Login
Familie

Die Plünderung rettet den Hof

von , am
03.09.2014

Es ist 1945: Die Siegermächte besiegeln mit dem Potsdamer Abkommen die Aufteilung Deutschlands. Dem Rittergut Besenhausen im Dreiländereck droht die Teilung. Der Gutsherr verhandelt mit den Besatzern und wirft alles in die Waagschale.

Dieses Schild macht auf die ehemalige Grenze aufmerksam. © Mitze

Sanft umspielt die Leine den Gutshof im Tal. Im morgendlichen Zwielicht ragen ein Glockenturm und ausladende Ziegeldächer aus dem sich umgebenden Grün. Ein Schild an der Landstraße zwischen Göttingen und dem thüringischen Heilbad Heiligenstadt weist zum Rittergut Besenhausen, einer Touristenattraktion.

Viele Besucher finden im Sommer den Weg in diesen südlichsten Zipfel Niedersachsens. Sie kommen ungehindert über thüringische und hessische Grenzen und genießen im Hofcafé, im Schatten einer großen Linde den Blick auf das ländliche Idyll: Gänse, die im Hofteich baden, in den Sommermonaten Kulturelles im ehemaligen Schafstall, eine Handweberei in der ehemaligen Zuckerfabrik, das von Rosen umrankte Gutshaus und etwas weiter die alte Mühle, zu Wohnungen umgebaut. Statt des alten Wasserrades versorgt heute eine Turbine Haus und Hof mit elektrischer Energie.

Der Frieden, der von diesem Ort ausgeht, lässt nicht erahnen, dass dieser über die Jahrhunderte immer wieder zum Streitfall zwischen den Regierungen wurde. Grenzsteine aus dem Jahre 1743, die die hannoversche Wolfsangel auf der einen und das Mainzer Rad sowie das "KP" des Königreichs Preußen auf der anderen Seite tragen, zeugen von einer historischen Grenze, die über das Gutsgelände verläuft. Wohn- und Wirtschaftsgebäude lagen dem Grenzverlauf zufolge mit einem kleinen Landanteil und einem Waldgrundstück auf der kurmainzisch Eichsfelder Seite (seit 1803 zu Preußen gehörig), die größere landwirtschaftliche Fläche mit den Mühlengebäuden und einem weiteren Waldeigentum auf der hannoverschen.

Mit der Grenzziehung vor mehr als 250 Jahren kehrte Ruhe ein, und für das Leben in Besenhausen war die Trennlinie ohne Belang - bis zum Juli 1945. Die Siegermächte verhandelten in Potsdam über die geographische Neuordnung Deutschlands. Welche Provinz schließlich in wessen Hände fallen sollte, blieb zunächst unklar. Sicher war nur, dass die Demarkationslinie den Gutsbetrieb teilen würde. Das wusste auch der damalige Eigentümer, Friedrich-Wilhelm Freiherr von Winzingerode-Knorr. In der Region war er ein einflussreicher Mann, als Amtsvorsteher für die Geschicke der umliegenden Ortschaften verantwortlich. Als der Potsdamer Beschluss gefallen und Wohn- und Wirtschaftsteil Besenhausens russisch besetzt wurden, verhandelte er mit den russischen und englischen Kommandanten vor Ort. Die Verhandlungen begannen mit der russischen Besetzung von Besenhausen am 1. Juli  und endeten mit dem russichen Rückzug am 15. September. "Das Resultat ist nahezu einmalig in der Geschichte", erzählt der Seniorchef des Gutsbetriebes, Detlef Flechtner.

