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Haushalt

Paradies ohne Plastik

von , am
26.02.2014

Sieben Wochen anders leben: ohne Kunststoff(verpackung). Das hatte sich Autorin Kirsten Westhuis im vorigen Jahr vorgenommen. Doch der Weg von der Idee bis zur leeren Mülltonne war weit.

Mitten im Müll: Was sonst in "Wertstoffmülltonne oder -sack" verschwindet, hat Kerstin Westhuis hier gut sichtbar ausgebreitet. © Rostami
Mitten im Müll:

Bolivien, Santa Cruz. Auf einer Reise mit Journalisten bin ich mit Pfarrer Jésus unterwegs. Die Menschen, die hier leben, haben von allem zu wenig. Nur Müll gibt es mehr als genug.

Zwei Tage später:

Hoch in den Anden besuchen wir den Bauern Andrés, der das karge Bergland bewässert und mit Methoden der biologischen Landwirtschaft urbar macht. Eine mühsame Arbeit. Der 40-jährige erntet blaue Kartoffeln, Mais und Quinoa. Er behandelt sein Stück Land wie den Garten Eden. Zwei gegensätzliche Eindrücke einer Reise, die mich nicht mehr loslassen.

Mitten im Konsum:

Zurück zu Hause. Jetzt fällt mir auf, wie sehr ich doch von Kunststoff umgeben bin. Und ich stoße auf erschreckende Zahlen: Es gibt so viel Plastik auf der Welt, dass man die Erde damit sechs Mal in Folie einwickeln könnte. Bis zu 450 Jahre dauert es, bis eine ganz gewöhnliche Einwegflasche sich im Meer aufgelöst hat.

Und ich? Wenn alles gut läuft, bin ich vielleicht 70 oder 80 Jahre hier. Und was bleibt von mir? Müll, Müll und nochmal Müll? Nein, das will ich nicht.
Mein Entschluss reift: Ich faste Plastik und will unsere Erde wieder so behandeln, wie sie es verdient: Als Schöpfung und als Paradies.

Aschermittwoch:
 
Los geht’s. Mein Vorsatz ist klar: Alle plastikhaltigen Gegenstände, die ich bereits angeschafft habe, wie zum Beispiel meine Brille, das Fahrrad und die Frischhaltebox, bleiben weiter in Nutzung. Alle verpackten Vorräte, die noch im Haus sind, verbrauche ich. Dann kaufe ich nichts Neues aus Plastik oder mit Plastikverpackung.

Erste Woche

Noch ist der Kühlschrank halbvoll. Ich muss also nicht einkaufen gehen. Ich putze das Badezimmer. Überall Plastik - vom Duschvorhang bis zur Putzmittelflasche, Duschgel, Zahnpasta, Bürste, Fön, Cremes und Tiegelchen.

Sogar die kleinen Mikropartikel im Gesichtspeeling sind aus Kunststoff. Sie rauschen bei jedem Waschen durch den Ausguss. Wo landen die am Ende? Im Meer. Der Fisch am Mittag will mir nicht mehr so richtig schmecken…

Bei meinem ersten Streifzug durch die Stadt bin ich sehr erfolgreich: Ich kaufe eine Seife ohne Verpackung. Es gibt sogar Shampoo am Stück. Auch Zahnputzpastillen im Pappschuber finde ich.

Zweite Woche

Der Kühlschrank ist leer. Ich muss einkaufen. Plastikfrei - versteht sich. Im Discounter und Supermarkt ist das nicht möglich. Ich muss bis übermorgen warten, denn dann ist Markt. Bis dahin gibt’s nur Brot mit Marmelade…

Zwei Tage später gehe ich mit Jutebeuteln und Frischhaltedosen bewaffnet auf den Markt. "Keine Plastiktüte bitte!", sage ich am Gemüsestand und reiche meine Tasche über den Tresen. Die Bäuerin lächelt mich an: "Klasse! Wer einen Beutel mitbringt, soll belohnt werden." Sie packt mir ein paar dicke Kartoffeln extra ein. Ich bin euphorisch. Erst recht als ich den Süßwarenstand entdecke. "Dann muss ich ja auf gar nichts verzichten", freue ich mich und kaufe eine Papiertüte voller Lakritze.

Am Käsestand herrscht ein bisschen Verwirrung. Ich habe meine Dosen zu spät ausgepackt, die Dame hatte bereits die Folie um den Käse gewickelt. Aber ich verbessere meine Taktik im Laufe der Zeit. Schon vor der Bestellung frage ich nach: "Ich möchte plastikfrei einkaufen und habe diese Dosen dabei, geht das bei Ihnen?" Damit mache ich gute Erfahrungen. Interesse und Wohlwollen bei vielen Marktleuten.

