Der sogenannte Niederflurbus bietet neben seinen acht Fahrgastplätzen zusätzliche Freifläche und barrierefreie Einstiegsmöglichkeiten für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und Fahrräder. Die Streckenführung wird auf einem leicht lesbaren Fahrplan erläutert, der Stundentaktplan ermöglicht die Planung einer Fahrt (inklusive Rückfahrt) innerhalb von 60 Minuten. Seit Anfang an ist Geschäftsführer Klaus Koschlig dabei.

Ein anderes Modell testet der Landkreis Uckermark in Brandenburg. Dort wurde ein KombiBus-Konzept entwickelt. Das Prinzip folgt den guten alten Postkutschen: Es werden nicht nur Fahrgäste transportiert, sondern auch Güter. Vormittags, nach dem Schülerverkehr, stoppt der Linienbus vor der Käserei und nimmt Waren auf, die zum Einzelhandel in den Nachbarort sollen. Am Busbahnhof werden die Sendungen zwischen verschiedenen Bussen getauscht und dann weiter zum Zielort gebracht. Durch diese innovative Idee soll auch die Wirtschaftlichkeit des Buseinsatzes gewährleistet werden.
"Das größte Problem ist die Finanzierung des ÖPNV", sagt Henning Stahlmann, Geschäftsführer Zweckverband Verkehrsverbund Süd-Niedersachsen (ZVSN). Er geht von einem steigenden Zuschussbedarf aus. Deshalb müssen vor einem neuen Angebot für Güntersen und Co die Kommunalpolitiker entscheiden, was ihnen die angebotsorientierte Daseinsvorsorge Wert ist.

Die RegioBus Hannover bietet seit einem Jahr gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft Landkreis Nienburg (VLN) einen neuen Express Bus an. Der Express startet um 5.28 und 6.28 Uhr von Stolzenau ZOB in Richtung Wunstorf, zurück in Richtung Stolzenau geht es am Nachmittag um 16.40 und 17.40 Uhr vom Wunstorfer ZOB. Pendler, die zum Bahnhof müssen, sollen damit angesprochen werden. "Wir könnten gut noch mehr Fahrgäste gebrauchen", sagt VLN-Geschäftsführer Jens Rühe. Schließlich lägen die Kosten, die der Landkreis Nienburg bisher aufbringen musste, im sechsstelligen Bereich. Rüdiger Dreßler aus Winzlar nutzt den Bus seit der Einführung. "Viel günstiger als Autofahren", sagt er und schwärmt davon, dass die Monatskarte an den Wochenenden von seiner Familie mitgenutzt werden kann.
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