Drei Tage Plünderung

Der russische Kommandant willigte ein, die Demarkationslinie und heutige Landesgrenze auf die östliche Eigentumsgrenze des Gutes zu verschieben. Ohne Feldverlust und eine sonst sichere Zerstörung der im Grenzstreifen liegenden historischen Gebäude, lag ganz Besenhausen nun auf britischer Seite. Ebenfalls in den westlichen Sektor gelangte eine kleinere Ackerfläche, deren Eigentümer im benachbarten thüringischen Dorf Kirchgandern lebten. Damals vereinbarten sie mit der Gutsleitung eine Pacht, die sie in den Jahrzehnten der Teilung auf Sperrkonten erhielten. Lediglich ein 30 Hektar großer Waldbesitz, der tiefer im russischen Sektor lag, wurde ersatzlos enteignet.

"Die Grenzverschiebung wurde per Handschlag besiegelt und mit ein paar Bohnenstangen, die den neuen Grenzverlauf anzeigten", sagt Flechtner und schmunzelt. Für das Zugeständnis lieferte der Baron den russischen Machthabern gute Argumente: der Krieg hatte die Region ausgeblutet, das Gut mit seinen großen Ländereien musste für die Versorgung der notleidenden Bevölkerung sorgen. Das wäre im Falle einer Teilung unmöglich geworden. Überzeugen ließ sich der russische Kommandant wohl aber schließlich von der Aussicht, auch für die Versorgung der roten Armee etwas herausschlagen zu können. Hab und Gut des Hofes wurden der Preis für eine Zukunft im Westen. Drei Tage durften russische Soldaten plündern. Sie nahmen, was die dort lebenden Menschen in der kurzen, ihnen verbleibenden Zeit nicht hatten in Sicherheit schaffen können - die Getreidevorräte, landwirtschaftliches Gerät, das Vieh, die Möbel.

Das Tor zur Freiheit


So schmerzlich der Verlust auch war: der Hof war gerettet, der Wiederaufbau konnte beginnen. Die Besenhäuser sahen sich von nun an einer Grenze gegenüber, die sie vom russisch besetzten Kirchgandern trennte. Bis etwa 1952 war diese trotz verschiedener Grenzkontrollen durchlässig. Täglich nutzten dies Kirchganderner Bauern, um ihre Flächen im Westen zu bewirtschaften oder als Landarbeiter ihrer Beschäftigung auf dem Gutsbetrieb nachzugehen. Und für unzählige Menschen wurde dieser Abschnitt zum "Tor der Freiheit", wie auf einem Stein am alten Übergang zu lesen ist: Flüchtlinge, ehemalige Kriegsgefangene und Vertriebene - 2,5 Millionen passierten den Grenzübergang auf der kleinen Landstraße zwischen Besenhausen und Kirchgandern, um zum Grenzdurchgangslager im nahegelegenen Friedland zu gelangen. Noch heute befindet sich dort das wichtigste Erstaufnahmelager für Menschen auf der Flucht aus vielen Ländern der Erde.

Bis zum Mai 1952 brach der Menschenstrom nicht ab. Dann aber beschlossen die östlichen Machthaber, der Freiheit ein Ende zu setzen. Die Teilung Deutschlands wurde mit der endgültigen Schließung der Sektorengrenze besiegelt. Abrupt endete von da an die Straße oberhalb des Rittergutes an einem Schlagbaum und dem Schild mit der Aufschrift "Halt hier Zonengrenze". Und in den folgenden Jahrzehnten ergriffen die russischen Besatzer immer perfidere Sicherungsmaßnahmen: eine 500-m-Schutzzone, die 5-km-Sperrzone, Bodenminen, Signalzäune, Wachtürme, Erdbunker, später sogar Splitterminen und Selbstschussanlagen. Das Leben im Angesicht dieser Grenze lernte Detlef Flechtner als Wirtschafter und Ehemann der Enkelin des Baron v. Wintzingerode, Antoinette, geb. v. Klitzing, kennen, als er in den 60er-Jahren nach Besenhausen kam. Bedrohlich? "Nein, das war es nicht, man lebte damit, arrangierte sich mit den Lebensumständen, die damals unabänderlich waren", sagt der heute 75-Jährige. Vom Leben auf der anderen Seite waren die Besenhäuser weitgehend abgeschnitten. "Nur die Kirchturmspitze und einige Häuser Kirchganderns waren zu sehen, manchmal die Leute drüben auf den Feldern und von Zeit zu Zeit fanden wir eine Flaschenpost im Rechen unserer Leinemühle." Die haben meist Adressen von jungen Menschen enthalten, die eine Brieffreundschaft im Westen suchten. "Meine Kinder haben sie immer beantwortet", erzählt Flechtner. Einige Male sei es jungen Burschen gelungen, durch die Leine auf das Gut zu flüchten. "Sie bekamen trockene Hosen und wurden dann vom Bundesgrenzschutz übernommen."

