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Familie

Plötzlich Landwirtin

von , am
04.06.2014

Ist das möglich, nach nur drei Monaten Lehrgang den landwirtschaftlichen Berufsabschluss in der Tasche zu haben? Ja. Charlotte Wolframm aus dem Landkreis Diepholz erzählt, wie sie es geschafft hat.

Über Umwege zur Landwirtschaft gekommen - und nicht bereut: Charlotte Wolframm. © Wolframm

Vor ein paar Tagen machten mein Mann und ich während eines Spaziergangs Halt an einer Weide. "Die Kuh hat vorn ein dickes Kniegelenk", sagte mein Mann. "Vorderfußwurzelgelenk", verbesserte ich ihn automatisch - und war von mir selbst erstaunt. Vor einem halben Jahr wusste ich noch nicht einmal, dass Trockensteher Kühe sind, die in den Wochen vorm Kalben nicht gemolken werden. Doch mit dem Lehrgang der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen, der mich und 16 andere Teilnehmer auf die landwirtschaftliche Abschlussprüfung vorbereitete, habe ich mir in wenigen Wochen viel Wissen angeeignet.

Und das, obwohl ich vor ein paar Jahren noch dachte, Landwirtschaft sei nichts für mich. Auf dem Betrieb meiner Eltern in Borwede (Landkreis Diepholz) mit gut 60 Hektar Ackerland und rund 1.110 Schweinemastplätzen habe ich zwar immer geholfen. Den Hof zu übernehmen kam für mich aber nicht in Frage. Statt dessen habe ich nach dem Abitur Journalistik studiert und anschließend als Volontärin und Redakteurin gearbeitet.

Von Grund auf Geändert haben sich meine Prioritäten vor zwei Jahren: Mit Kind und Mann bin ich nach Borwede zurückgekehrt und mir war klar: Ich möchte auf unserem Hof nicht nur aushelfen und ausführen, ich möchte auch verstehen, wie die Landwirtschaft funktioniert. Von Grund auf. Von Grund auf hieß für mich: Das Lernen soll sich an der normalen Ausbildung orientieren - wie es der Vorbereitungskurs für Quereinsteiger vorsieht. Durch meine praktischen Erfahrungen habe ich die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt, die Bewerbung bei der LWK war ganz einfach und der Fahrplan klar: Im Dezember drei Wochen die Themen Rinderhaltung und Nutztierfütterung im Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Echem, im Januar eine Woche Schweinehaltung an der Überbetrieblichen Aus- und Weiterbildungsstätte Wehnen, anschließend sieben Wochen Agrartechnik und -wirtschaft an der Deula in Nienburg. Unterricht acht Stunden am Tag und im Anschluss die Abschlussprüfung. Ich hatte alle Infos. Aber ob ich wusste, worauf ich mich einlasse?

Viel Wissen in kurzer Zeit

Wer die Ausbildung zum Landwirt durchlaufen hat, kann sich vorstellen, wie viel Stoff innerhalb von drei Monaten vermittelt wurde - nicht nur in den Bereichen, die ich schon aus der praktischen Arbeit kannte. Rinderhaltung, Grünland oder auch Maisanbau waren totales Neuland für mich. Doch Abschalten bei Themen, die ich heute, in der praktischen Arbeit, nicht brauche, kam nicht in Frage. Denn ich habe schnell festgestellt: Immer wieder lassen sich Verbindungen herstellen, ob bei der Düngung oder bei der Tierfütterung. Schnell kamen bei völlig neuen Themen die "Aha"-Effekte - und damit die Motivation, weiterzulernen. Dazu beigetragen hat auch die Verbindung von Theorie und Praxis: Was wir im Seminarraum gelernt haben, konnten wir gleich in die Praxis umsetzen.

Das Lernen wesentlich einfacher gemacht hat auch die Teilnehmergruppe. Wir waren 17 Leute im Alter von 25 bis 50 Jahren aus allen Teilen Niedersachsens und auch aus Schleswig-Holstein. Und wir kamen aus unterschiedlichen Berufen. Auch unsere Betriebe spiegelten eine große Bandbreite der Landwirtschaft wider. So kannte sich jeder in einem anderen Bereich gut aus. Wir haben uns geholfen und uns motiviert.

Über längere Zeit abschalten: Das ist bei diesem Vorbereitungskurs auf die Abschlussprüfung nicht möglich. Die Themen werden im Schnelldurchlauf besprochen. Die Ausbilder in Echem, Wehnen und Nienburg beantworteten alle Fragen, auch nach dem offiziellen Unterrichtsende - doch ein Grundverständnis für Ackerbau, Grünland und Nutztierhaltung war Voraussetzung, um mitzukommen und in der Lage zu sein, sich Zusammenhänge selbst zu erarbeiten.

Für mich wäre die Alternative

zum dreimonatigen Kurs, die Teilzeitvorbereitung über zwei Jahre, nicht in Frage gekommen. Denn wie schnell Gelerntes, das ich nicht täglich anwende, wieder weg sein kann, habe ich auch während des Spaziergangs festgestellt: Bei der Unkraut-Bestimmung an einem Feld musste ich meine Smartphone-App zu Hilfe nehmen, um den Ehrenpreis zu identifizieren.  
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