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Familie

So wichtig wie lesen und schreiben

von , am
15.10.2013

Was kann ich mir von meinem Geld leisten? Wie führe ich einen Haushalt? Wichtiges fürs Leben lernen immer weniger Kinder zu Hause. Landfrauen fordern ein eigenständiges Unterrichtsfach "Verbraucherbildung" - doch die Politik blockiert.

© fotolia.de
Die Landfrauen haben es längst erkannt, und zahlreiche Studien belegen es schwarz auf weiß: Immer mehr Eltern wissen (zu) wenig über Lebensmittel, viele können nicht kochen, "und über Geld wird in Familien nicht gesprochen", sagte Peter Gnielczyk vom Verbraucherzentrale Bundesverband während der Konferenz zum Thema "Verbraucherbildung an Schulen" in Berlin. Eingeladen hatte dazu der Deutsche Landfrauenverband (dlv).

Lebensnotwendige Kompetenzen werden nicht an die nächste Generation weitergegeben - mit fatalen Folgen. Schon vor ein paar Jahren hatte der Niedersächsische Landfrauenverband Hannover (NLV) Handlungsbedarf erkannt. "Wir sind der Überzeugung, dass ein neues Unterrichtsfach zur Vermittlung von Alltagskompetenzen am besten garantiert, dass auch die Lehrerinnen und Lehrer gut qualifiziert werden", erläuterte die Vorsitzende des NLV und dlv-Präsidentin, Brigitte Scherb. Die niedersächsischen Landfrauen erarbeiteten auf Anregung der heutigen Bundeskultusministerin Johanna Wanka Vorschläge für wesentliche Bildungs- und Lehrinhalte zu Themen wie Ernährungs-, Gesundheits- und Verbraucherbildung, zu finanzieller und hauswirtschaftlicher Allgemeinbildung. Auch Inhalte für ein Lehramtsstudienfach wurden gemeinsam mit der Universität Vechta erarbeitet.

155.000 Unterschriften

Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschäftigte sich im September mit dem Positionspapier der Landfrauen, die ihr Anliegen zusätzlich mit 155.000 Unterschriften untermauerten. Immerhin sprach  die KMK die Empfehlung aus, Verbraucherbildung an Schulen stärker in den Mittelpunkt zu rücken. "Nun liegt es an den einzelnen Bundesländern, was sie daraus machen", sagte Elfriede Ohrnberger vom Bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus.

Zu der dlv-Konferenz nach Berlin waren neben der Vorsitzenden der Verbraucherschutzministerkonferenz, Lucia Puttrich, Vertreter aus Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern gekommen, um zu berichten, welche unterschiedlichen Ansätze bislang verfolgt werden und wie der Stand der Dinge ist. Puttrich sieht - genau wie die Landfrauen - Handlungsbedarf. "Es darf uns nicht kalt lassen, wenn immer mehr junge Menschen Privatinsolvenz anmelden, weil oft grundlegendes Finanzwissen fehlt. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn Kenntnisse über Herkunft und Produktion von Lebensmitteln nicht mehr vorhanden sind. Denn die Folgen sind nicht nur falsche Ernährung und schlechte Gesundheit, sondern auch mangelnde Wertschätzung und Verschwendung von Lebensmitteln."

Der "Bayerische Weg"

Wie die neue Landesregierung  in Niedersachsen die Empfehlung umsetzen wird, bleibe abzuwarten, so Scherb.  

Über den "Bayerischen Weg" informierte Dr. Andea Fuß vom Bayerischen Bauernverband. Dort hatten die Landfrauen in nur fünf Monaten 95.000 Unterschriften gesammelt, um ihrer Forderung nach einem eigenständigen Unterrichtsfach "Alltags- und Verbraucherkompetenzen" Nachdruck zu verleihen. Das half - wenn auch nicht zum erwünschten Ziel. Das Bayerische Kultusministerium lässt zurzeit ein Konzept erarbeiten, wie mit den vorhandenen Lehrkräften im Rahmen der bestehenden Lehrpläne Alltagskompetenzen und Lebensökonomie vermittelt werden können. "Die Landfrauen verfolgen aber weiterhin das Ziel ‚eigenes Unterrichtsfach‘", so Andrea Fuß.

