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Familie

Landbewohner auf Probe

von , am
01.07.2014

Im kleinen Örtchen Kamerun im Kreis Lüchow-Dannenberg können gestresste Städter Landluft schnuppern. Wir stellen ein Projekt vor, das Chancen eröffnet, langfristig neue Bewohner aufs Land zu bringen.

Begeistert vom Probewohnen: Ulrike Drewes, Christina Klein mit Tochter Johanna und Ehemann Ingo (v. l.). © Beckmann

Welcher Pferdeliebhaber träumt nicht davon, Tür an Tür mit seinem vierbeinigen Freund zu wohnen? Das ist nicht immer realisierbar, denn oft lassen sich Beruf und Wohnort im Grünen mit Pferd dabei nicht miteinander vereinbaren. Die Gemeinde Göhrde, im Osten der Lüneburger Heide, hat mit dem Beschluss eines neuen Bebauungsplanes einen Ort geschaffen, an dem Wohnen, Arbeiten und Freizeit miteinander verbunden werden können. Im kleinen Örtchen Kamerun können gestresste Städter eine Woche lang kostenlos probewohnen - natürlich mit dem eigenen Pferd.

Ein kleines weißes Schild mit der Aufschrift Kamerun weist in die Richtung, in die man fahren muss, um in das Dorf zu kommen, das umgeben von Wäldern, etwas versteckt und in absoluter Alleinlage liegt. "Fahren Sie die asphaltierte Straße entlang, dann sehen Sie irgendwann die Häuser", beschreibt eine Einheimische den Weg. Auf dem Parkplatz angekommen, überkommt den Besucher sofort ein Gefühl von Urlaub. Kamerun ist umgeben von Naturflächen und umfasst ein Gebiet von rund 500.000 Quadratmetern.

Pferde-Infrastruktur ist über 40 Jahre gewachsen

"Land Kamerun" beherbergt gleichzeitig den Reitverein Sportfarm Lüneburger Heide und bildet damit den Mittelpunkt des Fleckens, der jedes Reiterherz höher schlagen lässt. Denn die Umgebung mit der benachbarten Elbtalaue, der Lüneburger Heide und dem Wendland bietet herrliche Ausreitmöglichkeiten. Ein weiterer Höhepunkt ist die Dünenreitlandschaft mit Bergen und Tälern. Und auf der Reitanlage ist für den passionierten Turnierreiter vom Dressurplatz über Reithalle, Spring- und Geländeplatz alles vor Ort.

Die Pferde-Infrastruktur ist über einen Zeitraum von rund 40 Jahren gewachsen, damals wagte Familie Stehr den Schritt von der Stadt auf das Land. Seitdem ist die Anlage zu einem stattlichen Reiterdorf angewachsen und immer noch in der Hand von Familie Stehr. Vor zwei Jahren hat sich das Ehepaar Christine-Beatrix Schnettler und Helge Stehr überlegt, der Landflucht, die insbesondere im Landkreis Lüchow-Dannenberg ein Thema ist, entgegen zu wirken.

Daraus entstand die Idee, Wohnraum zu schaffen und dabei auch "den gestressten Großstädter anzusprechen", erklärt Christine-Beatrix Schnettler, die selbst in der Stadt aufgewachsen ist und "nie mehr dahin zurück möchte", so die Geschäftsführerin Land Kamerun Lüneburger Heide GmbH.

Synergieeffekte durch gemeinsame Interessen

Zusammen mit den Töchtern Dagny und Anneke ist die Familie ein vom Pferdebazillus befallenes Quartett. Alle vier sitzen regelmäßig im Sattel und beide Töchter sind aktive und erfolgreiche Turnierreiterinnen. Aus ihrer Idee machten die engagierten Pferdeleute ein Wohnkonzept und stellten es der Gemeinde Göhrde vor. Im Dezember 2013 gab der Rat der Gemeinde mit einem Satzungsbeschluss grünes Licht.

"Es war ein langer Weg", erinnert Schnettler sich an die arbeitsreiche Zeit. Neben dem dauerhaften Wohnen sieht der Bebauungsplan auch viele weitere Nutzungsmöglichkeiten vor, wie den Aufbau von Nutzgärten, Pferde- und Kleintierunterkünften und weiteren Sportplätzen. "Ein eigener Mini-Bauernhof ist für jeden machbar."

