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Hof- und Dorfleben

Landluft schnuppern in der City

von , am
16.07.2014

Holperige Straßen, auf denen Trecker rumpeln, Reetdachhäuser unter knorrigen Eichen und Bauerngärten, all das gibt es in der Stadt Oldenburg? Kommen Sie mit auf eine spannende Tour.

Zum Gartenglück der Heyes gehören auch ihre Hühner. © Peters

Ingrid Jentsch, Gästeführerin der Kulturtourismus Oldenburg AG, kennt sich da bestens aus. Und beweist das auf einer Radtour abseits der üblichen Strecken "zu alten Höfen und Bauerngärten". Sie zeigt uns die ländliche Seite der Stadtteile Donnerschwee, Ohmstede und Bornhorst.

Kelle heißt "Stop"

Wir starten in der Wehdestraße am Oldenburger Hafen. Ganz in der Nähe soll einst die Donnerschweer Burg und ab dem 14. Jahrhundert ein vornehmes Schloss gestanden haben. Aber davon ist nichts mehr zu sehen. Nur das Tafelgut, das die hohen Herrschaften mit Lebensmitteln versorgte. Jentsch zeigt uns den Gramberghof in der Wehdestraße 68. Er lag auf einem fruchtbaren Esch und gehörte zu den Hausmannshöfen. Hausmann? Hausmänner waren Hofbesitzer, die über Grund und Boden frei verfügen konnten. Was gar nicht selbstverständlich war. Wir radeln in den Otterweg. Das grüne Viertel am Tennisplatz gehört zu den idyllischen Kleinodien der Stadt. Über uns breiten dicht belaubte Eichen und Kastanien ihre Arme aus, schmucke Reetdachhäuser blinzeln durch die Hecken. Einige sind aufwändig restauriert, wie der alte Dohrmannhof. Auch Landwirtschaft wird noch betrieben. Es duftet nach Kuhschiet und Heu. Gleich dahinter, auf den saftigen Weiden der Hunteniederung, zupfen Pferde an Gänseblümchen. Jetzt biegen wir in den Feldkamp ein.
 
Ingrid Jentsch hält ihre "Polizeikelle" raus, was so viel wie "Stop" bedeutet. Dort, wo sich heute das EWE Jugenddorf befindet, hat 1681 die erste Donnerschweer Gaststätte eröffnet. Das "Rote Haus" war eine stadtbekannte Adresse. Hier trafen sich die Bauern zum Umtrunk am offenen Herdfeuer. Auch Bürger aus der Stadt und selbst die Großherzöge hielten Einkehr im beliebten Dorfkrug. Zum Beispiel im Winter nach einem Schlittschuhlauf auf den überschwemmten Huntewiesen. Heimlich sollen auch Hahnenkämpfe auf der Tenne des Hauses stattgefunden haben. Und ab und zu wären dabei sogar die Dreschflegel geflogen...

Nette Milchmädels

Am Waterender Weg erwarten uns "Niedersachsens Top Mädels". So jedenfalls steht es auf dem Plakat, das den Kuhstall von Diers Milchhof schmückt. Kühe muhen auf dem einstigen Wellmanns-Hof schon seit über 600 Jahren. Inzwischen werden hier täglich 250 prachtvolle Milchmädels angezapft. Ihre Vorzugsmilch fließt über die hofeigene Molkerei in Krankenhäuser, Kindergärten, Eisdielen und über tausend Privathaushalte. Verkauft wird ganz modern per Internet. Elfriede und Hermann Heye,die in der Nachbarschaft wohnen, kümmern sich heute lieber um Rosen als um Landwirtschaft. Beide sind jetzt über 70 Jahre alt. Ihre Ländereien haben sie an Diers verpachtet. Nur ein Kartoffelacker, die Hühner und der wunderschöne Zier- und Gemüsegarten sind geblieben. Gern führt uns die Hausherrin durch den nostalgischen Rosenbogen in ihr ganz privates Gartenglück. Alte Englische Rosen haben es den Heyes besonders angetan. Hier versprühen sie ihren Charme zwischen Lavendel, Katzenminze, Mohn und Rittersporn.

Mit Nasen voller Blütenduft fahren wir in den Morgenweg. Auch die Besitzer vom Mehrenshof, Edel und Dirk Addicks, sind leidenschaftliche Gärtner. Ihre Hofstelle geht nachweislich bis ins 14. Jahrhundert zurück. Schon vorher müssen hier Bauern gesiedelt haben, lässt Addix wissen. Beim Bau einer Sickergrube sei man auf Scherben und Holzkohle gestoßen. Dr. Zoller von der Forschungsstelle für Siedlungsarchäologie in Rastede habe daraufhin "gebuddelt wie ein Weltmeister." Und tatsächlich: Es kamen Kugeltopfscherben und ein Webgewicht aus der Karolingerzeit zutage! Bevor wir uns wieder auf die Räder schwingen, zeigt er uns noch, wo früher die Schinken und Würste hingen. Wir stehen im ältesten Rauchhaus Oldenburgs. Die Wände sind noch mit Stroh und Lehm ausgefacht, aber "der Zahn der Zeit nagt an den Balken.

Viel Geschichte

Von Waterende geht es nach Loyersende. Jentsch hält vor dem stattlichen Hankenhof in der August-Hanken-Straße. Die Firma Hanken und von Essen, erklärt sie, sei von 1820 bis Mitte des letzten Jahrhunderts sehr erfolgreich im Schlengenbau gewesen. Die Leute schlugen massenhaft Strauchwerk aus der Geest und stellten daraus im Auftrag der Regierung Uferbefestigungen für die ganze Nordseeküste bis zur holländischen Grenze her. Nur wenige Meter weiter, im alten Diekshof, ging es um Kunst statt um Küstenschutz. Hier kam 1862 der Landschaftsmaler Richard tom Diek zur Welt.
 
Kein Wunder, dass ihn die herrliche Umgebung zu mehr als viertausend Ölgemälden, Aquarellen und Zeichnungen inspirierte! Nordtangente und Autobahn gab es damals noch nicht. Aber Klein und Groß Bornhorst, zwei Köterdörfer, wie wir jetzt erfahren. Köter - schon wieder so ein Wort. Hier siedelten Kleinbauern, die im Haupterwerb meist als Handwerker oder Knechte arbeiteten. Natürlich müssen wir auch "Borni" einen Besuch abstatten. Seit Jahren schon nistet der durch Funk und Presse bekannte Storch auf dem Stallgebäude des alten Wöbken-Hofes. Mit Sicherheit die meist fotografierte Scheune im Ort! Letzte Station ist der Reiterhof der Familie Wöbken in der Groß Bornhorster Straße. Das landwirtschaftliche Anwesen wurde schon im 16. Jahrhundert erwähnt. Was für ein schöner Abschluss für unsere kleine Landpartie: Im parkähnlichen Garten schweift der Blick über die angrenzenden Weiden. Alte Bäume rascheln im Wind, in den üppigen Rosen- und Staudenbeeten summt der Sommer.

Die Gästeführung "Mit dem Rad zu alten Höfen und Bauerngärten" findet jeden 4. Sonntag im Monat (Mai bis September) statt. Sie ist 15 km lang und dauert etwa drei Stunden.
 
Anmeldungen bei der Tourist-Info Oldenburg, Tel.: 0441-36161366 oder per Mail an stadtfuehrungen@
oldenburg-tourist.de.
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