Login
Familie

Auf Nummer Sicher gehen

von , am
09.07.2014

Die Deiche sind sicher, auch wenn der Meeresspiegel in Zukunft stärker ansteigt als bisher. Was vorbeugend getan wird, um dem Klimawandel zu begegnen, zeigt unser Beispiel aus der Wesermarsch.

© Kahnt-Ralle

Als vergangenes Jahr die Nikolaussturmflut nicht nur die Nordsee in Wallung brachte, sondern auch die Medien, stand Burchard Wulff aus Norderschwei in Stadland, Landkreis Wesermarsch, im Melkstand und ging seiner normalen Arbeit nach. Der Landwirt ist seit Anfang August 2013 neuer Verbandsvorsteher des Zweiten Oldenburgischen Deichbands in Brake. "Die Medienvertreter waren doch etwas überrascht, dass ich nicht pausenlos am Deich stand und dessen Sicherheit überprüft habe", erzählt Wulff mit einem kleinen Lächeln. Wulff macht sich keine großen Sorgen, "seine Deiche" sind sicher.

"Die Nikolausflut kam nur auf 5 m über NN", so der Deichvorsteher zu dem jüngsten, etwas stürmischen Ereignis an Niedersachsens Küste. "Damals, 1962, als Hamburg Land unter hatte, lief die Flut hier bei uns am Jadebusen auf 5,30 m über NN auf", blickt Wulff auf ein Ereignis zurück, welches die älteren Bewohner im Deichhinterland nicht vergessen werden. Bilder von bröckelnden Deichstellen werden wieder wach. Aber der Deich hielt.

Ein wahres Bollwerk

In den Jahrzehnten bis heute hat sich immens viel getan. Der Deich von heute mutet verglichen mit dem von damals wie ein menschliches Bollwerk gegen die Fluten an. "Unsere Deiche werden auf voller Länge auf 8 bis 9,50 m erhöht, der Deichfuß entsprechend von 60 m auf 100 m verbreitert", so Wulff, der in seinem Verbandsgebiet für den Ausbau von 140 km Deich zuständig ist. Die "Deichlinie" von Dangast am Jadebusen, entlang der Wattenmeerküste bis Bremerhaven und entlang der Weser bis Elsfleth und der Hunte bis Oldenburg gehört zu Wulffs Verbandsgebiet. Insgesamt 22 Deichgeschworene haben ihr Deichstück regelmäßig im Blick.

Dabei geht die Deicherhöhung und -verbreiterung auf einen Beschluss der Niedersächsischen Landesregierung und des Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) aus dem Jahr 2007 zurück. Damals wurde die Sicherheitsreserve von 25 cm durch den "Klimabeiwert" von ebenfalls 25 cm auf 0,50 m verdoppelt.
 
Diese vorsorgliche Deicherhöhung ist dem Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels geschuldet, auch, wenn er sich so einfach gar nicht messen oder voraussagen lässt. Wie das NLWKN mitteilt, wurde am Pegel auf Norderney in den vergangenen 100 Jahren ein Anstieg des mittleren Tidehochwassers von etwa 25 cm an der offenen Küste gemessen.  Bei der Deicherhöhung werden auch 1 m bis 1,50 m Zuschlag für den Wellenauflauf dazugerechnet. "Zusätzlich zur Deicherhöhung hat der Deich von der Außendeichseite eine flache Böschung bekommen, wo die Wellen abrollen können", erklärt der Deichfachmann. Der Laie sieht dies nur, wenn er ein Stück alten Deich mit steilerem Profil zum Vergleich daneben sehen kann. Abrollende Wellen können einen Großteil "ihrer" Energie schon abbauen und wirken dann nicht mehr mit aller Kraft auf den Deichfuß.

Sorgen um den Deichfuß

Gerade der Deichfuß sorgte im Verbandsgebiet von Wulff in der Vergangenheit stellenweise für Sorgen. Wulff: "Am Deichfuß zwischen Schweiburg und Sehestedt trat Grundwasser aus, der Deichuntergrund war für eine Deicherhöhung zu labil". Zunächst musste über 6,5 km eine Spundwand aus Stahl gezogen werden, um den Deichfuß zu stabilisieren. Ebenfalls wurde am Grunde des Deichs eine Dränage gelegt, damit Wasser abfließen kann und der Deichfuß trocken bleibt, und damit stabil. Erst danach konnte mit der Erhöhung begonnen werden. Alleine das Gutachten zu dieser Verstärkungsmaßnahme hat 1 Mio. Euro gekostet, die Stahlwand nochmal etwa 20 Mio. Euro zuzüglich der Erdbauarbeiten mit rund 10 Mio. Euro somit insgesamt  30 Mio. Euro.

Als Reaktion auf diese Erfahrung werden im Zuge der Deichausbaumaßnahmen  Sensoren eingebaut, die den Kapillarwasserdruck am Deichfuß messen. "Und die Deicherhöhung findet hier nur in Etappen statt", so Wulff. So könne man anhand der Messdaten beobachten, wie der Untergrund reagiert. Feststeht, dass der Deich auf voller Länge regelmäßig überprüft wird. Die alljährliche Deichschau liefert Daten, die im NLWKN ausgewertet werden.

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen kann es die absolute Sicherheit natürlich nicht geben. Für Burchard Wulff, der in einem Landstrich aufgewachsen ist und lebt, der zu zwei Dritteln zweimal am Tag unter Wasser stehen würde, gäbe es nicht seit Jahrhunderten die Deiche und ein ausgeklügeltes Be- und Entwässerungssystem mit Gräben, Sielen und Pumpwerken, ist das Leben „am Wasser“ mit allen Unwägbarkeiten und Herausforderungen Alltag. Die Sicherheit, die durch Menschenhand geschaffen wurde, hat sich bewährt. Das bedeutet für den Verbandsvorsteher aber nicht, dass man diese - egal wodurch auch immer - leichtsinnig verspielen darf.
Auch interessant