Ein Stückchen weiter ist man in Schleswig-Holstein, wo es seit dem Schuljahr 2009/10 Verbraucherbildung als Wahlpflichtfach an Gemeinschafts-, Regional- und Förderschulen gibt. An der Universität Flensburg besteht seit 2005 der Lehramtstudiengang Ernährungs- und Verbraucherbildung. Birgit Feddersen vom schleswig-holsteinischen Landfrauenverband: "Wir fordern weiterhin das Fach Verbraucherbildung an allen allgemeinbildenden Schulen."

Auch Praxis vermitteln

Wichtig sei, dass auch praktisches Wissen vermittelt wird. Ein Beispiel: Fachlehrer gehen mit ihren Schülern zum Markt und kaufen Kartoffeln verschiedener Sorten. In der Schule werden sie dann auf mehrere Arten zubereitet und anschließend gemeinsam gegessen.

In Baden-Württemberg werden Konzepte erarbeitet, wie Konsumkompetenz in die verschiedenen Fächer an allgemeinbildenden Schulen inte-griert werden kann.
Über den Stand der Dinge in Nordrhein-Westfalen sprach Jutta Kuhles, Vizepräsidentin des Rheinischen LandFrauenverbands: „Wir sind seit geraumer Zeit  aktiv mit dem Thema: ‚Hauswirtschaft: so wichtig wie lesen und schreiben - nachhaltige Verbraucherbildung im Schulunterricht.‘ Beim parlamentarischen Abend in Düsseldorf im Mai dieses Jahres gab es einen kleinen Durchbruch: Vertreter aller Fraktionen sprachen sich für Alltags- und Verbraucherbildung als Unterrichtsfach aus.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft stellt jetzt allerdings die Frage: "Wie sollen wir das finanzieren und welches Fach sollen wir dafür streichen?"

Politiker blockerien

Scherb kritisierte: "Mit diesen Argumenten blockieren Politiker das Ganze. Natürlich bedeutet es Arbeit, die überfrachteten Lehrpläne zu entrümpeln. Aber es wird Zeit, Platz zu schaffen für Inhalte, mit denen Schülern Kompetenzen vermittelt werden, Informationen zu beschaffen und zu bewerten und ihnen Strategien zur Problemlösung beizubringen. Wenn Politik wirklich etwas will, spielen Kosten überhaupt keine Rolle."

Die abschließende Diskussion machte das Dilemma deutlich: Die Reparaturkosten, die durch mangelnde Konsumkompetenz entstehen, verschlingen schon jetzt jährlich Milliarden von Euro. Alle Experten der dlv-Konferenz sehen einen ganzheitlichen Lösungsansatz einmütig in der Schaffung eines Schulfachs.
Keine Studiengänge

Und es gibt zusätzliche Probleme: Bundesweit sind zu wenige Pädagogen dafür ausgebildet, Ernährungs- und Verbraucherbildung zu unterrichten. Außerdem gibt es an den Universitäten (bis auf Flensburg) keine Studiengänge zu den Themenfelder der Ernährungs- und Verbraucherbildung. Zudem fehlt es an Unterrichtsmaterialien und Fortbildungsmöglichkeiten.

Doch die Landfrauen lassen sich nicht entmutigen, sie werden die Politik auch weiterhin in die Verantwortung nehmen. So rief Brigitte Scherb ihre Vereinskolleginnen in den Landesverbänden auf: "Nutzen Sie ihre Netzwerke und bauen Sie sie weiter aus, um sich für die gemeinsame Sache stark zu machen und die unterschiedlichen  Entwicklungen in den Bundesländern konstruktiv zu begleiten."
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