Login
Gesundheit & Ernährung

Schatzsucher im Gemüsebeet

von , am
19.11.2014

Die hochstielige "Ostfriesische Palme" galt bereits als verschollen. Sie und viele andere alte Grünkohl- und Gemüsesorten hat Reinhard Lühring wiedergefunden - und erhält sie für nachfolgende Generationen.

Deftiger Braunkohl und Beilagen köcheln im Dutch-Oven direkt in der Glut. © Venatus
 
Die Voraussetzungen waren nicht gerade günstig, als Reinhard Lühring 1995 nach seinem Agrarstudium in Witzenhausen in sein  Heimatdorf Schatteburg (Rhauderfehn) im Kreis Leer zurückkehrte. Sein Plan war, alte ostfriesische Gemüsesorten aufzufinden und zu erhalten. Das fiel in eine Zeit, in der immer mehr Familien auf dem Land ihre Gemüsegärten aufgaben. Doch der Landwirt ließ sich nicht beirren: "Ich habe trotzdem einfach angefangen", erzählt er.

Wie ein Schatzsucher zog der heute 46-Jährige über Land und guckte über die Gartenzäune in die Gemüsebeete. "Wenn da Grünkohl, Bohnen oder Erbsen wuchsen, habe ich die Leute angesprochen", berichtet er. Meist sind es ältere Menschen, die die alten Landsorten anbauen und vermehren. Lühring: "Die Bauernfamilien hatten seit jeher eine Beziehung zum Grünkohl - für die Küche, aber auch als Futterpflanze." Sie haben ihn angebaut, die Kultur gepflegt, geerntet, aber auch Samen gezogen und im nächsten Frühjahr wieder ausgesät. Die Selbstversorger schätzten diesen Kohl, weil er neben dem Porree das einzige frische Blattgemüse des Winters war.  

Vom Aussterben bedroht

Ihr Wissen gaben sie an die nachfolgenden Generationen weiter. Doch oft hatten die Kinder kein Interesse mehr dafür. Strukturwandel und neue Konsumgewohnheiten taten ein Übriges. Und so wäre es wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, dass irgendwann die alten Sorten ausgestorben wären. Die "Ostfriesische Palme" galt bereits als verschollen, doch Lühring hob den Schatz. Insgesamt hat er 25 alte Grünkohlsorten und rund 200 regionaltypische Gemüsesorten und -arten wiederentdeckt.

"Mittlerweile ist die Gesellschaft sensibler geworden für gesunde Ernährung", sagt Lühring. Erst kam die Bio-Welle, inzwischen sind wir auf einem neuen Niveau. Heute wünschen sich viele Verbraucher mehr Geschmacksvielfalt. Und das bieten die verschiedenen Grünkohlsorten.

Lühring berichtet: "Zu mir kommen zunehmend Leute, die Saatgut kaufen, weil sie sich selbst versorgen wollen, aber auch, um ihren Kindern zu zeigen, wie man Gemüse anbaut und erntet. Gestresste Menschen finden Ruhe und Erholung bei  der Gartenarbeit und beim Gemüseanbau - das bietet ihnen neue Lebensqualität." Auch das Bewusstsein regionaler Identität komme hinzu. Lühring ist zuversichtlich: "Der nächste Schritt ist, dass die Leute auch wieder selbst Saatgut züchten." Interessant für Privatgärtner sind auch Lührings Freilandtomaten-Projekte. Ziel sind Sorten, die auch in Ostfriesland ohne Krautfäule durch die Saison kommen.

Der Landwirt steht zum Glück nicht allein da. Als "Dreschflegel GbR" vermarkten er und weitere 13 Berufskollegen ihr Saatgut bundesweit gemeinsam. Zweimal im Jahr tauschen sie Erfahrungen und Infos aus, außerdem gibt es Ackertreffen und spezielle Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen.

Mitstreiter gesucht

Für sein Projekt zur Sicherung alter Gemüsesorten sucht  Reinhard Lühring noch Mitstreiter. "Optimal wäre es, wenn auch wieder jüngere Leute Lust bekommen, einzelne Sorten zu erhalten."
 
Wer noch alte Sorten im Garten hat oder damit beginnen möchte, alte Sorten zu erhalten, kann sich gern bei ihm melden unter: r.luehring@gmx.net
Auch interessant