Login
Familie

Mobbing: Alles nett im Chat?

von , am
05.06.2013

Einige freuen sich über hundert und mehr Facebook-"Freunde", andere werden im Netz gemobbt. Was geht da vor im Internet? Wir haben einen Polizeioberkommissar dazu befragt.

Cybermobbing
Mobbing im Internet kann grausam und folgenschwer sein. Deswegen ist es wichtiger Kinder und Eltern über Gefahren im Netz aufzuklären. © fotolia
Vorbei sind die Zeiten, als der Nachwuchs das Familientelefon blockierte. Heute tauschen junge Leute sich per Facebook und über das Smartphone aus. Es wird gechattet, kommentiert und "geliked", also per Klick gezeigt, dass sie etwas gut finden. Das Teenager-Leben spielt sich online ab, auch wenn es um Streitereien geht - bis hin zum sogenannten Cybermobbing, dem systematischen Fertigmachen von Opfern im Internet.
 
Ärger im Netz
 
Nicht jeder Lästerspruch auf Facebook ist gleich Cybermobbing - aber ein Streit kann im Internet viel schneller eskalieren als im realen Leben. Denn wenn jemand ein peinliches Foto von einem Mitschüler mit einem fiesen Kommentar versehen auf Facebook stellt, wo fast alle Jugendlichen mit einem Profil vertreten sind, wird das meist umgehend von anderen gelesen, weitergeleitet und kommentiert. In der vermeintlichen Anonymität schreibt so mancher spontan einen verletzenden Kommentar - oft nur, um selbst cool dazustehen. Und weil sie die Reaktion des Opfers nicht sehen, denken viele auch nicht weiter darüber nach.
 
Sebastian Nitsch, Polizeioberkommissar aus Wildeshausen, informiert Jugendliche über die Gefahren von Cybermobbing. "Mobbing stellt für die Betroffenen grundsätzlich eine sehr hohe physische und psychische Belastung dar", erklärt er. "Schlimm ist für die Opfer zudem, dass viele das Mobbing mitbekommen, aber meist keiner einschreitet - die Betroffenen fühlen sich im Stich gelassen."
 
Das Problem haben auch die Jugendlichen selbst erkannt: Bei einem Forum für Schülerstreitschlichter in Oldenburg, an dem mehr als 300 junge Leute teilnahmen, waren die Workshops über den Umgang mit Facebook und Cybermobbing mit Abstand am beliebtesten.
 
Wenn der Spaß aufhört
 
Wer meint, die Gemobbten sollten einfach bei Facebook und Co. aussteigen, verkennt die Wirklichkeit. Die sozialen Netzwerke, Chats, Boards und Blogs gehören für Jugendliche genauso zum Leben dazu wie Schule, Sportverein und Disco. Wer als Elternteil nicht nachvollziehen kann, was der Sohn oder die Tochter an Facebook finden, sollte sich am besten von ihnen zeigen lassen, wie das Ganze funktioniert. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind dabei über Sicherheitsfragen gut informiert. "Wir wissen, dass das Internet gläsern ist und man mit seinen Daten vorsichtig sein muss", sagen Sandra (12), Victoria (13) und Henning (12) vom Ökumenischen Gymnasium in Bremen. Die Siebtklässler haben sich gerade das Präventions-Theaterstück "Click it!" angeschaut, das für Cybermobbing und die Gefahren von unbedachten Äußerungen im Internet sensibilisieren will. Denn dies zu begreifen, fällt jungen Leuten oft schwer. "Gerade deshalb ist es wichtig, jedem klarzumachen, dass man, wenn jemand gemobbt wird, für die Person einstehen und sich nicht abwenden sollte mit dem Gedanken: Das geht mich ja nichts an", so Nitsch.
 
Für junge Menschen noch schwerer einzuschätzen ist das Thema sexuelle Belästigung im Internet. Das fängt schon bei Chat-Fragen an, wie sie Mädchen oft gestellt werden, etwa: Was hast du an? Und: Bock auf CS (Cybersex)? Hohe Dunkelziffer "Was ist lustiges Geflirte, wann wird es gefährlich: Die Unsicherheit bei Mädchen und Jungen ist da ganz groß", weiß Anke Fürste, Sozialpädagogin bei "Schattenriss", einer Bremer Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch. "Hinzu kommt, dass Täter, die über das Internet Kontakt zu Kindern suchen, nicht unbedingt die bösen Fremden sind, sondern oft Leute aus dem Umfeld, etwa Nachbarn oder Bekannte", so Fürste. "Zuerst wird auf Facebook kontaktet, aber bald geht alles in eine sexuelle Richtung. Die Kinder scheuen sich dann, sich jemandem anzuvertrauen, weil sie denken, dass sie selbst schuld sind und zu dumm waren. Dabei sind es die Täter, die sie systematisch angelogen und ausgenutzt haben."
 
Experten gehen sowohl bei sexuellen Übergriffen im Internet als auch beim Cybermobbing von einer hohen Dunkelziffer aus. "Wenn das Kind sich schließlich doch den Eltern anvertraut, wissen die oft nicht, was sie tun sollen", sagt Sandra Reith, ebenfalls Beraterin bei "Schattenriss". Das Internet zu verbieten, sei jedenfalls keine Lösung. Besser sollte man von Anfang an mit dem Nachwuchs darüber im Gespräch bleiben, was der gerade online unternimmt, rät Reith. Denn dann würden sich Kinder bei Problemen frühzeitig an die Eltern wenden und man könne eingreifen ehe die Situation eskaliert.
 
Weitere Informationen für Eltern und Kinder gibt es online unter www.klicksafe.de. Das Präventionstheaterstück "Click it!" wird auf Anfrage auch in Schulen aufgeführt. Infos: www.zartbitter.de
 

Hier unser Interview mit Polizeioberkommissar Sebastian Nitsch aus Wildeshausen:

Wo hört der Spaß auf, wo fängt Cybermobbing an?
 
Der Spaß hört dann auf, wenn der Betroffene das so empfindet - da sollte man keine Einschränkungen gelten lassen. Unter Cybermobbing versteht man grundsätzlich die Bloßstellung, Beleidigung und Belästigung von Personen mithilfe neuer Kommunikationsmedien - zum Beispiel über Handy, Foren, Chats und Communities - über einen längeren Zeitraum.
 
Wie viele Kinder und Jugendliche sind betroffen?
 
Aktuelle Studien zeigen, dass rund ein Viertel der Jugendlichen jemanden kennt, der Opfer von Cybermobbing geworden ist. Als selbst von Cybermobbing betroffen empfinden sich rund fünf Prozent.
 
Was können Eltern dann tun?
 
Erster Anlaufpunkt nach ausführlichen Gesprächen mit dem Kind ist die Schule. Hier kann und muss man Hilfe erwarten. Die Polizei sollte dann eingeschaltet werden, wenn eine Beilegung des Sachverhalts trotz intensiver Bemühungen der Eltern und Schulverantwortlichen nicht fruchtet und Straftaten im Raum stehen, wie etwa Beleidigung oder Verleumdung.
 
Auch interessant