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Familie

Schulschluss auf dem Land?

von , am
05.02.2014

Immer mehr Grundschulen auf dem Land sind von der Schließung bedroht - so auch die Schule in Küsten im Landkreis Dannenberg. Autorin Petra Witte war vor Ort und hat die Stimmung eingefangen.

Viele Dorfschulen sind auf dem Prüfstand: Ist die Wirtschaftlichkeit noch gegeben? © Stefan Merkle/fotolia
Die Johann-Parum-Schultze-Grundschule, auf die mein Sohn geht, haben schon meine Großmutter, mein Vater und ich besucht. Doch ob meine Tochter in drei Jahren noch an dieser Schule eingeschult wird ist fraglich. Denn die sogenannten Zwergschulen stehen vor dem Aus. Grund dafür ist vor allem die rückläufige Bevölkerungsentwicklung: Es werden zu wenig Kinder geboren. Das betrifft auch die Grundschule in Küsten. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten an den Dorfschulen - von denen es damals noch sehr viel mehr gab - die vielen Schüler vor- und nachmittags unterrichtet werden, weil sonst der Platz nicht ausgereicht hätte. Mittlerweile gibt es im ländlichen Raum immer mehr Grundschulen, die von nur noch 50 Jungen und Mädchen besucht werden - oder weniger. Bisher galten 30 Schüler als unterste Grenze für einen Schulerhalt.

Der Bundesrechnungshof hat im vergangenen Sommer von 50 niedersächsischen Zwergschulen Informationen zu ihrer Wirtschaftlichkeit angefordert. Eine davon ist die Küstener Schule, deren Schülerzahlen sich am unteren Ende befinden.

Sollte sie geschlossen werden, würde "das Quäntchen mehr" verloren gehen, befürchtet Schulleiterin Hildegard Sonderhoff: das Mehr an Engagement der Lehrerschaft, der Eltern und auch des gesamten Dorfes, das etwa in Küsten Lesenächte, Adventsliedersingen in Lüchower Altenheimen oder den Bastelnachmittag vor Weihnachten möglich macht. "Nächstes Jahr bin ich 25 Jahre hier in Küsten. Das war viel Arbeit, aber auch ein Stück Freiheit. Man konnte bestimmte Dinge auch unorthodox lösen", sagt Sonderhoff, die sich als Dorfschullehrerin "in einer uralten Tradition" sieht, die "den Kindern, den Eltern und natürlich auch dem Dorf verpflichtet ist."

Doch diese Schulform "stirbt aus. Da geht viel Persönliches und auch ein Stück Tradition verloren", sagt die Schulleiterin, während die Erst- bis Viertklässler auf dem Schulhof gemeinsam und lautstark die in Küsten beliebten Pausenspiele "Vogelfrei" und "Platte" spielen.

Die bereits im Südkreis Lüchow-Dannenbergs beschlossene Schließung der Schulen in Bergen und Schnega, sobald der geplante Neubau der Clenzer Grundschule abgeschlossen ist, sieht nicht nur Hildegard Sonderhoff als einen ersten Schritt, der das Ende der kleinen Dorfschulen besiegeln wird: "Ich glaube, es ist ein Politikum. Wir werden dem Zeitgeist entsprechen müssen."

Im Dorf gut vernetzt

Dabei hat die Küstener Schule - ebenso wie die in Bergen und Schnega - bei der vorigen Schulinspektion eine sehr gute Note erhalten. "Wir sind eine der besten Grundschulen in Niedersachsen", sagt Lehrerin Ramona Schuppe stolz. Eine der Stärken kleiner Schulen sieht die Pädagogin in der Vernetzung mit vielen Institutionen vor Ort. Gemeinsam mit dem Bezirksförster pflanzen die Küstener Grundschüler seit rund 20 Jahren jedes Jahr die "Bäume des Jahres", ein Imker aus dem Nachbardorf betreut mit den Kindern ein Bienenvolk, und die von einer Landwirtin geleitete Plattdeutsch-AG beteiligt sich regelmäßig an plattdeutschen Aktionen. Das Krippenspiel, das Heilgabend in der Kirche aufgeführt wird, probt die Küstener Pastorenfrau während der Schulzeit mit den Kindern ein. Und auch sonst bestehen zu Kirchengemeinde, dem benachbarten Kindergarten, und den Landwirten gute Kontakte. "Das ist nur auf dem Dorf möglich. Es sind die kurzen Wege, die es möglich machen", ist Sonderhoff überzeugt. Die Befürchtung, dass es kleinen Schulen an der nötigen Ausstattung fehle, um die Kinder angemessen auf die weiterführenden Schulen vorzubereiten, teilt die Schulleiterin nicht.

"Das Konzept der Grundschulen war schon immer: Lesen, Rechnen und Schreiben zu lernen und den Kindern dabei helfen, selbstständig zu werden", fasst die Pädagogin zusammen. Computerunterricht steht auch in Küsten für die größeren Kinder auf dem Plan; und auf den Übergang sind die Küstener immer gut vorbereitet.

Auch das Dorf verliert

Seit mehr als zehn Jahren bildet Küsten mit den Grundschulen Plate, Trebel und Woltersdorf einen Schulverbund mit gemeinsamen Sitzungen. Im kommenden Jahr will man sich erstmals gemeinsam als Umweltschule bewerben - den Titel tragen alle vier Schulen bereits - und gemeinsame Lesewettbewerbe und Sportfeste veranstalten.

Natürlich gibt es auch an kleinen Schulen trotz - oder gerade wegen - der Nähe mal Spannungen zwischen Lehrerschaft, Eltern und Kindern. Dass aber das Dorf verliert, falls die Schule schließt, steht außer Frage. Und für die Kinder, von denen bisher viele zu Fuß gehen, stehen längere Anfahrtswege an, was laut einer neuen Studie der Universitäten Erfurt und Köln zu schlechteren Schulleistungen führen kann.
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