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Familie

Schlechte Noten fürs Sitzenbleiben

von , am
19.02.2013

Die rot-grüne Landesregierung will das Sitzenbleiben in Niedersachsen abschaffen. Der Diplom-Pädagoge und Schulberater Detlef Träbert hält das für richtig - und er hat auch gute Gründe dafür.

Sitzenbleiben abschaffen - ja oder nein? Wir haben nachgefragt. © Päschel
"Da musste ich mich erst einmal setzen", erzählte Frau R., als sie bei mir im Beratungszimmer saß. "Obwohl ich es vorher schon wusste, denn die Noten in Englisch und Mathematik waren ja schon das ganze Schuljahr über schlecht gewesen. Der Klassenlehrer hatte mir außerdem vor sechs Wochen bereits gesagt, dass jetzt wohl nichts mehr zu machen wäre. Aber man hofft doch immer bis zum Schluss, und als ich das Zeugnis dann schwarz auf weiß sah..." Jetzt konnte Frau R. die Tränen nicht mehr zurückhalten und musste ihren Bericht unterbrechen.

Wenn es schon für Eltern hart ist zu erleben, dass ihr Kind sitzenbleibt, wie hart ist es dann erst für das Kind selbst? Viele Kinder und Jugendliche empfinden die "Ehrenrunde", wie sie ironisch genannt wird, als eine Art seelischen Super-GAU, mit dem sie nicht nur ihre Leistungen, sondern auch sich selbst als Person abgewertet erleben.
In Niedersachsen betraf das 2011 rund 14.000 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5 bis 10, exakt drei Prozent. An Grundschulen und in der Sekundarstufe II liegen die Zahlen niedriger.

Zehn Jahre zuvor betrug die Wiederholerquote für alle Schulstufen und -arten zusammen noch 3,8 Prozent. Auch bundesweit sind die Zahlen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, nicht zuletzt deswegen, weil das Sitzenbleiben mancherorts bereits abgeschafft worden ist wie in Hamburg. In Rheinland-Pfalz kann man nur in weiterführenden Schulen nicht versetzt werden, in Bremen erst ab Klasse 8 und in Berlin nur noch in Gymnasien.

Weniger motiviert?

Befürworter des Sitzenbleibens befürchten, dass die Lernmotivation von Schülerinnen und Schülern nachlassen könnte, wenn die Drohung mit der Klassenwiederholung fehlt. Für diese Sorge gibt es jedoch keinen wissenschaftlichen Beleg, im Gegenteil. In der 2009 veröffentlichten Studie des Bildungsökonomen Klaus Klemm, die er für die Bertelsmann-Stiftung erarbeitet hatte, heißt es: "Klassenwiederholungen führen
weder bei den sitzengebliebenen Schülerinnen und Schülern zu einer Verbesserung ihrer kognitiven Entwicklung, noch profitieren die im ursprünglichen Klassenverband verbliebenen Schülerinnen und Schüler von diesem Instrument." Stattdessen wurde in mehreren Untersuchungen nachgewiesen, dass sich der Leistungsabstand zwischen nichtversetzten und versetzten Schülern im Laufe der Zeit noch vergrößert.

Insofern ist die Tatsache, dass rund ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler während ihrer Schullaufbahn einmal wiederholen musste, ein Hinweis auf nicht ausgeschöpfte Potenziale im Schulsystem.

Sitzenbleiben ist teuer

Dieser Zustand ist teuer und kostet uns Steuerzahler eine Menge Geld. Bundesweit verursachten die Klassenwiederholer des Jahres 2008 laut der Klemm-Studie Mehrausgaben von 931 Millionen Euro. Würde man diese Mittel einsetzen, um die Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, wäre der Ertrag erheblich größer.

Solche Einsichten fallen wohl all denjenigen schwer, die das Versetztwerden und das Sitzenbleiben als selbstverständlich erlebt haben und nichts anderes kennen. Doch die Warnung vor dem "Recht auf Wohlfühlschule mit Abitur-Vollkasko-Anspruch", wie es Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, einmal nannte, ist lediglich uneinsichtiges Beharren auf überholten, widerlegten Standpunkten.

Sogar der "alte Grieche" Menander (um 300 v. Chr.) wird in diesem Zusammenhang gerne zitiert: "Der Mensch, der nicht geschunden wird, wird auch nicht erzogen." Aber so, wie wir heute aus Einsicht auf den Rohrstock verzichten, können wir auch das Sitzenbleiben abschaffen. Schließlich haben uns nicht nur pädagogische Erfahrungen, sondern längst auch die Motivationspsychologie und in den vergangenen Jahren sogar die Gehirnforschung nachgewiesen, dass positive Emotionen wie Freude und Aussicht auf Erfolg das Lernen fördern, während Ängste und Schmerzen es behindern.
Welch ein Menschenbild haben Jene, die glauben, Schüler würden nur unter Druck lernen? Eltern wissen aus dem Beobachten der Entwicklung ihrer Kinder, wie positiv neue Entdeckungen, kleine Erfolgserlebnisse und Ermutigungen wirken, während Strafen und Einschüchtern die Neugier und die Lernbereitschaft beeinträchtigen.

Auf dem Prüfstand

Die derzeitige Diskussion um die Abschaffung des Sitzenbleibens macht allerdings noch etwas deutlich: Das Ausleseprinzip unseres Schulsystems gehört überhaupt auf den Prüfstand! Auch wenn es konservative Bildungspolitiker nicht wahrhaben wollen, kann ein integratives System besser fördern als eines, das die Schüler nach der Grundschule auf unterschiedlich wertige weiterführende Schulen sortiert.

Das individuelle Fördern gelingt in unterschiedlichen Lerngruppen besser, weil man dort einfach nicht mehr von der ohnehin unrealistischen Erwartung ausgeht, alle Schüler könnten den gleichen Stoff zum gleichen Zeitpunkt beherrschen. Also arbeitet man mit modernen individualisierenden Methoden, was die unterschiedlichen individuelle Lernentwicklungs-Rückmeldungen einschließt.

Die Ziffernnoten als Grundlage von Versetzungsentscheidungen sind genauso überholt wie das Sitzenbleiben. Humane Leistungsschulen haben dabei nichts mit "Kuschelpädagogik" zu tun, sondern ermöglichen es erst, dass wirklich jeder Junge, jedes Mädchen das Beste aus seinen Möglichkeiten machen kann. Das ist das, was Eltern wollen und unsere Gesellschaft braucht.
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