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Familie

Nicht nur zur Weihnachtszeit

von , am
16.12.2014

Die Kinder sind groß, müssen wir uns da noch was schenken? Wir haben doch schon alles. Oder? Der Philosoph Christoph Quarch hält ein Plädoyer dafür, warum wir nicht aufhören sollten, uns Geschenke zu machen.

Mit Liebe ausgesucht und mit Liebe verpackt. © Visions-AD/Fotolia

Heiliger Abend, Kerzenschein. Große Aufregung bei den Kindern. Dann endlich das erlösende, zarte Läuten des Glöckchens: Das Christkind war da! Die Tür zum Wohnzimmer steht einen Spalt offen. Ein Duft aus Wachskerzen und Tannennadeln füllt die Luft. Da steht er, stolz und schön: der Weihnachtsbaum. Und darunter liegen hübsch verpackt die langersehnten Geschenke. So hat es sich als Ideal in die Herzen der Menschen gebrannt: gemütlich, im Kreise der Familie, mit den sprichwörtlich strahlenden Kinderaugen. Und natürlich mit Geschenken. - Oder?

Lästige Pflichtübung?


Christine Teufel hat einige Jahre eine Geschenkboutique betrieben. Eigentlich, meint man, müsste ihr Geschäft in der Vorweihnachtszeit brummen. Tatsächlich aber trifft die 40-jährige Schwäbin selten fröhliche Geschenksuchende. "Die wenigsten Kunden haben Freude am Schenken. Die meisten sehen darin eine lästige Pflichtübung, für die sie eigentlich kein Geld geben wollen." Schenken, so scheint ihr, ist nicht mehr angesagt. Sich beschenken lassen auch nicht. "Beschenkt zu werden ist noch schwerer, als selbst zu schenken", hat der Essayist Hans-Christoph Neuert gesagt. Man muss sich nur das Geziere vor Augen führen, das viele Menschen angesichts mitgebrachter Geschenke veranstalten, um die Wahrheit dieses Satzes zu erkennen. "Das wäre doch nicht nötig gewesen!" - "Kind, du sollst mir doch nichts schenken!" Jeder kennt solche Sätze. Oder weiß, wie verlogen sie sind. Schon Georg Christoph Lichtenberg (1942-1799) wusste: "Wenn die Menschen sagen, sie wollen nichts geschenkt haben, so ist es gemeiniglich ein Zeichen, dass sie etwas geschenkt haben wollen."

Das Problem "Dank"

Vielleicht ist es auch die Angst, durch ein Geschenk beschämt zu werden, die es vielen so schwer macht, sich beschenken zu lassen. Ganz im Sinne des französischen Romanciers Raymound Radiguet, der einst notierte: "Was ich geschenkt bekam, wurde mir durch das Dafür-danken-Müssen vergällt".

Vielleicht liegt ja genau hier der Grund dafür, warum Schenken und Beschenktwerden zum Problem geworden ist: weil es den Menschen schwerfällt, dankbar anzunehmen, was ist und was kommt. Und zwar, weil sie mit sich selbst und der Welt nicht im Reinen sind und sich deshalb einreden, es nicht wert zu sein, beschenkt zu werden. Oder andere beschenken zu dürfen.

"Mir schenket uns nix" - wieder und wieder hat Christine Teufel diesen Satz in ihrer Geschenkboutique gehört. Oder "Mir habet ja eh schon alles". - "Wirklich?", fragt sie. Und gibt sich selbst die Antwort: "Ich habe den Eindruck, die Menschen haben zwar alles, aber sie haben nichts, was ihnen wirklich lieb und teuer wäre. Sie wollen immer nur billig; ihre Freunde und Kinder scheinen ihnen oft keine zehn Euro wert zu sein. Und sie sich selbst auch nicht."

Spirituelle Bedeutung

Und dann kommt Weihnachten, das Fest der Geschenke. Oder des "Geschenke-Terrors", wie viele finden. Vielleicht aber auch das Fest, das dazu Anlass gibt, einmal neu darüber nachzudenken, was es mit dem Schenken eigentlich auf sich hat. Von Albert Schweizer gibt es ein schönes Wort, das die tiefere Bedeutung von Schenken und Beschenktwerden auf den Punkt bringt: "Geschenke, die man sich gibt, sind Bilder Gottes, seiner Güte für uns." So bekommen Geschenke einen tiefen spirituellen Sinn: Sie erinnern daran, dass wir uns nicht selbst gemacht haben, sondern vom Leben mit Leben beschenkt worden sind. Eben das ist die Botschaft des Weihnachtsfests, das nicht zufällig ein Fest des Schenkens ist, erinnert es doch an die Geburt Jesu als das Geschenk Gottes an die Menschen; die Fleischwerdung seiner Liebe im neugeborenen Kind.

Wirklich? Nicht nötig?

Und die Weihnachtsgeschichte lehrt auch, wie Menschen auf das Geschenk der Liebe und des Lebens reagieren sollten: Mit Geschenken natürlich. Weihrauch, Gold und Myrrhe. Die drei Weisen aus dem Morgenland haben sich die Geschenke etwas kosten lassen, mit denen sie das Kind ehren wollten. Man stelle sich vor, Maria und Josef hätten die Gaben abgelehnt! "Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen!" - Unvorstellbar.

Die Geschichte der drei Weisen aus dem Morgenland zeigt, wie sehr Dank und Dankbarkeit beim Schenken ineinander greifen. Aus Dankbarkeit schenken die Männer, voll Dankbarkeit werden ihre Geschenke angenommen. Da sagt keiner "Mir schenket uns nichts" - denn da erwartet keiner vom anderen Gegenleistungen. Da wird nicht aus Kalkül geschenkt, sondern aus vollem Herzen. Und das Geschenk wird mit offenem Herzen angenommen. So wie die Kinder, die mit leuchtenden Augen vorm weihnachtlichen Gabentisch stehen. Und damit die Herzen der Erwachsenen erweichen. So, wie es Weihnachten sein soll. Schon der Literaturnobelpreis-Träger Paul Heyse sagte: "Die tiefste Wonne des Schenkens kann nur ein reifer Mensch auskosten, die tiefste Wonne des Beschenktwerdens nur ein Kind."
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