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Von Rotwild, Milch und Schafen

von , am
04.03.2015

Ans andere Ende der Welt zog es im Februar die 34 Teilnehmer der jüngsten Leserreise der LAND & Forst. Die Reise führte von der Südinsel mit den schneebedeckten neuseeländischen Alpen bis in den tropischen Regenwald der Nordinsel.

Die Weideflächen der meisten Farmen umgeben die Melkstände sternförmig. © Brüggemann

Neuseeland erstreckt sich von Nord nach Süd über 1.600 km und misst an der breitesten Stelle 450 km. Hier wohnen rund 4,5 Mio. "Kiwis", wie sich die Neuseeländer selbst nennen. Bei 30 Mio. Schafen kommen etwa sieben Schafe auf einen Einwohner. Die Landwirtschaft hat einen hohen Stellenwert und gehört neben dem Tourismus zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen des Landes. Landwirtschaftliche Produkte machen etwa 55 Prozent des Exportes aus, ein Drittel davon sind Milchprodukte. Die landwirtschaftliche Nutzfläche beträgt 14,4 Mio. ha, davon sind 10,6 Mio. ha Weideland.

Auf der Nordinsel fällt kein Schnee, es gibt nur etwas Bodenfrost, sodass zwei Ernten möglich sind. Die ursprüngliche Landschaft wurde in den vergangenen Jahrhunderten durch aufkommende Weidewirtschaft stark verändert und viele Wälder abgeholzt. Heute forstet man Berghänge wieder auf.

Von Christchurch führte die Reise zunächst nach Süden durch die Canterbury Plains, eine flache, fruchtbare Ebene, die von großen Hecken durchzogen ist. Die südlichen Winde sind, von der nur 3.000 km entfernten Antarktis kommend, ziemlich kalt. So sind auch im Sommer von einem auf den anderen Tag Temperaturstürze bis auf null Grad Celsius möglich. Um die Tiere vor diesen extremen Temperaturen zu schützen, wurden die Hecken angelegt.

Wie uns Schafhalter Andrew Young in Tapanui erzählte, hat er vor Jahren bei einem anhaltenden Schneesturm 1.700 Lämmer verloren. Er hält auf seiner 340 ha großen Farm 2.400 Mutterschafe der in Neuseeland weit verbreiteten Fleischrassen Romney und Perendale. Sein Lammfleisch exportiert er hauptsächlich nach Europa. Dafür bekommt er derzeit 3,60 €/kg, während die Wolle der Schafe gerade mal die Kosten für das Scheren deckt.

Die ursprüngliche Natur Neuseelands wurde durch von Menschen eingeführte Pflanzen und Tiere belastet. So ist es auch mit dem Rotwild. Es gilt in Neuseeland wie Ratten oder das Opossum als Schädling und darf ohne Einschränkung ganzjährig bejagt werden. Findige Landwirte fingen die Tiere vor einigen Jahren in den Bergen und setzten sie in Gehegen von Farmen ab. So hat sich auch die Mount Hutt-Station von einer Schaf- zu einer Rotwildfarm gewandelt. Auf 3.200 ha werden heute 11.000 Hirsche gehalten, wie uns Besitzer Keith Hood berichtet. Im Betrieb werden jährlich etwa 1.000 Tiere geschlachtet, 80 Prozent des Fleisches wird nach Deutschland exportiert. 2.000 Tiere werden für die momentan noch lukrativere Geweihproduktion gehalten. Während Fleisch derzeit umgerechnet 5,40 bis 6,00 €/kg erlöst, wird für das Geweih 50 bis 100 €/kg bezahlt. Es wird vorwiegend als Potenzmittel nach Korea verkauft.

Grant Wills hält auf seinem Milchviehbetrieb 650 Milchkühe auf 240 ha. In Neuseeland stehen die Melkstände mitten in den Weideflächen und sind von diesen sternförmig umgeben. In seinem 44er-Swing-Over-Melkstand werden 650 Kühe in 1,5 Stunden gemolken. Die Milchleistung liegt im Schnitt bei 430 kg TS pro Jahr, was 4.500 l/Jahr entspricht. Da in Neuseeland 95 Prozent der Milch getrocknet wird, erfolgt die Abrechnung auch nach Trockensubstanz. Wills betreibt mit einem Partner das sogenannte Sharemilking, wo dem einen das Land, dem anderen die Herde gehört.

John und Richard Rowe halten auf ihrem 910 ha großen Betrieb "Merchiston Angus" 300 Angus-Zuchtrinder und deren Nachzucht. Diese teilen sich die Weideflächen mit 3.500 Mutterschafen. Die Tiere bekommen nur Gras und Heu, die produzierten Zuchtbullen werden für 4.000 bis 20.000 €/Tier verkauft. Hier trafen wir Mel Poulton von Beef + Lamb New Zea-land, einer Organisation, der alle 25.000 Schaf- und Fleisch-rindfarmer des Landes angehören. Ihr Hauptziel ist die Fleischvermarktung, 90 Prozent der Fleischprodukte werden exportiert. Neuseeland wird zukünftig weniger Schafe produzieren, dafür mehr Obst, Wein, Holz und Milch.

In Auckland trafen wir Dr. Jakob Kleinmans, der für die Firma Pioneer vor neun Jahren von Buxtehude aus nach Neuseeland übersiedelte. Die Diskussion mit ihm war besonders spannend, da er die Unterschiede deutscher und neuseeländischer Landwirtschaft genau kennt. Mais ist in Deutschland eine bewährte und traditionelle Futterpflanze. In Neuseeland wurde der Silomaisanbau erst vor etwa 20 Jahren etabliert und ist in den Milchviehbetrieben noch nicht selbstverständlich. "Weide ist immer noch die vorherrschende Futtergrundlage und wird erst allmählich durch andere Futtermittel ergänzt. Da die neuseeländische Regierung die Milchproduktion bis 2025 verdoppeln will, gilt es, die Betriebe auf eine erfolgreiche Verwendung von Mais vorzubereiten. Denn die Produktion von Gras in der Weidewirtschaft stößt an ihre Grenzen und eine zusätzliche Milchproduktion kann nur über zusätzlichen Futtereinsatz erzielt werden", erläuterte Kleinmans. Neuseeland habe noch viele Möglichkeiten, die Milchproduktion zu steigern.
 
"Die Herausforderung besteht darin, das umweltverträglich hinzukriegen", betonte er. Der Besuch weiterer Farmen mit Holz-, Kiwi- und Weinproduktion rundete unsere Reise ab. Wir erfuhren, dass es doch einige Unterschiede zu unserer heimischen Landwirtschaft gibt. So erhalten die neuseeländischen Landwirte keine staatliche Unterstützung und müssen ihre Farmen von den Vorgängern kaufen. Daher sind die meisten Landwirte verschuldet und werden erst mit der Betriebsübergabe wieder schuldenfrei. Dennoch können wir jetzt nachvollziehen, dass Neuseeland für viele Menschen der letzte "Sehnsuchtsort unseres Planeten" ist.
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