Im Bioladen decke ich mich mit Milchprodukten ein. Milch aus der Flasche. Quark im Pfandglas. Nun fehlen noch Nudeln und Reis. "Das sollte ja wohl kein Problem sein", denke ich. Pustekuchen. Die meisten Nudeln sind in Plastik verpackt oder die Tüte hat zumindest ein eingebautes Sichtfenster aus Folie.

Natürlich hab ich jetzt erst recht Lust auf Pasta. Was tun? Selbst ist das Nordlicht: Ich mache Spätzle. Wie müllfrei und schnell das doch geht. Hmm, köstlich! Ich wage gleich noch ein Experiment und mache Joghurt selber - gar nicht übel für den Anfang… Eine gute Einkaufsplanung und Selbermachen scheinen mir die wichtigsten Zutaten zum plastikfreien Leben zu sein. Das ist aufwändig und zeitraubend, aber das gehört zu meinem Fastenvorhaben dazu.

Dritte Woche

Ich ertappe ich mich dabei, wie ich im Zug völlig gedankenlos einen Kaffee bestelle. Die Milch gibt’s natürlich im Plastiktöpfchen. Na, so ganz angekommen bin ich wohl noch nicht in meinem Fastenvorhaben… Dafür weiß ich mittlerweile, welche Läden ich für den täglichen Bedarf ansteuern muss. Freunde und Nachbarn unterstützen mich. Auch im Fastenforum bei "Andere Zeiten" haben sich einige Leserinnen und Leser angeschlossen und tauschen Tipps aus. Im Fernsehen laufen gleich zwei Sendungen zum Thema Plastik. Die Informationen über Weichmacher und andere chemische Substanzen, die im Kunststoff stecken, spornen mich zum Durchhalten an.

Halbzeit:
 
Ich habe solche Lust auf Chips! Ich tigere um das Regal mit den Knabbersachen im Supermarkt. Nein, die gibt’s nicht in Papptüten. So ähnelt mein Fastenvorhaben doch dem klassischen Verzicht auf Dinge, die einem lieb und lecker geworden sind. Ich will durchhalten und tröste mich mit einem plastikverpackungsfreien Käsekuchen.

Vierte Woche

Der Plastikmülleimer ist leer. Schon seit über einer Woche. Ein tolles Gefühl! Nur Altpapier und ein kleiner Beutel Restmüll. Ich bin begeistert und trage die Pfandgläser zurück zum Bioladen.

Fünfte Woche

"Ein Glück, dass ich nicht Kaffee faste", denke ich jeden Morgen, wenn ich mir eine frische Tasse Kaffee im Andere-Zeiten-Haus aufbrühe. Bis eines Morgens die Kaffeedose leer ist… Ich nehme eine neue Packung Kaffee aus dem Vorratsschrank: in Plastikverpackung! Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht! Zum Glück kommt gerade meine Kollegin in die Küche. Ich bitte sie, den Kaffee in die Dose zufüllen und pfeife unschuldig vor mich hin. Das ist Wasser auf die Mühlen meiner Kritiker. "Du bist nicht konsequent genug! Außerdem bringt dein Plastikverzicht am Ende sowieso nichts. Pfandflaschen verbrauchen zu viel Wasser bei der Reinigung. Und in anderen Ländern gibt es noch viel mehr Müll."
Sechste Woche

Ich gebe mehr Geld aus für Lebensmittel als vorher. Aber: Ich brauche viel weniger davon, und es schmeckt alles viel besser. Ich merke, dass ich die Nahrung stärker wertschätze. Ich weiß ja, wie viel Aufwand darin steckt. Und ich denke an Andrés, den Andenbauer in Bolivien. Da kommt mir ein dankendes Tischgebet von ganz allein über die Lippen.

Ostersonntag

Mein Fazit nach "Sieben Wochen anders leben": Leben ohne Plastik ist nicht leicht. Und hundertprozentig habe ich das auch nicht geschafft. Toilettenpapier habe ich bis zuletzt nicht in Papierverpackung gefunden. Aber ich bin froh, dass ich es ausprobiert habe, weil mir bewusst geworden ist, dass ich meinen Konsum zum Großteil selbst in der Hand habe. Plastikfrei - das ist sehr schwer. Plastikarm - das mache ich weiter. So kann ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass unser Paradies nicht im Müll versinkt.
Aus: Andere Zeiten - Magazin zum Kirchenjahr 1/2014, Andere Zeiten e.V., www.anderezeiten.de
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