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Familie

Die rosa Welle

von , am
29.04.2014

Prinzessin Lillifee schickt eine rosa Welle in die Herzen der Mädchen und „Bob der Baumeister“ begeistert die Jungs. Die Rollen sind also klar verteilt. Hat das Einfluss auf die Sozialisation von Mädchen und Jungen?

Die Farbe blau ist für Jungen, rosa für Mädchen. Oft sind nicht nur die Farben, sondern auch die Rollen klar verteilt. Welche Nachteile kann das für die Entwicklung haben? © Wiener
 
Zum pinkfarbenen Rüschenblüschen trägt Hanna rosa Jeans und Turnschuhe. Hannas rosa Fahrrad ziert ein rosa Fähnchen. "Da ist Prinzessin Lillifee drauf", strahlt die Fünfjährige. "Eben typisch Mädchen", meinen ihre Eltern. Ärgerlich finden sie nur, dass Hannas zwei Jahre jüngerer Bruder die abgelegte Kleidung ihrer "Großen" nicht auftragen kann. Joel in rosa Jeans? Unvorstellbar! Mutter Judith musste sich in der Krabbelgruppe schon fragen lassen, "Wieso ziehst Du einem Jungen denn eine rote Jacke an?" Dabei schwärmt Joel ansonsten "vorschriftsmäßig" für Bob den Baumeister.

Hannas rosa-pinkfarbenes Lego-Spielset für Mädchen lässt er links liegen. Dort pflegen die hyperschlanken Girls mit den großen Kulleraugen sich im Schönheitssalon, sitzen im Café, sonnen sich am Pool oder kümmern sich um Haustiere.

Und die Entwicklung spezieller Überraschungseier für Mädchen begründet die Firma Ferrero auf Nachfrage mit "Ergebnissen aus der Marktforschung". Die hätten gezeigt, "dass Mädchen eben auch mal klassische Mädchensachen wie Ringe und Puppen wünschen. Würde ein Junge einen solchen Inhalt bekommen, wäre er wahrscheinlich enttäuscht", so die Pressestelle.

Rollen werden schon früh verteilt


Pädagogik-Experten halten die "rosa-blaue Welle" nicht für eine harmlose Phase, die irgendwann einfach verebbt. Sie bemängeln, dass Mädchen so auf Themen wie Schönheit, Mode, Fürsorge und soziale Kontakte "geeicht" und spielerisch auf eine klassische Frauenrolle und ein superschlankes Körperbild festgelegt werden.

Auch Jungen erhalten aus ihrer Sicht schon zu früh eine Rollenzuschreibung, der sie womöglich gar nicht gewachsen sind: Cool, sportlich, mutig und technisch versiert sollen sie sein. Und wenn sie das nicht sind? Dann ist "Mädchen" auf dem Schulhof immer noch ein Schimpfwort.

Buchautor Sascha Verlan sieht die Gefahr, dass Kinder viel zu früh mit der Erwachsenenwelt konfrontiert werden und nicht mehr frei ausprobieren können, was sie selbst gern tun und wie sie sein wollen. "Auf jedem Werbeplakat, in jeder Werbesendung im Fernsehen wird unseren Kindern gezeigt, wie sie zu sein haben, als Junge und Mädchen, als Mann oder als Frau. Die Grenzen werden enger", beobachtet der Vater von zwei Töchtern und einem Sohn seit etwa zehn Jahren.

"Wie soll ein Junge ein fürsorglicher Mensch werden, wenn von allen Seiten propagiert wird, dass Jungen wild, raubeinig und durchsetzungsstark zu sein haben oder gar ‚von Natur aus‘ sind. Und wie sollen Mädchen, für die ein Versandhaus ein rosa T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Im Mathe bin ich Deko‘ kreierte, sich von der Selbsteinrede befreien, dass Mathe und Technik nun mal nichts für sie sei?", fragt Sascha Verlan.

Was Eltern dagegen tun können

Gegen die rosa Welle anzuschwimmen ist für Eltern eine echte Herausforderung, weiß Sascha Verlan. Auch wenn er und seine Frau kein Patentrezept haben, hält er das elterliche Vorbild und die kritische Reflexion der eigenen Rollenbilder für wichtig.

Der Vater, der auch in der Küche und die Mutter, die selbstverständlich im Beruf steht, können prägende Gegen-Bilder sein. Auch den Versuch, schon Kindern bewusst zu machen, wie Werbung funktioniert, hält er für vielversprechend.
Damit "Kinder Kinder sein können und nicht per rosa-blauer Welle in die Erwachsenenwelt gespült werden", hält Sascha Verlan zudem weitgehende Medienabstinenz und bewussten Konsum für hilfreich. "Muss man mit Fünfjährigen schon shoppen gehen?", fragt er.

Die Sorge, dass ein Kind zum Außenseiter wird, wenn es nicht auf der geschlechterspezifischen Welle mit schwimmt, teilt er nicht: "Kinder halten viel mehr aus, als uns eingeredet wird und sie sind nicht so grausam, wie manche Eltern befürchten."

Buchtipps

Die Rosa-Hellblau-Falle: Für eine Kindheit ohne Rollenklischees, Almut Schnerring und Sascha Verlan, Kunstmann Verlag 2014, 256 Seiten, 16,95 €,
ISBN: 978-3888979385

Ich hasse Rosa!, Nathalie Hense, Verlagshaus Edmund Jacoby, 2009, leider nur noch gebraucht erhältlich: ab 4,83 € auf www.amazon.de  
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