Login
Wi snackt platt

Plattdeutsch: Buermann erzählte Geschichten aus „Liwwelshusen“

Christian Mühlhausen
am
29.12.2016

Lippoldshäuser Platt? Das können heutzutage nur noch wenige sprechen. Ewald Bürmann (92) aus Lippoldshausen (Lkr. Göttingen) ist einer von ihnen.

Ewald Buermann an seinem Schreibtisch

Ewald Bürmann (92) aus Lippoldshausen im Landkreis Göttingen schreibt Geschichten auf Plattdeutsch, Lippoldshäuser Platt. Und diese Geschichten sorgen dafür, dass das ostfälische Platt der Region zumindest in Schriftform erhalten bleibt.

„Wenn wir nicht mehr sind, gibt’s kein Lippoldshäuser Platt mehr“, sagt Ewald Bürmann, während er in all den Zeitungsartikeln mit seinem Konterfei blättert.

In der Dorfschule Hochdeutsch statt Platt

Im Fachwerkdörfchen Lippoldshausen ist Ewald Bürmanns groß geworden. Hier sitzt er in der Küche seines Elternhauses und erzählt: „Ob zu Hause oder mit meinen Freunden – wir haben immer nur Plattdeutsch gesprochen.“ Das änderte sich, als er 1930 mit sechs Jahren in die Dorfschule kam. „Von heute auf morgen mussten wir Hochdeutsch reden und später auch schreiben – zumindest in der Schule.“

Sein Hochdeutsch konnte er bald gut gebrauchen. Bürmann absolvierte eine Maschinenschlosserlehrer bei den Henschel-Werken in Kassel. Obwohl die nordhessische Stadt nur 30 Kilometer von Lippoldshausen entfernt ist, findet man dort – heute wie damals – einen anderen Menschenschlag und einen anderen Dialekt.

Platt in der Stadt verachtet

In der Firma wurde allerdings Hochdeutsch gesprochen und das war auch gut so. „Die hätten mich sonst gar nicht verstanden.“ Und Hochdeutsch sprach Bürmann auch mit seinen Kumpels, wenn sie in die Stadt Hann. Münden „auf die Rolle“ gingen, um Mädchen kennenzulernen: „Platt wurde in der Stadt verachtet, man galt dann gleich als dummer Bauer.“

Hochdeutsch war auch von Vorteil, als Ewald Bürmann während seines Kriegseinsatzes bei der Luftwaffe mit Soldaten aus allen Landesteilen zusammengewürfelt war. Im August 1945 kam er nach Hause, arbeitete als Schlosser und betrieb nebenbei eine kleine Landwirtschaft.

Kein Enkel und Urenkel spricht mehr Plattdeutsch

Mit seiner Frau Grete, die er 1947 heiratete, hat er vier Kinder, und inzwischen neun Enkel und drei Urenkel – Plattdeutsch spricht keiner von ihnen. „Die, die es heute noch richtig sprechen können, kann ich an zwei Händen abzählen“, sagt Bürmann.

Das ostfälische Platt trat erst wieder in sein Leben, als vor zehn Jahren die Lokalzeitung eine wöchentliche Plattdeutsch-Rubrik startete. Bürmann schrieb die Kolumnen über die kleinen und großen Geschehnisse des Alltags. „Ich hab dann einfach so geschrieben, wie ich spreche.

“Viele Leser riefen in dieser Zeit bei ihm an, vor allem aus den Nachbardörfern, denn etliche Begriffe lauteten dort schon wieder anders: „Bei uns sagt man zum Beispiel zu einer Leiter ‚Laare‘, in anderen Orten aber ‚Lettere‘ oder ‚Leiere‘.“

Plattdeutsch digital?

Mit den plattdeutschen Geschichten ist jetzt Schluss, Bürmann hätte seine Beiträge künftig digital einreichen müssen: „Das fange ich auf meine alten Tage nicht mehr an“, stellt er klar, während er in seinen Kolumnen blättert und damit auch in seiner bewegten Lebensgeschichte. „Wir haben wirklich eine Menge erlebt“, sagt er und lächelt.

Dieser Beitrag ist Teil des Spezials "Wi snackt platt" in der Januar/Februar 2017-Ausgabe von ECHT.Niedersachsen (www.echt-niedersachsen.de). Hier unter landundforst.de bringen wir zurzeit regelmäßig Beiträge aus diesem Spezial, in dem niedersächsische Plattdeutsch-Experten vorgestellt werden.

Auch interessant