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Hof- und Dorfleben

Langsam reisen wie im Mittelalter

von , am
26.06.2013

Auf dem alten Hanseweg per Fuß und Pferdegespann unterwegs, von Hameln zu den Internationalen Hansetagen in Herford: Anstrengend war das nicht nur im Mittelalter.

Vorne weg marschiert auf dem Zug die "Stadtwache" Bernd Schonvogel mit Hellebarde - einer mittelalterlichen Waffe. © Frevert
Der Gespannführer und seine Beifahrerin Ina Tietjen vom Geschichtserlebnisraum Lübeck, Bauspielplatz "Roter Hahn" e.V. zogen Anfang Juni mit 42 Begleitern, vier Pferden und Hund "Bode Bootsmann" auf dem alten Hanseweg von Hameln zu den Internationalen Hansetagen in Herford. Als mittelalterliche Kaufleute, Marktfrauen und Handwerker verkleidet, Trommeln schlagend und singend ging es eine Woche lang zu Fuß und hoch auf dem Wagen in Schrittgeschwindigkeit gen Herford. Übernachtet wurde in Zelten, Turnhallen oder - für die Hartgesottenen - gleich direkt unter dem antiken Handkarren.

Vorne weg schritt Bernd Schonvogel vom Hansevolk Lübeck. Lübeck war mit Hamburg die Wiege des Hansebundes in Deutschland. 1356 fand hier der erste Hansetag statt. Noch heute ist Lübecks Bürgermeister Vormann der Hanse. Schonvogel begrüßte als Stadtwache gekleidet Passanten mit einem drei Mal "Vivat": Vivat Lubeca - der altertümliche Name für Lübeck. Vivat - und dann der Name der besuchten Stadt. Und zum Schluss: Vivat Hansezug.
Rund zwanzig Kilometer legte der Zug pro Tag zurück. Schilder zu Beginn und am Ende des Zuges warnten die Autofahrer. "Für den heutigen Verkehr sind wir quasi ein stehendes Hindernis", weiß Jörn Puhle, der ebenso wie Ina Tietjen Fahrabzeichen und Gespannführer-Schein in der Tasche hat. Vorab hatte er die Route mit dem Auto abgefahren. "Rund 1.000 Kilometer kamen da zusammen. So manches Mal musste ich feststellen, dass die alten Handelswege heute mitten im Wald im Nirgendwo enden", erzählt er.

Roter Hahn

Die drei Schleswiger Kaltblüter sowie Exmoor-Pony "Gwen" waren im Vorfeld gut trainiert worden. "Wir besuchten mit ihnen die Messe Hansepferd. Daheim in Lübeck setzen wir die Pferde für therapeutisches Reiten und landwirtschaftliche Arbeiten ein", erklärt Puhle. Daheim - das ist der gemeinnützige Verein Bauspielplatz "Roter Hahn". Im Rahmen offener Kinder- und Jugendarbeit und in Zusammenarbeit mit einem Archäologen ist hier zusammen mit Kindern und Jugendlichen ein mittelalterliches Dorf erbaut worden - mit Langhaus, Kirche, Schmiede, Klosterscheune.

Andreas Begemann, Tischler- und Zimmermannsmeister aus Extertal-Bösingfeld, selbst ein Mittelalter-Fan und Konstrukteur unterschiedlicher mittelalterlicher Großgeräte, hat den Mittelalter-Wagen selbst gebaut. Gut eine Tonne schwer, zehn Meter lang und mit Platz für zehn Personen plus Kutscher. Die Pläne stammen aus Ausgrabungen auf dem Hellweg nahe Paderborn, wo diese Art Wagen im 13. Jahrhundert Waren beförderten. Alle Teile sind Nachbauten des historischen Originals. Allerdings mussten Scheibenbremsen und Metallachse nachgerüstet werden, um die TÜV-Abnahme und damit Straßenzulassung zu erhalten.

Für den Bau des Wagens wurden nur ausgesuchte Hölzer verwendet. Alle statisch hochbelasteten Teile sind aus Akazie. "Die ist so hart wie Eiche aber elastischer und nicht so bruchanfällig", erklärt Begemann. Der Korpus ist aus Fichte und die gebogenen Spriegel, die das Dach des Wagens halten, sind aus Esche.

Begeistert ist Begemann von der Lenktechnik. "Die hatten damals im Mittelalter einen zurückversetzten Lenkpunkt, so dass die Hinterachse mitlenkt. Sehr praktisch", befindet Begemann. Gewöhnungsbedürftig war jedoch der fehlende Drehkranz. "Nach jeder Kurve bleibt die Deichsel schräg stehen. Ich muss gegenlenken, damit die Pferde die Deichsel gerade drücken", erklärt Puhle.

Die Tour

Von Hameln ging es über die lippische Grenze. Der zweite Tag der Tour war zugleich der schwerste. Auf einem Höhenweg nahe Aerzen mussten die Pferde ausgespannt werden. "Noch eine Steigung, noch eine Steigung - das war dann zu viel", sagt Puhle. Statt das Pferdewohl zu riskieren, orderte er lieber Hänger und Transportfahrzeug für die Kutsche. Der Rest der Strecke Alverdissen-Schloss Wendlinghausen-Lemgo- Bad Salzuflen-Herford verlief problemlos und bei bester Wetterlage.

Nach den Erfahrungen des Hansezuges im letzten Jahr entschieden sich die Organisatoren, auf dieser 80-Kilometer-Tour jeweils im Wechseln einen Reisetag und einen Ruhetag einzulegen. Reisen wie im Mittelalter - schön, außergewöhnlich, aber auch anstrengend.
Mehr Infos im Internet-Blog des Vereins unter www.hansezuege.de.
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