Getrennt und doch verbunden

Gesten, die alle Grenzen überwinden, und die eine ungebrochene Verbundenheit ausdrückten, bekundeten auch die Bewohner der grenznahen westlichen Ortschaften. Detlev Flechtner erinnert sich: "Wenn Kirmes gefeiert wurde, zog die Blaskapelle direkt an die Grenze und spielte kräftig auf und sie konnten sicher sein, dass ihre Musik dort drüben gehört wurde." Anteil nahmen sie auch, wenn auf dem Kirchganderner Friedhof, der dicht am Grenzzaun lag, eine Beerdigung begangen wurde. "Dann erschienen die westlichen Angehörigen mit schwarzen Anzügen am Grenzzaun." Heute, mehr als 60 Jahre nach dem Bau der Grenze, passieren die Besucher des Rittergutes die thüringisch-niedersächsische Grenze fast ohne es zu bemerken. Doch ein Schild am Straßenrand in Sichtweite zum Gutshof bewahrt sie vor dieser Unachtsamkeit. In großen Lettern weist es auf ein noch junges, schicksalhaftes Datum hin: "Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. November 1989 um 6 Uhr getrennt". Es ist ein Tag, der sich den hier lebenden Menschen tief ins Gedächtnis gebrannt hat. Damals hatten sie sich in aller Frühe voller Erwartung auf beiden Seiten des Zaunes versammelt. Als die Grenzbeamten die Schlagbäume öffneten, strömten sie aufeinander zu, fremde Menschen fielen sich in die Arme, luden sich gegenseitig ein, manche feierten ein Wiedersehen nach 40 Jahren. Auch die Gutsfamilie Flechtner öffnete ihre Türen und hieß viele willkommen. "Es war eine unbeschreibliche Freude, die wir niemals vergessen werden."

Die Euphorie ließ die Menschen lange nicht los. Selbst der Grenzabbau, für den die Bewohner in Ost und West gemeinsam anpackten, geriet zu einem Volksfest. "Als die Grenzposten, die zuerst zögerlich waren, ihre Unsicherheit verloren, wiesen wir uns an der Kontrollstelle nicht mehr mit dem Pass, sondern mit einem 17er Schraubenschlüssel aus", erinnert sich der Besenhäuser lächelnd. "Den brauchten wir, um die Grenzbefestigungen abzuschrauben."
 
Serienstart
Der 9. November 1989 hat sich vielen Deutschen ins Gedächtnis gebrannt als der Tag, an dem die Mauer fiel. Am 3. Oktober 1990 war dann der offizielle Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Zwei Jubiläen werden nun gefeiert: 25 Jahre Mauerfall in 2014 und 25 Jahre Wiedervereinigung im kommenden Jahr. Seit der Vereinigung ist viel passiert. In der nächsten Ausgabe und in den Wochen danach stellen wir Ihnen in einer Serie verschiedene Landwirte und ihre Familien vor, die von Niedersachsen aus in die ehemalige DDR gezogen sind, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Warum haben sie sich zu diesem Schritt entschlossen, wie ist es ihnen ergangen? Die LAND & Forst geht diesen Fragen nach.
Auch interessant