Das Ehepaar setzt auf Synergieeffekte, denn "alle, die hier wohnen, haben gemeinsame Interessen. Außerdem  kostet es weniger, etwas zusammen zu nutzen, schmälert aber den Nutzen nicht", ist das Ehepaar zuversichtlich, dass das zukunftsweisende Projekt funktionieren wird. Beispiel dafür sind die gemeinsame Reithalle, der Springparcours oder das Schwimmbad.

Gegenseitige Unterstützung ist ein weiterer Pluspunkt. "Wenn jemand verreisen möchte, ist für die Tiere gesorgt", erklärt Schnettler. Neben Pferdehaltern möchte das Paar auch Hundehalter ansprechen. "Gut erzogene Hunde dürfen sich auf dem Gelände frei bewegen, und wir bieten Hundeschulkurse auf dem Gelände an", berichtet das Paar stolz. Eine Hundeschule ist auf dem Gelände ebenfalls ansässig.

Möglichkeiten, sich das neue Lebensglück finanzieren zu können, gäbe es auch genügend, ist Christine-Beatrix Schnettler überzeugt. Im Bebauugsplan sei nämlich auch der Aufbau von Handwerks- und Gewerbebetrieben berücksichtigt worden. Im Bereich Gesundheit, Touristik und Sport wären als Betätigungsbereich ebenfalls keine Grenzen gesetzt, denn auch die Sportfarm bietet mit ihrem Sauna- und Wellnessbereich bereits eine gute Grundlage.

Kindergärten und Schulen sind entweder in dem drei Kilometer entfernten Hitzacker oder im zehn Kilometer entfernten Dannenberg. Die Stadt Lüneburg liegt 45 Kilometer weit weg.

Ralf Weber aus Buxtehude wohnt seit rund zwei Jahren halb in Kamerun und halb in Buxtehude. Der Informatiker arbeitet in Hamburg und versucht, mindestens drei Tage pro Woche in seinem fest angemieteten Holzbungalow in dem kleinen Reiterdorf zu verbringen. "Beruflich ist es für mich nicht machbar, ganz hierher zu ziehen, sonst wäre ich schon lange hier", berichtet Weber, dessen Welsh Cob Wallach "Jericho" zu den ständigen vierbeinigen Bewohnern Kameruns zählt. Für Ralf Weber gibt es nichts Schöneres, als auf einer Bank in dem Paddock zu sitzen, der vor seinem Bungalow aufgebaut ist, Jericho mit Äpfeln zu füttern und vom Alltag in der Großstadt abzuschalten. "Ich würde viel lieber ständig auf dem Land wohnen, die Großstadt ist mir viel zu hektisch", schwärmt Weber, der an den Wochenenden auch gern die Führzügelwettbewerbsteilnehmer betreut und die kleinen Nachwuchsreiter in den Prüfungen sicher durch die Prüfung begleitet.

Eine Woche kosten-los probewohnen


Damit auch andere Städter einmal Landluft schnuppern zu können, bietet Familie Stehr in einem frisch sanierten Appartement eine Woche Probewohnen an, inklusive Blick auf die Reitanlage und garantierter Idylle. Im Anschluss daran  wird jeder Teilnehmer nach seinen Erfahrungen befragt, um eventuelle Defizite, Vorteile oder Verbesserungsvorschläge für dieses neuartige Wohnkonzept zu untersuchen.

Die Kameruner erhoffen sich eine größere Wertschätzung des Landlebens und mehr Interesse an ihrer Region. Zu den ersten Probewohnern zählten Ulrike Drewes, Christina, Joanna und Ingo Klein. Sie können sich jetzt durchaus vorstellen, aufs Land zu ziehen. Bisher hat Kamerun rund 20 Einwohner - vielleicht sind es ja bald einige mehr.

Mehr Informationen über das Reiterdorf gibt es unter www.land-kamerun.de - und wer sich fürs Probewohnen interessiert, kann "Leben mit Pferden" anklicken, den Bewerbungsbogen herunterladen und ausgefüllt an die Projektleiter schicken.
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