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Familie

Sich stark machen - für die Frauen

von , am
06.05.2014

Christina Harms-Janßen kann sich nichts Schöneres vorstellen, als Hebamme zu sein. Doch seit Jahren wird die Situation für freiberufliche Hebammen immer schwieriger.

Stefanie Treinies (32), vierfache Mutter aus Schortens: "Meine beiden jüngsten Kinder waren Hausgeburten - für mich eine sehr schöne Erfahrung. Ich möchte, dass auch andere Frauen das in Zukunft erleben können." © privat
 
Um drei Uhr morgens klingelt das Telefon. Ein werdender Vater ist dran, er klingt aufgeregt: "Meine Frau hat Wehen, die Fruchtblase ist geplatzt. Können Sie kommen?" Christina Harms-Janßen macht sich auf den Weg, nachmittags kommt ein kleines Mädchen zur Welt.

Am nächsten Morgen steht der Hausbesuch bei einer anderen frischgebackenen Mutter an: Sie hat Schwierigkeiten beim Stillen. Abends findet ein Babymassage-Kurs statt: Sechs Frauen und ihr Nachwuchs treffen sich in einem Raum, den Christina Harms-Janßen extra für diesen Zweck angemietet hat. "So sah mein Alltag vor meiner Elternzeit aus", erklärt die 34-Jährige aus Mederns (Kreis Friesland). Als freiberufliche Hebamme ist sie Expertin in Sachen Schwangerschaft und Geburt - und damit gerade auf dem Land eine wichtige Ansprechpartnerin für die Frauen, wo oft weite Wege bis zum nächsten Arzt zu bewältigen sind.

Allerdings ist die Situation für ihren Berufsstand in den vergangenen Jahren immer problematischer geworden, weiß Harms-Janßen: "Die Prämie der Haftpflichtversicherung ist so stark gestiegen, dass sich immer weniger Hebammen ihren Beruf rein finanziell gesehen leisten können. Und wenn Hebammen fehlen, heißt das für Frauen, dass sie für die Geburtsvorbereitung, für die Geburt selbst und die Nachsorge auf Ärzte und Krankenhäuser angewiesen sind." Das mag in der Stadt nicht weiter schlimm sein. Auf dem Land kann das jedoch schnell Anfahrten von zwanzig Kilometern und mehr bis zum nächstgelegenen Krankenhaus bedeuten.

Kurze Wege - enge Betreuung

Neben Schwangerschaftsbetreuung, Geburtsvorbereitung sowie der Wochenbettbetreuung mit Stillberatung und Rückbildungsgymnastik bieten Hebammen Kurse wie Schwangeren- und Baby-Schwimmen, Baby-Massage, Yoga oder auch Akupunktur an. Mittelpunkt ihrer Arbeit ist jedoch die Begleitung der Geburt - bei der Schwangeren zu Hause, in speziellen Geburtshäusern oder in Kliniken.

In den Kliniken arbeiten festangestellte Geburtshelferinnen und sogenannte Beleghebammen, die einen Vertrag mit der Klinik haben, ihre Leistungen aber direkt mit den Krankenkassen abrechnen. "Als freiberufliche Beleghebamme im Krankenhaus Wittmund war ich von der Vorbereitung über die Geburt selbst bis zur Nachbetreuung für die Frauen zuständig", sagt die dreifache Mutter Christina Harms-Janßen. "Es ist schön, weil man so ein Vertrauensverhältnis aufbauen und mit der Schwangeren vorher genau besprechen kann, wie sie sich die Geburt vorstellt, welche Ängste und Wünsche da sind, und wie in welchem Fall verfahren werden soll. Diese Sicherheit habe ich selbst auch sehr genossen, als meine Kinder zur Welt kamen." Dass rund ein Viertel der freiberuflichen Hebammen in den vergangenen Jahren ihren Beruf aufgegeben hat, dass andere nur noch Vor- und Nachbetreuung, aber nicht mehr die Begleitung der Geburt selbst anbieten, liegt vor allem an der hohen Prämie für die nötige Haftpflichtversicherung. Während diese im Jahr 2003 noch 435 Euro betrug, wird sie ab Juli 2014 bei rund 5.000 Euro liegen. Für das Jahr 2016 soll der Betrag auf mehr als 6.000 Euro steigen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Nettoverdienst freiberuflicher Hebammen liegt laut Deutschem Hebammenverband bei 8,50 Euro pro Stunde.

Hebammen schlagen Alarm

Christina Harms-Janßen selbst ist nach der Geburt von Joren, 4,5 Jahre, Janne, 3 Jahre, und Jella, 11 Monate, in Elternzeit. "2003 habe ich mein Examen gemacht, danach war ich als freiberufliche Hebamme im Wangerland tätig. Vor den Kindern kam ich finanziell gut klar, arbeitete aber auch 60 Stunden pro Woche, das würde ich heute nicht mehr schaffen", gibt sie zu. "In Teilzeit würde sich der Beruf für mich aber nicht lohnen, daher bleibe ich  noch zu Hause und springe ab und zu auf dem Milchviehbetrieb meines Mannes ein."

Auf lange Sicht wünscht sie sich jedoch, ihren Beruf wieder aufzunehmen. "Es ist eine große Ehre, Frauen zu begleiten, und es ist immer wieder etwas Besonderes, wenn ein kleiner Mensch auf die Welt kommt." Für ihren Berufsstand macht sie sich als Kreisdelegierte der Hebammen in Friesland und Wilhelmshaven stark. "Früher haben wir zum Internationalen Hebammentag am 5. Mai Infostände aufgebaut, dieses Jahr sollte es etwas Spektakuläres sein. In Jever hatten die Landwirte vor zwei Jahren zum ‚Tag der Milch‘ dazu aufgerufen, dass sich Menschen zusammenfinden, um die Form einer Kuh für ein Luftbild nachzustellen. Diese Idee haben wir übernommen." Die Aktion war ein voller Erfolg, mehr als 800 Menschen machten mit. "Der Rückhalt in der Bevölkerung hat mich wirklich überwältigt", sagt Harms-Janßen, die den Tag in den vergangenen Wochen akribisch vorbereitet hat. "Ich war früher bei der Landjugend aktiv“, verrät sie mit einem Schmunzeln, „da lernt man, wie man Veranstaltungen organisiert."

Nun hofft sie, dass die Politik schnell Lösungen findet, damit es weiterhin genug freiberufliche Hebammen gibt - und Schwangere die Wahl haben, ob sie ihr Kind zu Hause, im Geburtshaus oder in der Klinik zur Welt bringen wollen. 
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