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Hof- und Dorfleben

Liebe Erinnerung an eine böse Zeit

von , am
04.09.2013

Irmlinde Florian aus Ovelgönne im Landkreis Celle hat 1.260 Liebesbriefe ihrer Eltern aus der Kriegszeit aufgehoben und gelesen. Welche Geheimnisse sie dort fand, lesen Sie hier.

Irmlinde Florian mit ihrem Schatz, den Liebesbriefen ihrer Eltern und den Tagebüchern ihrer Mutter. © Bluhm
Was heute die eilige und flüchtige SMS auf dem Handy ist, war vor 60 Jahren noch ein Brief. Einen ungewöhnlichen Schatz hat jetzt Irmlinde Florian in Ovelgönne in der Gemeinde Hambühren gehoben: Sie hat etliche Tagebücher ihrer Mutter und den regen Wechsel von Liebesbriefen ihrer Eltern gelesen und bewahrt jetzt Zeugnisse des schweren Lebens während der Kriegszeit in ihren Händen.

Es liest sich ein wenig wie im Film oder auf der Bühne. Die Geschichte, die der amerikanische Dramatiker Albert Ramsdall Gurney schrieb und mit der er seit 1989 auf allen großen Bühnen der Welt Erfolge feiert, heißt "Love Letters". 1990 wurde das Stück für den Pulitzer Preis nominiert und das Time Magazin hält es für eines der fünf besten Theaterstücke aller Zeiten. Jetzt gibt es Love Letters in Ovelgönne.

Reger Briefwechsel in den Kriegsjahren

Irmlinde Florian ist überglücklich, dass sie immer wieder die 1260 Liebesbriefe ihrer Eltern Horst und Irmgard Odernheimer lesen kann. Und sie freut sich, dass sie auch die vielen Jahrgänge der Tagebücher ihrer Mutter aufgehoben hat. "Da kommen einem die Tränen", sagt die 69-jährige, die in Oldau Heimatpflegerin ist, wenn sie den umfangreichen Briefwechsel ihrer Eltern liest. "Mein Vater hat 666 Briefe an seine Frau geschrieben und meine Mutter 594 an ihren Mann."

Die Eltern haben ihre Briefe tatsächlich durchnummeriert, die sie sich vom 8. Juni 1942 bis zum 6. Mai 1945 geschickt haben. Sie hatten sich im Dezember 1939 beim Tanzen in Dresden kennen gelernt. Horst Odernheimer war Gefreiter in Dresden und Irmgard Nadrowski arbeitete im Büro der Turbinenfabrik ihres Vaters.

Nummerierte Briefe mit Überschriften

"Am 12. April 1942 hatten sich meine Eltern verlobt. Doch sie wurden bald voneinander getrennt, denn Horst wurde nach Angerburg in Ostpreußen versetzt und Irmgard blieb in Dresden." Das war der Anfang eines regen Schriftwechsels zwischen den beiden jungen Leuten. Horst war damals 25 und Irmgard 22 Jahre alt. An seinem 26. Geburtstag heiratete Horst seine Irmgard. "Fast tagtäglich schrieben sich meine Eltern wunderschöne Liebesbriefe, die oft mit kleinen Zeichnungen oder auch Gedichten versehen waren." In Brief 473 vom 16. August 1944 zum Beispiel reimt Irmgard ihre Erlebnisse vom Holzsammeln im Wald: "Wenn du denkst, ich kann nicht mehr, Liebster mein, dann irrst Du sehr! Mit den Körben bis zuletzt, wird noch in den Wald gehetzt", schrieb die junge Ehefrau hochschwanger in sauberer deutscher Schrift an ihren Mann auf seinem Dienstposten in Ostpreußen. Dazu zeichnete sie sich selbst mit ihrer Mutter beim Holzmachen im Wald. Oder der Brief 500, der am 17. September 1944 nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Irmlinde verfasst wurde und die Überschrift "Die Glücksinsel" trägt: "Ich sitze hier, fern allem Kriegsgetümmel wie auf einer Insel des Friedens. Blumen blühen, Früchte reifen, Vögel singen - alles ist noch wie es immer war. Und wenn ich in das unschuldige Gesichtlein meines kleinen Kindes blicke, verstärkt sich mein Glauben an das Fortleben des Guten in der Welt. Und säen die Menschen noch so viel Hass und Zwietracht, urkräftig und rein blüht die Natur - blühen die Kinder ewig neu. Wie tröstlich!"

45 Jahre persönlich formulierter Gedanken

Die Tagebücher ihrer Mutter enthalten in ganzen Sätzen formulierte Erlebnisse aus den Jahren 1956 bis 2001. "Bis zu ihrem Schlaganfall hat meine Mutter geschrieben", sagt Florian zu den umfangreichen Dokumenten. Die Eltern starben 2003 und 2004 in Ovelgönne.
Jetzt überlegt Irmlinde Florian, ob sie einen Teil der Liebesbriefe und die Gedichte sowie die farbigen Illustrationen ihrer Mutter in einem kleinen Band zusammenfassen und verlegen sollte. "Ich kann mir vorstellen, dass daran großes Interesse besteht", sagt sie.
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